https://www.faz.net/-gqz-9bhkl

Gaucks Kritik an Gastarbeitern : Im Namen des Vaters

  • -Aktualisiert am

Gastarbeiter aus der Türkei nach ihrer Schicht in der Zeche Neu-Monopol in Bergkamen Bild: Picture-Alliance

Für Joachim Gauck ist es „nicht hinnehmbar“, wenn Türken kein Deutsch können. Weiß er nicht, wie hart das Leben für uns in diesem Land war? Ein Gastbeitrag.

          „Ich nix verstehen. Du besser reden mit Tochter“, ist ein typischer Satz meines Vaters. Meine Reaktion darauf müsste in dem Deutsch meines Vaters wie folgt lauten: „Ja, lieber reden mit mir. Ich verstehen sehr gut, aber nie haben hart gearbeitet wie Vater.“ Der Satz meines Vaters ist das Paradebeispiel seiner Generation, der Gastarbeiter nämlich, die seit Jahrzehnten hier lebt und immer noch nicht richtiges Deutsch spricht – also der Generation, die der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck neulich kritisierte, weil er ihre fehlenden Deutschkenntnisse für „nicht hinnehmbar“ hält.

          Gauck bekam sehr viel Zuspruch für diesen Satz, während Menschen wie ich, Gastarbeiter-Sprösslinge, mächtig über diesen Satz schlucken mussten. Von Enttäuschung, dass ein ehemaliges Staatsoberhaupt dieses Landes so wenig über die Geschichte unserer Väter und Mütter weiß, bis hin zur Kränkung und sogar Wut war alles dabei. Und eigentlich ist genau diese Unkenntnis „nicht hinnehmbar“.

          Sehr begrenzte Sprachkurse

          Als Kind habe ich meinen Vater selten wahrgenommen. Entweder war er unter Tage Kohle graben, oder er schlief, weil er davor eine Nachtschicht hatte. Die Wochenenden waren oft mit Extraschichten belegt, nur damit es der Familie an nichts mangelte. Und ja, es mangelte der Familie an nichts. Mein Vater hatte tatsächlich den Anspruch, nie Deutsch zu lernen. Er hatte sich in der Türkei als Gastarbeiter beworben und bestand den Gesundheitstest, der ähnlich wie eine Musterung verlief. Man schaute ihm nicht nur in den Mund, sondern auch in die Unterhose, und zwar vor sämtlichen anderen Bewerbern; und wenn man tauglich war für die harte Arbeit im Bau, unter Tage oder in den Werken im Wirtschaftswunder-Deutschland, durfte man kommen und genau das tun, was man dann Jahrzehnte tat: hart arbeiten, zehn bis zwölf Stunden oder länger.

          Einen Deutschkurs bekamen die Gastarbeiter tatsächlich auch. Einen, in dem sie lernten, wie die einzelnen Werkzeuge oder Maschinen heißen, mit denen sie arbeiten mussten. Diese können auch heute noch die meisten Gastarbeiter runterrasseln, während der Gang zum Arzt eine sprachliche Katastrophe ist. Aber das Deutsch, das für einen Arztbesuch heute nötig wäre, wurde ihnen leider nie vermittelt. Sie taten also genau das, wofür sie geholt wurden. Niemand verlangte von diesen Menschen, die gerade einmal lesen und schreiben konnten, dass sie Deutsch lernten. Anders als heute verlangte das noch nicht einmal irgendjemand von ihren Familien, die sie nachholten.

          „40 Jahre unter Tage – ohne einen Tag krank!“

          Denn keine Seite wollte, dass dieses Arrangement von Dauer sein würde. Irgendwann sollte es ein Ende haben. Bei den allermeisten war dieses Ende die Rente. Und bis zu diesem Ende blieb es bei der harten Arbeit. Nebenbei bekam man Kinder, die man in Kindergärten und Schulen schickte, damit sie nicht nur Deutsch lernten, sondern so viel lernen sollten, um es einmal besser zu haben als ihre hart schuftenden Mütter und Väter. Damit sie Stifte halten und nicht, wie die Eltern, Hammer oder Besen. Nicht nur für Deutschland und somit ihren Arbeitgeber, sondern auch für ihre Familien hier und in der Heimat arbeiteten sie hart. Ihr Anspruch war es, selbst für die Bedürfnisse ihrer Familien aufzukommen.

          Die digitale F.A.Z. PLUS
          F.A.Z. Edition

          Die digitale Ausgabe der F.A.Z., für alle Endgeräte optimiert und um multimediale Inhalte angereichert

          Mehr erfahren

          Zum Standardrepertoire meines Vaters gehört deshalb auch dieser Satz, wenn man ihn auf seine Arbeit anspricht: „40 Jahre unter Tage – ohne einen Tag krank!“, sagt er ganz stolz. Stolz ist er ebenso, dass er nie auf Sozialleistungen angewiesen war und immer brav seine Steuern gezahlt hat. Ja, und wir Gastarbeiterkinder sind stolz auf die Leistung unserer Väter und Mütter! Wir wissen, was sie für dieses Land und für uns getan haben und höchstens mit ihrem schlechten Deutsch negativ aufgefallen sind. Dank ihnen sind wir heute in der Lage zu verstehen, und aus vielen von uns ist tatsächlich auch etwas geworden – ohne dass wir so hart arbeiten mussten wie sie. Deshalb kränkt es uns, wenn ihnen heute der Vorwurf gemacht wird, sie könnten nach Jahrzehnten immer noch kein richtiges Deutsch. Dieser Vorwurf ist so einseitig wie plump und offenbart nur, dass es Menschen in unserem Land gibt, die auch nach Jahrzehnten so wenig über das Leben der Gastarbeiter wissen. Nett interpretiert, ist das einfach nur traurig. In den Worten des Bundespräsidenten ist es „nicht hinnehmbar“.

          Weitere Themen

          Das Ende einer Ära Video-Seite öffnen

          Kosslick nimmt seinen Hut : Das Ende einer Ära

          Nach 18 Jahren macht Berlinale-Direktor Dieter Kosslick Platz an der Spitze des Filmfestivals. Die 69.Auflage der jährlichen Großveranstaltung ist nun seine letzte.

          Topmeldungen

          Die drei Männer des Bayern-Abends: Leon Goretza, Kingsley Coman und David Alaba (von links) standen im Mittelpunkt des Spiels.

          3:2 in Augsburg : Ein denkwürdiger Abend für den FC Bayern

          Ein geschichtsträchtiges Eigentor macht den Anfang, danach nimmt der Wahnsinn so richtig seinen Lauf: Der Fußball-Rekordmeister hat es bei den Schwaben lange schwer, auch weil der Gegner überraschend aufmüpfig ist.

          Nationaler Notstand : Donald Trump geht aufs Ganze

          Der amerikanische Präsident umgeht mit der Erklärung des nationalen Notstandes das Haushaltsrecht des Kongresses. Nicht nur die Demokraten sehen die Verfassung in Gefahr.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.