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Gaucks Antrittsrede : Sein Ton stimmt

Joachim Gauck bei seiner Antrittsrede: jemand, der gern spricht, aber nicht, weil er gern verbal fuchtelt Bild: dpa

Kurz und furchtlos: Joachim Gaucks erste Rede als Bundespräsident verzichtete auf Einschüchterungsrhetorik ebenso wie auf Eitelkeiten. Seine ausgeglichene Sprechweise unterstrich den Sinn seiner Mitteilung.

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          Drei Redegattungen unterscheidet Aristoteles. Darunter ist zur Beschreibung der Rede des neuen Bundespräsidenten im Deutschen Bundestag an diesem Freitag Morgen die erste, die politische Rede, einschlägig. Sie wende sich, heißt es in der „Rhetorik“, an eine Versammlung, der ab- oder zugeraten werde, und sie richte sich auf die Zukunft (Gerichtsreden auf Vergangenes, Festreden auf den Genuss der Gegenwart). Wiederum dreigeteilt sind für Aristoteles die Mittel, durch die der Rhetor dabei zu überzeugen vermag: durch seinen Charakter, sein Ethos; durch sein Einwirken auf die Emotionen des Publikums, sein Pathos; sowie durch sein Argument, den Logos seiner Rede.

          Wozu die rhetorische Tradition weniger sagt, ist gerade das, was die erste größere Rede des neuen Bundespräsidenten so erfreulich machte: der Ton. Viel mehr noch als ihr Argument, ihre Wortwahl und ihr Aufbau bewies Joachim Gaucks Sprechweise den Sinn seiner Mitteilung: ungestelzt, ausgeglichen, selbst im Pathos unterorchestriert. Es stellte sich ein Bundespräsident vor, der ohne Kunstpausen, erhobene Augenbrauen, markige Akzente auskam. Gauck trug mit wenigen Gesten und ohne jeden Druck in der Stimme vor. Der Kontrast war sowohl zu Angela Merkels Redeweise maximal wie zu derjenigen der größten rhetorischen Matadore wie Franz Josef Strauß oder Joschka Fischer. Wir hörten jemanden, der gern spricht, aber nicht, weil er gern verbal fuchtelt.

          Text und Ton stimmten völlig überein

          „Ja, wie soll es denn nun aussehen, dieses Land, zu dem unsere Kinder und Enkel einmal sagen sollen: unser Land?“ Gauck setzte eine Zuhörerschaft voraus, die sich an den letzten Satz seiner Antrittsansprache erinnern konnte, ein mitbürgerliches Publikum also, das tatsächlich zuhört und nicht nur isolierte Redensarten über sich ergehen lässt, sondern Fragen übrig behält und sich dafür interessiert, was gemeint war. Zugleich stimmte das „Ja, wie denn nun?“ auf den von einstudierten Sorgenfalten freien Stil des Vortrags ein.

          Dabei ging Gauck fast alle Ursachen politischer Sorge durch: Europa, Rechtsradikalismus, Bildungsversagen, religiöser Fanatismus, Ressentiments, ungerechte Verteilungen. Doch er verzichtete auf jedes Moment der Einschüchterung („Scheitert der Euro, dann scheitert Europa“) sowie des „Wann wird endlich ...?“ oder „Wenn wir nicht ..., dann ...“. Dass Angst auch deshalb zu bekämpfen ist, weil sie schlechten Rat gibt, und man die Fragen, die sich stellen, ohne Aufregung und für die Medien einstudierte Warngesten behandeln sollte, auch das teilte Gaucks Ton in völliger Übereinstimmung mit seinem Text mit. „Euer Hass ist unser Ansporn“ - noch auf die rechtsradikale Niedertracht antwortet Gauck nicht, wie ein Roman Herzog, mit der Ankündigung, man werde an ihr das Strafrecht vollziehen, sondern mit der weniger selbstverständlichen Mitteilung, dem Hass werde keine Angst geschenkt.

          Ohne Predigertum und Eitelkeit

          Doch war es denn überhaupt eine politische Rede? Kann man nicht einwenden, dass der Bundespräsident mit keiner seiner Reden Entscheidungen in einer Sache herbeizuführen sucht? Wäre nicht doch die aristotelische Gattung der Demonstrativrede, der „Festtagsrede“, einschlägiger? Gauck verband beide Genres durch die Demonstration einer Bedingung verständigen politischen Entscheidens: jener Sicherheit dessen nämlich, den selbst die Ungewissheit darüber, „ob wir den Kindern und Enkeln dieses Landes Geld und Gut vererben werden“, nicht furchtsam macht. Weil er Schlimmeres kennt als Wohlstandsverluste, und Wohlstandsgewinne nicht hertauschen möchte für Freiheit.

          Und noch ein letztes rhetorisches Merkmal: Joachim Gaucks Antrittsrede war die mit Abstand kürzeste in der jüngsten Geschichte des Bundespräsidentenamtes. Gedruckt wird sie kaum mehr als acht Seiten lang sein. Fast dreimal so lange redete einst Richard Weizsäcker, mehr als doppelt so lang stellte sich Roman Herzog vor, unwesentlich kürzer hielt sich Johannes Rau und selbst Horst Köhler brachte es noch auf vierzehn Druckseiten. So viel nur zur Frage der Eitelkeit und des protestantischen Predigertums.

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