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Zum Tod von Fritz Stern : Ein Alliierter der Vernunft

Wie weit der Historiker gehen kann im Vergleichen, das heißt: im provisorischen Übereinanderlegen modellhafter Konstellationen, zeigt Fritz Sterns so kühnes wie beiläufiges Wort, er sei erst durch so etwas wie eine Entnazifizierung zum Historiker geworden. Die Entnazifizierungspolitik der Besatzungsmächte wollte unter den politisch mündigen Deutschen die aktiven Nazis aussortieren, die Täter aus Überzeugung. Sterns Einsicht, dass aus der Erfahrung der totalen Zerstörung der eigenen Welt eine Überschätzung der Macht der zerstörenden Kräfte erwachsen konnte, bezeichnet auf den ersten Blick ein Phänomen reiner Passivität, eine Prägung im existentiellen Sinne. Aber wenn das bürokratische Programm der Entnazifizierung an einem naiven Begriff von innengeleiteter Aktivität gescheitert ist, so wollte Stern wohl umgekehrt andeuten, dass die Einseitigkeiten der auf Opferseite entwickelten Erklärungen nicht als pathologisch abgetan werden können. Intellektuelle Energie ging in sie ein, die sie zu Gegenständen von Kritik und Selbstkritik machte.

Der Historiker und Schriftsteller Per Leo hat kürzlich im „Merkur“ mit Blick auf die jüngste Heidegger-Debatte vorgeschlagen, mit dem Begriff des Nationalsozialismus nicht mehr ein ideologisches Programm zu verbinden, sondern die Gesamtheit der durch Hitlers Machtübernahme gegebenen epochalen Bedingungen, denen sich alle Deutschen, die nicht Opfer wurden, durch Bewirtschaften des eigenen Ideenvorrats anpassen konnten. Den Begriff so weit zu fassen, dass auch ein Fritz Stern den als Epochenerfahrungshorizont verstandenen Nationalsozialismus überwinden musste, um über Einstein und Adenauer zu schreiben, und diese Selbstüberwindung dann auf die Formel der Entnazifizierung zu bringen, ist eine Volte, die eines Heine würdig ist. Im deutschen politischen Bewusstsein gilt das alliierte Projekt der Entnazifizierung allgemein als gescheitert. Indem Stern das Wort in die eigene Biographie einschmuggelte, gab er als patriotischer Bürger der Vereinigten Staaten vielleicht auch zu bedenken, dass der Gemeinplatz revisionsbedürftig sein könnte.

Warnung vor politischer Religiosität

Im New Yorker Leo-Baeck-Institut zitierte Stern 2005 aus einem Brief, den ihm Carl Friedrich von Weizsäcker zwei Jahrzehnte vorher geschrieben hatte. Der Physiker bekannte, er habe nie an die Nazi-Ideologie geglaubt, sich aber von der Bewegung verführen lassen, die ihm wie „eine Ausgießung des Heiligen Geistes“ erschienen sei. Im Rückblick meine er, der Nationalsozialismus sei Teil eines Prozesses gewesen, den die Nazis selbst nicht verstanden hätten. Das sind gängige Figuren der Distanzierung, wie Per Leo sie analysiert. Gleichwohl gab Stern von Weizsäcker recht: „Die Nazis haben nicht begriffen, dass sie Teil eines historischen Prozesses waren, in dem das Ressentiment gegen die Entzauberung der Welt Zuflucht in Ekstasen der Unvernunft fand.“

Fritz Stern bewunderte die deutsche Vergangenheitsbewältigung, aber er sah mit Unbehagen, dass in ihren Formen eine politische Religiosität wiederkehrte, die mit seinem amerikanischen Liberalismus nicht vereinbar war. Warum kamen die Lichterketten ohne Reden aus? Wer sich engagiert, muss das Wort ergreifen. Mit Genugtuung sah Stern die publizistische Alterskarriere Helmut Schmidts. Und noch vor wenigen Tagen hat er sich gegen den europäischen Asylhandel mit der Türkei geäußert. Nun ist er verstummt. Am Mittwoch, drei Monate nach seinem neunzigsten Geburtstag, ist Fritz Stern in New York gestorben.

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