https://www.faz.net/-gqz-8xnwh

Garri Kasparow im Gespräch : Die Angst vor künstlicher Intelligenz ist Hollywood-Stoff

Hat keine Angst vor den Maschinen, sondern vor den Menschen, die sie kontrollieren: der ehemalige Schachweltmeister Garri Kasparow. Bild: Imago

Viele Menschen fürchten sich davor, dass Automaten menschliche Funktionen übernehmen – nicht so der ehemalige Schachweltmeister Garri Kasparow. Im Interview spricht er lieber über die „Zivilisationsgeschichte“.

          Ihre Schach-Partien gegen den Computer Deep Blue vor zwanzig Jahren sind ein Meilenstein des Kräftemessens zwischen Mensch und Maschine. Hat es sich bei Deep Blue um künstliche Intelligenz gehandelt?

          Geht es uns, wenn wir von künstlicher Intelligenz sprechen, um den Prozess oder um das Ergebnis? Wenn es um das Ergebnis geht, kann man Deep Blue intelligent nennen: Der Computer spielte wie geplant auf Großmeisterniveau. Wenn sie aber unserem Denken ähneln soll, hat uns Deep Blue trotz seiner unglaublichen Schnelligkeit, mit der er zwölf Millionen Positionen in der Sekunde analysieren konnte, der erträumten Einsicht nur wenig nähergebracht. Die Gründerväter der Informatik, Alan Turing und Claude Shannon, haben Schach für den ultimativen Test maschineller Intelligenz gehalten. Ich sage das nicht gern, aber sie lagen falsch. Dass es einen Gewinner und einen Verlierer gibt, machte Schach angreifbar durch rohe Gewalt, sobald Datenbanken groß genug, die Hardware schnell genug und die Algorithmen schlau genug waren. Wir Menschen machen Fehler, wir sind verletzlich, weil wir nicht gleichmäßig gut sind. Wenn eine Maschine beständig auf einem etwas höheren Niveau spielt, gewinnt sie. Das heißt noch lange nicht, dass Maschinen intelligent geworden wären. Sie können Muster wiedererkennen und genügend Daten analysieren. Es gibt immer noch eine Lücke zwischen wirklicher Intelligenz oder dem, was wir dafür halten, und den maschinenmöglichen Operationen. Die Entwicklung von Deep Blue war eine Sackgasse. Es war das Ergebnis der IBM-Entwicklung von Parallel-Prozessoren. Sie haben eine Pyramide aus Prozessoren gebaut, die ziemlich schnell arbeiten konnte. Watson hingegen, ein anderes IBM-Projekt, ist tatsächlich ein Schritt in die richtige Richtung. Aber ich glaube, die Angst, künstliche Intelligenz könnte die Weltherrschaft übernehmen, taugt lediglich als gute Story für Hollywood.

          Weshalb?

          Bei technologischen Entwicklungen hieß es in unserer Geschichte immer wieder, dass etwas Schreckliches passieren werde. Aber wir sind immer noch da. Dass Maschinen einzelne menschliche Funktionen übernehmen, nennen wir Zivilisationsgeschichte. Alles, von dem wir wissen, wie es gemacht wird, können Maschinen irgendwann besser. Die Frage ist also, was können wir Neues finden? Ich glaube, dass wir es können. Nicht Maschinen werden uns überflüssig machen, höchstens unsere Selbstgefälligkeit.

          Wir wissen, wie wir einander überwachen und kontrollieren können. Macht Ihnen die Vorstellung, dass Maschinen das noch besser können, keine Angst?

          Maschinen haben keine guten oder schlechten Absichten, sie sind Maschinen. Was mich besorgt, sind die Menschen, die sie gebrauchen. Die Frage ist heute nicht mehr, ob alle unsere Daten gesammelt und verarbeitet werden. Das werden sie, ob von Regierungen, von Unternehmen oder von Hackern. Die Frage ist, wie sie genutzt werden. Es ist bestimmt nicht gut, wenn die Vereinigten Staaten und ihre Dienste unsere Daten haben oder Google. Aber ich bezweifele aber stark, dass uns das ins Gefängnis bringt. Wenn der KGB die Daten sammelt oder Erdogan, ist das ganz was anderes. Das meine ich, wenn ich sage, wir sollten uns eher darum kümmern, was mit den gesammelten Informationen geschieht.

          Wie sollten wir darauf reagieren?

          Hier in Deutschland oder in Frankreich oder in Amerika wissen wir, was zu tun ist – wie man Druck auf die Regierung ausübt, wie man mehr Transparenz einfordert. Das Problem ist, dass der größere Teil der Welt unfrei ist. Und noch größer ist das Problem, dass die Leute, die diese unfreien Ländern beherrschen, auch Zugang zu unserer Welt haben. Wir sollten Trump dankbar sein, dass er gewonnen hat. Seitdem das in Amerika passiert ist, sind die Leute aufmerksam geworden. Jetzt ist ihnen klar, dass die Fake-News-Industrie, das Hacking praktische Auswirkungen hat. Trumps Sieg war ein Weckruf. Auch hier in der EU ist Putins unsichtbare Hand spürbar. In Amerika konnte man sie sogar sehen. Jetzt müssen wir unsere Kräfte vereinigen, um die Meinungsfreiheit zu vereidigen, die von Fake News beeinträchtigt wird. Es muss klar sein, was Putin tut und andere Diktatoren mit ihm: die Wahrheit vortäuschen. Wir haben einige technische Möglichkeiten, unser Gebiet zu verteidigen.

          Das klingt nach einem Kalten Krieg künstlicher Intelligenzen.

          Was immer wir künstliche Intelligenz nennen, ist ein Werkzeug, um unsere Werte zu verteidigen. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass Technologie, die in der freien Welt erfunden worden ist, nicht in Russland, der Türkei oder China, zur Einschränkung der Freiheit benutzt wird. Jetzt können sie es benutzen, um das Fundament der freien Welt zu untergraben. Fake News und Hacking sind ist eine gesellschaftliche und eine politische Herausforderung, und natürlich muss man intelligente Maschinen einsetzen.

          Dennoch haben Sie einen optimistischen Blick auf die Entwicklung künstlicher Intelligenz.

          Ich bin von Natur aus ein unheilbarer Optimist. Jahrzehntelang haben wir riskante Unternehmungen zurückgestellt und stattdessen ein behagliches Leben mit stufenweisen Verbesserungen geführt. Jetzt bringen uns intelligente Maschinen in die Lage, diese Vorhaben wieder aufzugreifen: die Erkundung des Weltalls, die Erkundung der Ozeane. Wenn Maschinen alles besser machen können, von dem wir wissen, wie es gemacht wird, werden die Dinge wichtiger, von denen wir es nicht wissen. Es gibt weite Gebiete, auf denen künstliche Intelligenz uns die Vorherrschaft nicht streitig machen kann, in der Kunst zum Beispiel. Man kann nicht begründen, warum Picasso wichtiger ist als Dalí. Das ist nicht quantifizierbar. In den Bereichen, die unser Wissen überschreiten, müssen auch Maschinen noch dazulernen.

          In einem Turing-Test der Zukunft könnte es darum gehen, ob ein Kunstwerk von einem Maler oder einer Maschine gemacht, ein Roman von einem Autor oder einem Automaten geschrieben worden ist.

          Ich mag mich irren, weil uns der technische Fortschritt schon oft eines Besseren belehrt hat, aber große Literatur, Kunst oder Musik kann nicht in Mikroelemente zerlegt werden. Maschinen haben Algorithmen. Sie haben keine Leidenschaft, sie haben keine Gedanken. Und sie werden sie nie haben. Maschinen träumen nicht. Dadurch erschaffen wir große Kunst. Es wird buchstäblich unmöglich für Maschinen sein, das nachzumachen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Spitzenfrauen : Harmonie auf Zeit

          Nachdem die Personalien geklärt sind, geht es politisch bald ans Eingemachte: Mindestlohn, Arbeitslosenversicherung, Rüstungsexporte. Die mächtigsten Frauen Europas – Kramp-Karrenbauer, von der Leyen und Merkel – könnten sich dabei in die Quere kommen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.