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Gedenklesung : Eine Herausforderung an die Meinungsfreiheit

Gedenken an Anna Politkowskaja Bild: ddp

Diese Stimme darf nicht verlorengehen: Mit einer von der F.A.Z. in Berlin ausgerichteten Lesung ihrer Werke haben Schiftsteller und Publizisten wie Peter Esterhazy, Ingo Schulze und Judith Hermann die ermordete Anna Politkowskaja geehrt.

          Alle Plätze sind besetzt. Und hinter den Stuhlreihen drängen sich noch weitere Zuhörer in engen Reihen in den Lichthof des Redaktionsgebäudes der F.A.Z. in Berlin. Einige sitzen im Foyer, wohin die Veranstaltung übertragen wird. Sie sind gekommen, um die Stimme einer Toten zu hören. Eine Woche zuvor ist Anna Politkowskaja ermordet worden, heute haben sich vierzehn Schriftsteller und Publizisten versammelt, um aus den Büchern der russischen Journalistin vorzulesen. Denn ihre Stimme darf nicht verstummen.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Es ist eine exemplarische Stimme gewesen, eine, die in Rußland, aber auch im Ausland gehört wurde. Das hatte sie vielen anderen Kollegen in ihrer Heimat voraus. Im Berliner Publikum sitzt Rimma Maximova, deren Sohn Maxim, auch er ein russischer Journalist, seit zwei Jahren vermißt wird. Seine letzten Recherchen galten der angeblichen Korruptionsbekämpfung durch die russische Miliz.

          Und bevor die Gedenklesung beginnt, spricht im Lichthof Mainat Abdullajewa, tschetschenische Kollegin und Freundin von Anna Politkowskaja. Sie rückt das große westliche Medienecho auf diesen Mord zurecht: „Wichtig ist nicht, wer der Mann mit der dunklen Baseballkappe war, der geschossen hat - seinen Namen werden wir nie erfahren -, wichtig ist, daß wir lernen, daß viele andere Journalisten in Rußland Opfer des Regimes geworden sind und es noch weiter werden.“

          Peter Esterhazy am Pult

          Erschießen ist noch zuwenig

          Danach beginnt die Schriftstellerin Monika Maron, zusammen mit der F.A.Z Initiatorin der Gedenkveranstaltung, den Reigen der Lesungen: mit Auszügen aus Anna Politkowskajas 2003 erschienenem Buch „Tschetschenien - Die Wahrheit über den Krieg“ (erschienen bei DuMont). „Wer bin ich eigentlich“, hebt es an, „und warum schreibe ich über den zweiten Tschetschenienkrieg?“ Was Frau Maron vorträgt, die Foltermethoden in den russischen Gefangenenlagern und der Hunger in den tschetschenischen Dörfern, von dem direkt nach ihr Judith Hermann liest, das alles kulminiert in dem Satz, den Frau Politkowskaja von einem russischen Offizier kolportiert: „Erschießen ist noch zuwenig für dich.“

          Am 7. Oktober scheint das dem Mörder mit der dunklen Baseballkappe für sein Opfer dann doch genug gewesen zu sein. Damit er und seine Auftraggeber ihr Ziel, kritische Journalisten zum Schweigen zu bringen, nicht erreichen, dafür lesen in Berlin außerdem die Romanciers Peter Esterhazy, Katja Lange-Müller, Sybille Lewitscharoff, Ingo Schulze, Thomas Hettche, Emine Sevgi Özdamar und Tilman Rammstedt. Es lesen mit ihnen der Bürgerrechtler und Physiker Jens Reich, der ehemalige ZDF-Korrespondent in Moskau, Dirk Sager, der diesjährige Börne-Preisträger Wolfgang Büscher und die Schriftstellerin Jana Hensel. Sie lesen aus dem Tschetschenien-Bericht, aber auch aus dem 2004 publizierten Buch „In Putins Rußland“, mit dem Anna Politkowskaja ihr journalistisches Engagement auf das russische Machtzentrum verlagerte.

          Ein Anfang ist gemacht

          Kein einziges Mal unterbricht Applaus der vielhundertköpfigen Zuhörerschaft die sich abwechselnden Leser: Mehr als zweieinhalb Stunden lang erklingt noch einmal die Stimme von Anna Politkowskaja, und das Publikum zollt dem schrecklichen Anlaß Respekt. Nur zweimal brandet im Lichthof spontaner Applaus auf: nachdem der Publizist Peter Merseburger eine eigene scharfe Putin-Kritik vorgetragen hat und als der Schriftsteller Hartmut Lange, der sich noch zum Reigen der Lesenden gesellt hat, den Klappentext aus Anna Politkowskajas letztem Buch verliest - als Vorwegnahme des Lexikoneintrags, den die Journalistin erhalten werde, wenn es gelinge, sie dauerhaft „der Bannmeile des Vergessens“, wie Lange es nennt, zu entreißen. Ein Anfang dazu ist gemacht.

          Frank Schirrmacher hat zur Einführung hervorgehoben, was der Mord an Frau Politkowskaja bedeutet: eine Herausforderung an die Meinungsfreiheit, die es zu bestehen gilt. Schon am kommenden Mittwoch wird in der Berliner Akademie der Künste ein vom Schriftstellerverband PEN veranstaltetes Gespräch zur Erinnerung an Anna Politkowskaja stattfinden, das unter dem Titel „Mörderische Pressefreiheit“ steht. Mainat Abdullajewa wird dort wohl jene Warnung wiederholen, die sie im Lichthof der F.A.Z. zum Abschluß ihrer Reminiszenz an die tote Kollegin ausspricht: „Wenn erst der letzte mutige russische Journalist tot ist, wird der Mörder mit der dunklen Baseballkappe auch zu den westeuropäischen Publizisten kommen.“

          Siehe auch: Dokumentation: Schriftsteller würdigen Anna Politkowskaja

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