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G-20-Treffen in London : Ein Gipfel mit hohen Risiken

  • -Aktualisiert am
Amerikanische Wirtschaftsinteressen gingen ihm vor Währungsfragen: Franklin D. Roosevelt und sein Berater Raymond Moley im Jahr 1933

Amerikanische Wirtschaftsinteressen gingen ihm vor Währungsfragen: Franklin D. Roosevelt und sein Berater Raymond Moley im Jahr 1933 Bild: Associated Press

Das Londoner Treffen der G-20-Staaten im April soll das wirtschaftliche Blatt mitten in der Krise zum Besseren wenden. Aber kann das gelingen? Eine historische Parallele stiftet da eher wenig Hoffnung.

          5 Min.

          Ein Gipfel in London steht bevor. Von dieser Zusammenkunft der großen Nationen des Welthandels wird der weitere Verlauf der Wirtschaftskrise entscheidend abhängen. Schuldner- und Gläubigerländer, Exporteure und Importeure, Industrieländer und Emerging Markets, Ost und West – alle werden ihre Politiker und Experten schicken, auf dass es dank weitsichtiger Beschlüsse konjunkturell wieder aufwärtsgehen möge. Die Banken sind gerade reihenweise zusammengebrochen, die Rohstoffpreise und die Börsenkurse sind ins Bodenlose gefallen, die Währungen spielen verrückt. Die Hoffnungen der Welt ruhen deshalb auf der bald beginnenden Konferenz. Werden die Mächtigen gemeinsame Wege aus der Krise finden? Oder folgt ein Rückfall in Protektionismus und nationale Alleingänge, die sich innenpolitisch gut verkaufen lassen?

          Doch bereits im Vorfeld des Gipfels gibt es heftige Dissonanzen. Amerikaner und Europäer haben gegensätzliche Ansichten darüber, wie der Krise am besten beizukommen sei. Der Streit darüber wird heftiger, die Töne werden schriller, die Differenzen treten offen zutage. Soll die Londoner Konferenz ein Erfolg werden, müssen die Diplomaten noch vor ihrer Eröffnung die gröbsten Meinungsverschiedenheiten ausräumen. Nur dann können die Verhandlungen in konstruktiver Atmosphäre ablaufen.

          Ein Londoner Fiasko

          Wird dieses Vorhaben gelingen? Die Antwort darauf lässt sich in den Geschichtsbüchern nachlesen. Wir schreiben nämlich nicht das Jahr 2009, sondern befinden uns im Juni 1933, inmitten der Großen Depression. Damals wie heute war es London, in dem sich das Schicksal der Weltwirtschaft entscheiden sollte. Die sechsundsechzig größten Wirtschaftsnationen trafen sich seinerzeit – die zwanzig wichtigsten sind es heute –, um der Depression durch gemeinsam beschlossene Maßnahmen ein Ende zu setzen.

          Das „Excel”-Ausstellungszentrum in Londons Docklands, in dem am 2. April das Gipfeltreffen der G-20-Staaten eröffnet werden wird.
          Das „Excel”-Ausstellungszentrum in Londons Docklands, in dem am 2. April das Gipfeltreffen der G-20-Staaten eröffnet werden wird. : Bild: AP

          Streit gab es vor allem wegen der Währungspolitik der Regierung Roosevelt. Der Dollar war gegenüber Franc und Pfund massiv abgewertet worden, und da der Franc noch am Goldstandard ausgerichtet war, ging das zu Lasten der Wettbewerbsfähigkeit der französischen Exporteure. Frankreich forderte deshalb, dass der Dollar kurzfristig stabilisiert werden müsse. Sonst könne von der gemeinsame Bekämpfung der Krise keine Rede sein.

          Dass es seinerzeit nicht gelungen ist, die Differenzen auszuräumen, kann man bereits an den Kapitelüberschriften erkennen, unter denen Chroniken und Zeitzeugen über die Londoner Konferenz berichteten. Vom „London Fiasko“ ist beim amerikanischen Bankier James P. Warburg die Rede, der Mitglied der amerikanischen Delegation war. In Robert Skidelskys Keynes-Biographie wird sie als „jämmerliches Trauerspiel“ bezeichnet, und New-Deal-Chronist Arthur M. Schlesinger schreibt von der „Explosion in London“. Was genau war geschehen?

          Roosevelts harsche Absage

          Die amerikanische Delegation hatte es kurz vor Konferenzbeginn tatsächlich noch geschafft, mit Engländern und Franzosen zu einer Vereinbarung über den Dollar zu gelangen. Sie wurde sofort nach Washington telegraphiert. Doch Roosevelt lehnte ab: Ihm stehe nicht der Sinn nach kurzfristigen Lösungen, und zudem würde die Vereinbarung Franzosen und Engländer einseitig begünstigen. Roosevelt telegraphierte daher nicht nur sein „Nein“ nach London, sondern schickte auch seinen Intimus Raymond Moley hinterher. Er hatte eine klare Botschaft des Präsidenten zu überbringen: „Lass die Welt wissen, dass mein Hauptinteresse in steigenden Warenpreisen besteht.“

          Es war eine Nachricht, die die Franzosen höchst beunruhigend fanden: Wenn man den Dollar in den Keller schicken wollte, dann würde das den Franc weiter in inakzeptabler Weise aufwerten. Ein Zeichen des guten Willens möge Roosevelt deshalb nach London schicken, eine Erklärung, wonach er derartige Schritte zunächst unterlassen wolle, bis eine gemeinsame Vorgehensweise gefunden wäre.

          Doch das war nicht in Roosevelts Interesse. Er schickte ein weiteres brüskes Telex nach London: Heimische Wirtschaftsinteressen seien ihm wichtiger als Währungsfragen, die Konferenzteilnehmer sollten, statt auf temporäre Erfolge zu schielen, lieber um langfristige Stabilität bemüht sein. Dafür seien ausgeglichene Staatshaushalte, angemessene Steuereinnahmen und eine abgesicherte Bedienung der Staatsschuld von vorrangigem Interesse. Die verlangte Erklärung würde er nicht abgeben.

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