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NS–Gedenkstätte in Sobibór : Empathie mit den Opfern

Modell des ehemaligen Vernichtungslagers Sobibor in der neuen Ausstellung Bild: Picture-Alliance

Im polnischen Sobibór errichteten die Nazis 1942 ein Vernichtungslager, in dem etwa 180.000 Menschen ermordet wurden. Nun soll eine neue Gedenkstätte an die Gräueltaten des Nationalsozialismus erinnern.

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          Einen Ort namens Sobibór gibt es eigentlich nicht. Es gibt, mitten im Kiefernwald, nur eine Lichtung, ein paar Häuser und eine Bahnstation, die so heißt. Ihr tägliches Passagieraufkommen beziffert das aktuelle Verzeichnis der polnischen Staatsbahn mit „0 bis 9“ – die letzte Kategorie. Als sich die Zahl der „Reisenden“ im Jahre 1942 fast über Nacht verhundertfachte, hatte dieser geografische Punkt immerhin schon einen Fernmeldeanschluss. In einem deutschen Telefonbuch für das besetzte Polen steht geschrieben, wer hier zu erreichen war: „Sobibór. Polizei SS-Sonderkommando Verwaltung“.

          Gerhard Gnauck

          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

          Jetzt ist alles zugedeckt von tiefem Schnee. Mitten auf der Lichtung erhebt sich etwas Neues: ein flacher, langgestreckter Pavillon in verschiedenen Brauntönen, die das Muster der Baumstämme ringsum aufnehmen; Fenster sind von vorne nicht zu sehen, der Besucher weiß nicht, was er hier betritt. Jetzt hat also Sobibór ein neues, dem Ort angemessenes Museum. Im Herbst wurde es fertiggestellt; erst seit diesem Februar können, da die wegen der Pandemie geschlossenen Museen in Polen wieder öffnen durften, Besucher eingelassen werden.

          Sobibór liegt einige hundert Meter vom Bug entfernt, dem Fluss, der heute die Ostgrenze der Europäischen Union markiert. Manche halten diesen Ort für das Ende der Welt; auch Treblinka und Bełzec, die anderen großen Vernichtungslager, wenn man von Auschwitz absieht, liegen im Bogen dieses Flusses, der schon einmal zur Grenze wurde: als Hitler und Stalin 1939 Polen aufteilten. Auschwitz im Westen Polens verzeichnete 2019 die Rekordzahl von gut zwei Millionen Besuchern aus aller Welt. Da können die Lager im Osten nicht mithalten. Aber auch hier war die Tendenz steigend. Der junge Historiker Tomasz Oleksy-Zborowski, der am Bug aufgewachsen ist und das Museum leitet, hofft für Sobibór jetzt auf einen Sprung: Künftig könnten es 50.000 sein. Dabei gibt es hier wenig Geschichte zum Anfassen. „Die deutschen Besatzer, die das Lager errichteten, haben später alle Spuren beseitigt. Es sollte alles vergessen werden. Die Aufgabe unseres Museums ist das Gegenteil: Es dem Vergessen zu entreißen und den Opfern, die zum bloßen Objekt geworden waren, ihren Subjektcharakter wiederzugeben.“

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          Kürzlich verloren zwei Historiker wegen der Behauptung einer NS-Kollaboration eines Ortsvorstehers in Polen einen Prozess und müssen sich bei der Nichte des Mannes entschuldigen. Sieht der Direktor in diesem Urteil eine Gefahr? Oleksy-Zborowski zuckt mit den Schultern. „Die Forschung über Polen und Juden in der Kriegszeit geht weiter.“ Das vergangene Jahrzehnt über wurde auch in Sobibór geforscht, behutsam gegraben, gesucht, am Ende schließlich gebaut. Aus einem Provinzmuseum wurde ein Ort von nationaler Bedeutung, beaufsichtigt von einem „Steuerungskomitee“ mit Vertretern der Länder, aus denen die meisten Sobibór-Opfer kamen: Polen, die Slowakei und die Niederlande, dazu Israel. Sie alle trugen auch die Kosten der Neugestaltung von umgerechnet gut drei Millionen Euro; die Bundesrepublik Deutschland hat außerdem die neue Dauerausstellung mit einer Million Euro finanziert.

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