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Frauenrechte in Russland : Unsere Staatsmacht bevorzugt die Täter

Will die Faust des Staates in der Familie schwächen: die russische Aktivistin Aljona Popowa Bild: Imago

Die russische Frauenrechtlerin Aljona Popowa hilft Opfern sexualisierter Gewalt und engagiert sich für die Verabschiedung eines Gesetzes gegen häusliche Übergriffe. Jetzt kämpft sie um ein Dumamandat.

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          Die im September in Russland bevorstehenden Dumawahlen haben nach Ansicht vieler Beobachter den Namen nicht verdient, weil zahllose Russen nicht antreten dürfen, da sie irgendwann den zum „Extremisten“ erklärten Korruptionsjäger Alexej Nawalnyj unterstützt haben oder von den Behörden willkürlich am Kandidieren gehindert werden. Umso bemerkenswerter, dass die Frauenrechtlerin und IT-Geschäftsfrau Aljona Popowa kandidieren kann, die es als ihre Mission ansieht, ein Gesetz ge­gen häusliche Gewalt verabschieden zu lassen. Die parteilose Popowa tritt auf der Liste der liberalen Jabloko-Partei an, konkurriert in ihrem Wahlkreis im Osten Moskaus je­doch mit zwei im Machtapparat bestens vernetzten Bewerbern, dem Fernsehguru Anatoli Wasserman, einem bekennenden Stalinisten, und dem Kommunisten Sergej Obuchow, der das Ge­setz über „Ausländische Agenten“ mit verfasst hat, mit dem der Staat unabhängige Medien zerstört. In ihrem Wahlkreis hingen überall Plakate von Wasserman, berichtet Popowa der F.A.Z., doch die Wahlberechtigten, mit denen sie in diesen Tagen spreche, forderten wie sie öf­fentliche Kon­trolle über die Überwachungstechnologie in Moskau sowie das überfällige Gesetz gegen häusliche Ge­walt. Wohl deswegen sprächen selbst Wasserman und Obuchow sich neuerdings für ein solches Gesetz aus.

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

          Die 38 Jahre alte Popowa bekennt, sie habe selbst nie häusliche Gewalt erlitten und sich lange vom Feminismus distanziert, bis vor sieben Jahren ihre schwangere Freundin von ihrem Partner derart verprügelt wurde, dass sie ihr Kind verlor. Der Mann blieb unbehelligt. Heute sei ihr klar, dass die Gewalt das russische System wie eine Klammer zusammenhalte, dass die Faust in der Familie immer auch die Faust des Staates sei, die zivilgesellschaftliche Initiativen plattmache. Symptomatisch sei, dass Präsident Putin seinen Gegnern gedroht habe, ihnen „die Zähne auszuschlagen“. Diese Gewalt gelte es zu schwächen. Sie habe damals der Freundin versprochen, dass es ein Gesetz ge­gen häusliche Gewalt geben werde, sagt die zierliche Popowa, die auch deswegen kandidiert, weil die bisher in der Duma für Familienfragen zuständige Ab­geordnete Oxana Puschkina, die sich für dieses Ge­setz starkmachte, ihr Mandat abgibt. Obwohl Puschkina der Machtpartei „Ei­niges Russland“ angehört, hat ihr Eintreten für eine modernere Familiengesetzgebung sie möglicherweise die Dumakarriere gekostet.

          Der scheidungswilligen Gattin die Hände abgehackt

          Bei Popowa, die vor zwei Jahren das Selbsthilfenetzwerk „Du bist nicht allein“ (Ty ne odna) für Gewaltopfer gründete, arbeiten Betroffene auch im Wahlkampfstab mit. Beispielsweise Margarita Gra­tschowa, die 28 Jahre alte Mutter zweier Kinder aus dem moskaunahen Serpuchow, der vor vier Jahren ihr damaliger Ehemann beide Hände abhackte, weil sie sich von ihm scheiden lassen wollte. Der Gatte hatte die Tat geplant, eine Axt ge­kauft, seine Frau im Wald an einen Baum gefesselt, gefoltert und dann verstümmelt ins Krankenhaus eingeliefert, wohl auf Strafminderung hoffend. Immerhin konn­­ten die Ärzte die linke Hand wieder annähen, anstelle der rechten trägt Gra­tschowa eine bionische Prothese. Sie hofft, eines Tages wieder arbeiten zu kön­nen. Ihr Exmann bekam vierzehn Jahre Haft.

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