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Gebt die Drogen frei! : Eine Frage des Gesetzes

Soldat auf Patrouille in Rocinha, einer der Favelas von Rio, die von Drogenbanden beherrscht wird Bild: REUTERS

Heroinkonsum ist tödlich nur für einen, doch der Handel mit Heroin tötet Tausende. Nicht der Drogenabhängige ist kriminell, aber die Kriege im Namen der Drogen. Deshalb gibt es nur einen Weg heraus aus dem Zirkel von Tod und Gewalt: die Legalisierung.

          Die gute Nachricht, die in diesem Herbst aus Afghanistan kam, geht so: Zum ersten Mal seit Jahren ist die Produktion von Opium zurückgegangen; zwanzig Prozent weniger Mohn als im vergangenen Jahr wurden angebaut, zehn Prozent weniger Rauschgift wurden daraus gewonnen.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die schlechte Nachricht, die leider dazugehört, läuft darauf hinaus, dass das alles nichts mit dem Krieg des Westens, der auch ein Krieg gegen die Drogen ist, zu tun hat: nichts mit Förderprogrammen und Strafmaßnahmen, nichts mit Hamid Karzai, nichts mit der afghanischen Polizei, nichts mit zerstörten Feldern oder verhafteten Drogenhändlern. Es liegt einzig daran, dass der Weltmarkt, so schätzen Experten, im Jahr ungefähr fünftausend Tonnen nachfragt; allein in Afghanistan wurden aber fast siebentausend Tonnen produziert. Logischerweise ist also der Preis so stark gefallen, dass es sich für den einen oder anderen Bauern wieder lohnt, Getreide anzubauen statt des Mohns.

          Die gute Nachricht, die in diesem Herbst aus Rio de Janeiro kam, war, dass die Bewohner der Stadt, ja, eigentlich alle Brasilianer sich wirklich sehr gefreut haben darüber, dass die Olympischen Spiele des Jahres 2016 nach Rio vergeben wurden; viele taten, was die Welt von ihnen erwartete, sie tanzten Samba an den Stränden von Ipanema und Copacabana und feierten mit südlichem Temperament.

          Mohnanbau in Afghanistan

          Die schlechte Nachricht lieferte das Fernsehen ein paar Tage später, als es ein Amateurvideo zeigte aus einer der vielen Favelas in Rio: Unten, in den Gassen, gab es Feuergefechte, oben, in einem blauen Himmel, ratterte ein Polizeihubschrauber; dann explodierte ein großkalibriges Geschoss, und der Hubschrauber stürzte ab; die Gangster hatten ihn abgeschossen. Hunderte solcher Favelas gibt es in Rio, fast alle werden von Gangs regiert, während der Staat sich weitgehend zurückgezogen hat - und im „New Yorker“, in einer erschütternden Reportage aus Rio, stand in derselben Woche die Mitteilung, dass die Feuerkraft aller Gangs in Rio ungefähr neunmal größer sei als die Feuerkraft der gesamten brasilianischen Polizei. Dass das Geld, mit dem die Waffen bezahlt werden, aus dem Drogenhandel kommt, versteht sich fast schon von selbst.

          Als ob sie in der Hölle lebten

          Die gute Nachricht, die in diesem Herbst aus dem Norden Mexikos kam, stand zwischen zwei Buchdeckeln, und auf der Titelseite las man die kryptische Zahl „2666“. In Roberto Bolaños großem, nachgelassenem Roman bilden Drogenkrieg, Korruption und organisiertes Verbrechen rund um die Grenzstadt Ciudad Juárez einen blutroten und sehr stimmungsvollen Hintergrund. Die schlechte Nachricht stand auf Zeitungspapier; sie läuft darauf hinaus, dass Bolaño sich da nichts ausdenken musste; ja, dass, seit er dort war, um Anschauung zu sammeln, alles noch viel schlimmer geworden ist. Verschiedene Gangs, die nach dem Monopol im Drogenschmuggel und -handel streben, bekriegen einander mit unmenschlicher Grausamkeit; die Polizei ist bestochen oder sie hat kapituliert, und dass, wo so viel Munition verschossen wird, nicht nur Gangster einander massakrieren, sondern täglich Unbeteiligte und Unschuldige getroffen werden, ist eben das Risiko dieser Leute, die sich in vielen Städten im Norden so fühlen müssen, als ob sie in der Hölle lebten.

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