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Alles ist möglich: Mit dem Instagram-Filter „Big Lick“ kann man ausprobieren, ob man mit der Zunge an die Nasenspitze kommt. Bild: Timothy Schaumburg

Das Spiel mit Identitäten : Ich bin viele

  • -Aktualisiert am

Kein Jugendlicher muss sich festlegen, wer oder was er sein will. Im Internet lassen sich alle Identitäten erkunden. Das bringt Freiheiten – aber auch Druck.

          8 Min.

          Hell blondierte Haare, die am Ansatz aschblond nachwachsen, ordentlich manikürte Augenbrauen, gepiercte Ohrlöcher mit filigranem Schmuck: Auf den ersten Blick sieht die Britin Abby Roberts aus wie eine durchschnittliche 19-Jährige. Mit dieser Gewöhnlichkeit hat es sich auf TikTok schnell erledigt. Hier verfolgen 16 Millionen Fans, wie Roberts sich mit der Schnelligkeit eines Chamäleons verwandelt: Eben noch ist sie der bittersüßen Sängerin Billie Eilish in ihrem Video zu „Ocean Eyes“ wie aus dem Gesicht geschnitten, mit Porzellanteint, grau gefärbten Haaren und schwarzem Lidschatten. Dann gleicht sie der Pop-Queen Ariana Grande mit pink lackierten Lidern und Lippen sowie zuckerwattefarbenen Zöpfen, und schon am nächsten Tag erscheint sie als düstere Wiedergängerin des Urvampirs Rebekah Mikaelson aus der TV-Serie Vampire Diaries. Das ist nicht nur erstaunlich, weil ihr das aus eigener Kraft gelingt, einfach mit außergewöhnlich gut gesetztem Make-up, sondern auch weil sie Identitäten an- und abstreift wie andere ein T-Shirt.

          Das Spiel mit Identitäten treibt Roberts seit sie elf ist und begann, eigene Videos im Schlafzimmer ihrer Eltern im nordenglischen Leeds aufzunehmen. Mithilfe ihrer Beauty-Tutorials kann man heute nicht nur die eigenen Wangenknochen elfengleich akzentuieren, man kann sich auch in einen Anime-Charakter oder einen Werwolf verwandeln und das Ergebnis auf TikTok, Instagram und Co zur Schau stellen. Frei nach dem Motto: „Ich bin viele.“

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