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Gedenken in Paris : Von Vichy bis an den Belt?

Frankreich reicht Merkel die Hand Bild: AP

Vor der Feier hatte der Pressedienst des Elysées angekündigt, der Chor der Französischen Armee werde am 11. November in Paris „Deutschland über alles“ singen. Man kann die peinliche Panne in mancherlei Richtung deuten.

          3 Min.

          Seit ein paar Tagen befindet sich Frankreich in einem deutschen Taumel. Ausgelöst hat ihn der Fall der Berliner Mauer vor zwanzig Jahren. Der Gedenktag ist in Paris selbst von allen, die nicht in die deutsche Hauptstadt gereist waren, wie ein nationaler Feiertag und mit einem spektakulären Feuerwerk begangen worden (Frankreichs Mauerfall: Dabei sein war alles). Selbst das ungeliebte Freifach Deutsch wird von den Schülern wieder mehr gewählt – und ohne dass man diese gute Nachricht dem Einfluss von Tokio Hotel zuschreiben müsste. Von der Schaffung eines deutsch-französischen Ministeriums ist die Rede.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Die Achse Paris – Berlin hat allen Versuchungen mit London, Rom, Warschau, Moskau und dem Mittelmeer standgehalten. Der Motor Europas kommt wieder in Gang, eine neue Anziehung belebt das auf den Pflichtverkehr reduzierte Paar. Nach der Männerfreundschaft zwischen De Gaulle und Adenauer, Giscard und Schmidt, Kohl und Mitterrand und auch noch Schmidt und Chirac strahlt das deutsch-französische Verhältnis eine frische Erotik aus: Zwischen Nick und Angie funkt die Liebe auf den zweiten Blick.

          Bei all der Euphorie darf es sogar ein wenig „Deutschland über alles“ sein. Vor der Feier hatte der Pressedienst des Elysées angekündigt, der Chor der Französischen Armee werde am 11. November in Paris „Deutschland über alles“ singen. Er hat sich dann, als es so weit war und Angela Merkel als erster deutscher Staatschef an den offiziellen Feiern zum Sieg der Franzosen im Ersten Weltkrieg teilnahm, auf die dritte Strophe beschränkt.

          Fehlleistung mit klarer Botschaft

          Man kann die peinliche Panne in mancherlei Richtung deuten. Vielleicht bestätigt sie einfach die französische Ignoranz in deutschen Fragen. Dann würde sie haargenau den französischen Rückstand beziffern – den Stillstand des Bewusstseins bei 1989. Diese Interpretation kann sich wiederum auf die Raserei stützen, mit der die Franzosen in diesen Tagen den Fall der Mauer zelebrieren und die Wiedervereinigung in ihr Weltbild integrieren. Wie bei Sarkozys herrlicher Anekdote, er sei zur Maueröffnung nach Berlin gefahren („Mauerspecht“ Sarkozy - nur eine PR-Legende? ), handelt es sich bei diesem „Deutschland über alles“ im offiziellen Programm um eine Fehlleistung aus der Tiefe des historischen Unterbewusstseins. Mit einer klaren Botschaft: Die Urängste, die zur Wiedervereinigung noch nicht gebändigt waren, machen uns keine Angst mehr.

          Darüber hinaus ist der Lapsus ein diskreter und durchaus willkommener Hinweis darauf, wie sehr Deutschland in den fragilen Jahrzehnten des Nachkriegs im konstanten und schwierigen kulturellen Dialog mit Frankreich zu seiner Normalität und Identität gefunden hat. Er war von Missverständnissen und Phasenverschiebungen gezeichnet. Zu seinen Stationen gehören ebenso Heideggers Rezeption in Frankreich wie die Beschimpfung der Pazifisten als „Juden des Dritten Weltkriegs“.

          Angela Merkel und Nicolas Sarkozy haben die Freundschaft zwischen ihren Ländern mit jeder Berechtigung als Geschenk gefeiert – ihnen selbst ist es in der Tat ohne große eigene Anstrengung in den Schoß gefallen. Auch als Fundament, auf das sie in Zeiten der Krise bauen können. Ohne den deutsch-französischen Motor geht nicht viel in Europa, nach wie vor. Und ohne dieses kühne, politisch provozierende „Deutschland über alles“ aus dem Elysée hätte man diesen elften November gerade nach dem neunten, der einen wirklichen Fortschritt deutlich machte, fast als Rückfall betrachten müssen. Trotz der historischen Premiere, die kühn und mutig nur dank der Schelte wurde, mit der man Angela Merkel eingedeckt hat.

          Faschistischer Gesang

          Kohl und Mitterrand gingen über die Schlachtfelder von Verdun. „La Grande Guerre“ der Nationen eignet sich keineswegs nur wegen der zeitlichen Distanz sehr viel besser für die Versöhnung als der Zweite Weltkrieg. Bei seiner Instrumentalisierung der Résistance im Wahlkampf – und seither – hat sich Sarkozy nicht immer sehr deutschfreundlich geäußert. Zu „Deutschland über alles“ haben selbstkritische Franzosen umgehend festgestellt, dass ihr Land zur immer wieder geforderten Überarbeitung der eigenen Nationalhymne unfähig ist. Die „Marseillaise“ mit ihrem Ruf zu den Waffen und zur Bekämpfung des „unreinen Bluts“ ist ein ziemlich faschistischer Gesang.

          Noch hat die deutsch-französische Freundschaft nicht alle Tabus, auf denen sie beruht, besiegt. Das letzte wird wohl Vichy sein. Es bleiben heikle Daten wie der 6. Juni und der 8. Mai. Die von Sarkozy und Merkel inszenierten 9. und 11. November 2009 werden als Gedenktage in die Geschichte der Freundschaft eingehen. Weitere Fortschritte sind durchaus vorstellbar. Zum Beispiel ein Canossa-Spaziergang Hand in Hand durch die Ruinen von Oradour. Denn das Sinnbild der deutschen Verbrechen in Frankreich ist auch das Tabu des französischen Verdrängens.

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