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Gastbeitrag : Russland ist kein Bär, sondern eine Sau, die ihre Jungen auffrisst

  • -Aktualisiert am

Mitte September an der russisch-ukrainischen Grenze bei Krasnodon Bild: AFP

Wenn Putin sein eigenes Land schon nicht zusammenhalten kann, muss er dann noch expandieren? Warum wir sein aggressives Auftrumpfen nicht als legitime Verfolgung russischer Staatsinteressen hinnehmen dürfen.

          6 Min.

          Zu den schmerzhaften Konsequenzen eines bewaffneten Konflikts - besonders wenn er, wie die jugoslawischen Auflösungskriege in den 1990er Jahren und jetzt der Krieg in der Ukraine, in unsere engere Lebenssphäre hineingreift - gehört es, dass man mit Menschen, die man schätzt und gut zu kennen glaubt, plötzlich keine gemeinsame Sprache mehr zu finden scheint. Kerstin Holms Artikel „Putins Stellenbeschreibung“, der den Konflikt in der Ukraine in den kaum ironisch verstandenen Kategorien einer „politischen Biologie“ erklärt, gehörte für mich zu diesen schmerzlichen Erfahrungen.

          Holms Berichte über Kultur und Alltag im postsowjetischen Russland haben uns zwei Jahrzehnte lang im Modus einer anteilnehmenden Beobachtung greifbar gemacht, wie sich aus den alten sowjetischen Partei-, Militär-, Geheimdienst- und Wirtschaftsnomenklaturen eine neue Machtträgerklasse und rentenkapitalistische Oligarchie bildeten, die in einer ähnlich großen Distanz zu ihren weitgehend rechtlosen, vielfach gegängelten Untertanen stehen wie noch jede frühere Elite; und wie dieses Land trotzdem oder gerade deswegen so viele wunderbar widerständige, eigensinnige und begabte Menschen hervorgebracht hat, darunter Künstler und Schriftsteller, die „Menschheitserfahrungen, die über das Menschliche hinausgehen, zu Gold gesponnen“ haben.

          Das wäre schön gesagt, bekäme es im Kontext von „Putins Stellenbeschreibung“ nicht einen geradezu umgekehrten Sinn. Wenn Putin es zu seiner Stellenbeschreibung (seinen Pflichten) zählt, im Namen eines angeblich gedemütigten Russland Territorialansprüche anzumelden, wie Europa und die Welt es seit den beiden Weltkriegen nicht mehr erlebt haben, so kann man dem nicht ausweichen. Wenn führende EU-Politiker erklären, mit einer Moskauer Regierung, die eine solche Agenda verfolgt, die vereinbarte „strategische Partnerschaft“ nicht fortführen zu können, ist das eine Selbstverständlichkeit.

          Standhaft ins Lager

          Kerstin Holm aber warnt, dass das saturierte westliche Europa sich mit einer solchen „Chaosstrategie“ mutwillig von einer eurasischen Kultur- und Erlebniswelt abschneide, in der die „menschlichen Probleme nackt und erbarmungslos auftreten wie die Wahrheit selbst“. Hier, in Russland, seien „unter einem Maximum an Leidensdruck und grobmotorischer Belastung“ von jeher die großartigsten Kulturleistungen produziert worden, ohne deren vitale Infusionen wir Bewohner der gemäßigten westlichen Breiten allenfalls noch einer Kultur fähig wären, die „vollends wattig und kastriert“ werden müsse.

          Es war Kerstin Holm, die uns viele der widerständigen Begabungen vorgestellt hat, als wir sie noch kaum kannten: die Lyrikerin Alina Wituchnowskaja etwa, die es schwerlich als eine Lebenssteigerung betrachtet haben wird, dass man sie als angeblich Drogensüchtige für anderthalb Jahre weggesperrt hat. Oder die tollkühnen Mädchen von „Pussy Riot“, deren schamanischer Hexentanz sich gegen die Blasphemie eines staatskirchlichen Patriarchats richtete, das mit Rolex am Handgelenk die Macht und die Waffen segnet, und die für ihren zweiminütigen Standup-Act standhaft ins Lager gingen. Wie sagte Achmatowa, deren Mann, der Dichter Gumiljow, erschossen wurde und deren Sohn im Lager verschwand: Russland gleiche einer Sau, die ihre Jungen auffresse.

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