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Gedenkstunde im Bundestag : Der zwangsläufige Gang eines anständigen Menschen

Den Opfern eine Stimme geben: Saul Friedländer im Deutschen Bundestag Bild: dpa

In seiner Gedenkrede im Bundestag erinnert Saul Friedländer an das Schicksal europäischer Juden – und kritisiert den „nur dürftig verhüllten“ Antisemitismus heute.

          Es war im Juli 1942, als im besetzten Frankreich die Verhaftungen von ausländischen Juden begannen. Saul Friedländer, 1932 als Sohn einer jüdischen Familie in Prag geboren, war drei Jahre zuvor mit seinen Eltern nach Frankreich geflohen, in der Hoffnung, im Land der Erklärung der Menschenrechte Zuflucht zu finden.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Es kam anders. Die Eltern sahen sich gezwungen, ihr Kind unter falschem Namen dort in einem katholischen Internat zu verstecken. Der noch nicht einmal zehnjährige Junge riss aus, wollte zu seinen Eltern, die ihn zurückschicken mussten. „Was ging wohl in ihnen vor“, erinnerte sich Friedländer gestern in seiner Gedenkrede im Bundestag, „als sie sahen, wie ihr kleiner Junge, der sich mit Händen und Füßen wehrte, weil er bei ihnen bleiben wollte, aus ihrem Zimmer entfernt wurde?“ Es war das letzte Mal, dass er seine Eltern sah. Sie wurden, wahrscheinlich noch im selben Jahr, in Auschwitz ermordet.

          Zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus erinnerte Wolfgang Schäuble (CDU) im Bundestag an das Gebot, ein Mitmensch zu sein, und an „unsere Verantwortung, nicht vergessen zu wollen“. Die eindringlichen Worte von Friedländer nahmen den Zuhörern die Möglichkeit zu vergessen. Er hielt seine Rede auf Deutsch – der Sprache seiner Kindheit, die er über viele Jahre vergessen und später zurückerworben habe.

          Den Opfern eine Stimme geben

          Nach dem Krieg wanderte Friedländer nach Israel aus. Die Staatsgründung sei für Juden wie ihn lebensnotwendig gewesen. Und so bleibe es, bei aller Kritik an der Politik seiner Regierung, bis heute „eine grundsätzliche moralische Verpflichtung“, das Existenzrecht Israels zu verteidigen. Friedländer wurde zu einem der renommiertesten Historiker der Geschichte des Nationalsozialismus. Er gab den Opfern eine Stimme, lauschte ihren Schreien, ließ sie – und nicht nur die Täter – sprechen.

          In der westdeutschen Geschichtswissenschaft hatte er damit keinen leichten Stand. Das veranschaulicht sein berühmt gewordener Briefwechsel mit dem Historiker Martin Broszat über die „Historisierung des Nationalsozialismus“. Objektiv, behauptete Broszat, könne Friedländer nicht über das „Dritte Reich“ schreiben, weil er doch Jude und befangen sei. Friedländer führte vor, in welchem Konstrukt Broszat sich damit bewegte: Müssten die westdeutschen Historiker, zumal solche, die die NS-Zeit noch erlebt haben, nicht genauso befangen sein?

          Die Anerkennung, die Friedländer für sein Werk und Wirken erfuhr, gab ihm recht. Mit zahlreichen Auszeichnungen bedacht, erhielt er 2008 für sein Buch „Das Dritte Reich und die Juden“, das als eines der Standardwerke der NS-Forschung gilt, den Pulitzer-Preis.

          Antisemitismus in neuem Gewand

          Friedländer überschrieb dieses Buch mit einem Eingangszitat von Hermann Göring vom 12. November 1938: „Ich möchte kein Jude in Deutschland sein.“ Ein Satz aus längst vergangenen Zeiten? So klangen die mahnenden Worte von Schäuble nicht, der auf den inakzeptablen „Antisemitismus in neuem Gewand“ verwies, „den alten und auch einen neu zugewanderten“. Scharf kritisierte Friedländer nicht nur den heutigen Antisemitismus der extremen Rechten, sondern auch den der extremen Linken. Die „politisch korrekte Art der Rechtfertigung ihres Hasses“, ihres „nur dürftig verhüllten Antisemitismus“, bestehe darin, „die israelische Politik obsessiv anzugreifen und dabei zugleich das Existenzrecht Israels in Frage zu stellen“.

          Werden wir weiterhin so hellhörig gegenüber neuen Formen des Judenhasses bleiben, wenn die Zeitzeugen eines Tages nicht mehr leben? Wie wird öffentliches Gedenken ohne sie aussehen? Wir verlieren ihre Stimmen, die, wie Friedländer schreibt, „das offenbaren, was man wusste und wissen konnte“. Auch in seiner Rede wurde er nicht müde zu betonen (und zu belegen), dass schon 1942, spätestens 1943 Millionen Deutsche von der systematischen Ermordung der Juden gewusst hätten. Es waren wichtige Worte in einer Gegenwart, in der das Wissen über Auschwitz zu schwinden droht und die reflexartige Abwehr wiederauflebt, Verantwortung für etwas zu übernehmen, was doch schon damals, so lautet der immer gleiche Tenor, keiner gewusst habe.

          Friedländers Rede zeigt, wie sehr wir die Stimmen der Überlebenden brauchen. Sie sind gerade kein Verlust an Objektivität. Sie schützen vor einer Relativierung des Geschehenen. Und sie erinnern uns an unsere Pflicht, im Sinne der von Schäuble angemahnten Mitmenschlichkeit zu handeln – so wie es der Widerstandskämpfer Hans von Dohnanyi beschrieb, mit dessen Worten Friedländer seine bewegende Rede beendete: „Es war einfach der zwangsläufige Gang eines anständigen Menschen.“

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