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Fußball als Terrorziel : Wovon schon Bin Ladin träumte

Im Visier der Terroristen: Für das Weltmeisterschaftsspiel Englands gegen Tunesien in Marseille am 15. Juni 1998 hatte die algerische „Groupe Islamique Armé“ ein furchtbares Attentat geplant, das verhindert wurde. In Kabul war der Terror im Stadion Realität – am vergangenen Freitag im Stade de France sollte er es auch werden. Bild: Getty

Das Grauen im Stadion: Die Nacht der Pariser Attentate fügt sich in eine Geschichte der Schreckensszenarien, die den Terrorismus auf den Fußball ausweiten. Im Juni 1998 war ebenfalls ein französisches Stadion Ziel.

          David Beckham wird aus nächster Nähe erschossen. Die folgenden Kugeln gelten seinen Mitspielern Michael Owen und Alan Shearer. Die Terroristen, die auf das Spielfeld gedrungen sind, werfen Handgranaten in die Zuschauerränge. Unter der Spielerbank der Engländer explodiert eine Bombe. Gleichzeitig dringen Hunderte von Kilometern entfernt Attentäter in das Hotel der amerikanischen Nationalmannschaft, deren Spiel gegen Iran erst noch bevorsteht, und töten so viele Gäste wie möglich. Die Umsetzung dieses Szenarios war für den 15. Juni 1998 geplant: Während des Spiels England gegen Tunesien anlässlich der Fußball-Weltmeisterschaft in Frankreich sollte der spektakuläre Anschlag inszeniert werden.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Drei Wochen zuvor hatte Innenminister Jean-Pierre Chevènement über die Festnahme von mehreren Dutzend Islamisten in verschiedenen Ländern (auch in Deutschland und Belgien) informiert. Die Polizeiaktion wurde als Premiere bezüglich der europäischen Zusammenarbeit bei der Terrorbekämpfung bezeichnet. Die Verdächtigen, die der algerischen „Groupe Islamique Armé“ angehörten, hätten Attentate bei der Weltmeisterschaft geplant. Das Land blieb von ihnen verschont, holte den ersten WM-Titel in seiner Geschichte und glaubte, mit dem Sieg seines von Zinedine Zidane geführten Wunderteams aus Schwarzen, Weißen und Arabern („Black, Blanc, Beur“) auch Le Pen endgültig besiegt zu haben: Er hatte den Spielern vorgeworfen, beim Abspielen der Marseillaise stumm zu bleiben.

          Hinrichtungen in den Halbzeitpausen

          Der Triumph der multikulturellen Kicker an der Schwelle des neuen Jahrtausends wurde zum antifaschistischen Gesellschaftsvertrag mit dem Versprechen der Integration aller Minderheiten verklärt. Von einem neuen Gesellschaftsvertrag war die Rede. Die Franzosen feierten den Sieg so intensiv wie die Befreiung von Pétain und den Deutschen am Ende des Zweiten Weltkriegs. Selbst der als Kryptofaschist verschriene frühere Innenminister Charles Pasqua, der die Charterflüge für die Ausweisung illegaler Einwanderer eingeführt hatte, plädierte unvermittelt für die Einbürgerung der „sans papiers“. Die Fußballer hätten mehr bewirkt als die Politiker, schwärmte der Soziologe Georges Vigarello. „Ein Land, das seiner Nationalmannschaft gleicht“, jubelten verzückt die linke und die rechte Presse. Die Weltmeisterschaft wurde zum nationalen Mythos verklärt. Er überlebte zumindest die Jahrtausendwende: Im Jahr 2000 gewannen die Franzosen auch noch die Europameisterschaft.

          Erst nach dem 11. September rückte das Szenario, das sich die Terroristen für die WM 1998 ausgedacht hatten und von dem die französischen Behörden keinerlei Details preisgaben, in den Bereich des Vorstellbaren. Adam Robinson, der Biograph von Usama Bin Ladin, kommt in seinem Buch „Behind the mask of a terrorist“ auf die in Frankreich geplanten Attentate zurück. Mehrere der damals Verhafteten seien Mitglied von Al Qaida und Bin Ladin bereit gewesen, das Vorhaben zu finanzieren und logistische Hilfe zu leisten. Robinson porträtiert Bin Ladin als Fußballfan, der in den neunziger Jahren die Spiele von Arsenal besuchte – 1994 soll er beim Halbfinale des Europacups der Pokalsieger gegen Paris Saint-Germain im Stadion gewesen sein. In einer der Video-Botschaften, in denen er sich aus seinen Verstecken (wo ein Arsenal-Ticket gefunden worden sei) über Al Dschazira an die Weltöffentlichkeit richtete, erzählte er einen Traum. In der Zeit der Vorbereitungen auf das Attentat gegen die Twin Towers habe ein Mitglied seiner Al Qaida von einem Fußballspiel seiner Piloten gegen die Amerikaner geträumt. Seine Mannschaft ging als Gewinner vom Platz. Der Sieg hat ihn in seiner Entschlossenheit bestärkt: Er deutete ihn als gutes Omen. In Afghanistan hatten die Taliban in den Halbzeitpausen körperliche Bestrafungen – Dieben wurde die Hand abgehackt – und Hinrichtungen vorgenommen. An den Querbalken der Tore wurden Menschen aufgehängt. Eine Zeitlang war der Fußball generell verboten.

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