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Frauen im Islam : Welche Chancen hat der islamische Feminismus?

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Der Farbtupfer der Zukunft eines kommenden freien Frauenkopfs im muslimischen Einheitsschleierbild: Beterinnen in Surabaya, Ost-Java Bild: REUTERS

Der Koran muss historisch ausgelegt werden, dann folgen aus ihm gleiche Rechte der Geschlechter: Theologinnen, die diese Losung ausgeben, finden große Resonanz - vor allem im Westen.

          7 Min.

          In den späten achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts bildete sich in Kuala Lumpur, der Hauptstadt von Malaysia, eine kleine Gruppe politisch engagierter Journalistinnen, Anwältinnen und Wissenschaftlerinnen, um zu erörtern, ob die neue islamische Ordnung, deren Durchsetzung diese Frauen gerade miterlebten, tatsächlich durch den Koran gerechtfertigt sei. Malaysia war bis dato ein Land, in dem der Islam, obgleich offizielle Staatsreligion, das Leben der Einzelnen nicht sonderlich beeinflusste. Das sollte sich damals ändern. Unter dem Einfluss junger Akademiker, die von ihren Studien in Mekka und Kairo zurückkehrten und eine Rückkehr zum „wahren“ Islam anstrebten, war es zu einer konservativ-religiösen Umwälzung der Gesellschaft und zur Implementierung sogenannter „islamischer Werte“ in Politik und Recht gekommen. Im Fernsehen und in den Zeitungen wurden Frauen von Gelehrten aufgefordert, sich ihren Männern unterzuordnen. Diese Morallehrer legitimierten häusliche Gewalt als kostengünstige Maßnahme gegen weiblichen Ungehorsam und feierten Demut als weibliche Tugend.

          Für die erwähnten Aktivistinnen war das zutiefst irritierend. Bis dato hatten sie sich gleichermaßen als gläubige Musliminnen und als emanzipierte Frauen verstanden und darin niemals einen Widerspruch gesehen. Jetzt, da ihre Religion so abgrundtief frauenfeindlich interpretiert wurde, wurden sie unsicher. Konnte Gott, der Gerechte, die Diskriminierung von Frauen gutheißen? Ließ sich die Bevorzugung von Männern durch die heiligen Schriften rechtfertigen? Einer Geistlichkeit, die davon ausging, dass die Hölle voll mit aufmüpfigen Frauen sei, wollten sie die Beantwortung ihrer Fragen nicht überlassen. Sie mussten den Koran und die islamischen Überlieferungen selbst mit kritischem Blick studieren.

          Eine Unterstützerin fanden sie in der afro-amerikanischen Konvertitin Amina Wadud, die gerade eine Dissertation über Frauen im Koran fertiggestellt hatte und an der Islamischen Universität von Malaysia lehrte. Wadud besaß als promovierte Theologin die notwendige Autorität, neue Deutungen koranischer Verse vorzuschlagen, und verfügte über die Kompetenz, solche Deutungen theologisch zu begründen. Im Verlauf des gemeinsamen Quellenstudiums kamen die Frauen zu der Überzeugung, dass nicht der Islam für die Unterdrückung von Frauen verantwortlich sei, sondern die patriarchalischen Überzeugungen, die in vielen Kulturen herrschten, und die davon geprägten Imame, die sich von ihren eigenen Vorurteilen leiten ließen. Der Islam, so glaubten sie, müsse von diesen Verfälschungen befreit und die göttliche Botschaft in ihrer vollen Bedeutung erkannt werden. Im Jahr 1990 gaben sich die Frauen den Namen „Sisters in Islam“. Sie gelten als Bannerträgerinnen einer transnationalen Bewegung, die den Begriff des „islamischen Feminismus“ für sich erfunden hat und einen dritten Weg zwischen säkularer Frauenbewegung und religiöser Orthodoxie beziehungsweise neuem Fundamentalismus weisen möchte.

          Gott kennt kein Geschlecht

          Der islamische Feminismus ist gleichermaßen ein theologisches wie ein politisches Projekt und eng mit zivilgesellschaftlichen Reformbewegungen verbunden. In der islamischen Welt kämpfen die Aktivistinnen für Demokratie, Frauenrechte und Toleranz, in westlichen Ländern gegen Islamfeindlichkeit und für die Rechte muslimischer Minderheiten. Theologisch beruhen die neuen Deutungen der Quellen des Islam auf dem Prinzip des Ijtihad, des logischen Schlussfolgerns nach einem Prozess des Nachdenkens, das im Gegensatz zum Taqlid, der Nachahmung des Bestehenden, steht. In der Ummah, der islamischen Weltgemeinschaft, gibt es kein hierarchisch organisiertes Deutungsmonopol. So ist es möglich, dass Einzelpersonen eigene Interpretationen des Koran und der Sunna vorlegen, die nicht mit einem hegemonialen theologischen Diskurs übereinstimmen.

          Die exegetischen Methoden der islamischen Feministinnen bestehen in einer neuen Übersetzung einzelner im Koran verwendeter Begriffe, einer hermeneutischen Gesamtschau der koranischen Verse und deren historischer Kontextualisierung. Amina Wadud, die den Begriff des „Gender Jihad“ in die Debatte eingeführt hat, versteht die Gleichheit der Geschlechter als logische Folge der im Koran angesprochenen Gleichheit aller Menschen vor Gott. Diese Auffassung teilt auch die pakistanisch-amerikanische Politikwissenschaftlerin Asma Barlas. Gott sei der alleinige Souverän, dem sich Muslime zu unterwerfen hätten, und niemand sonst, weder König, Fürst noch Ehemann, habe das Recht, dies von Anderen zu verlangen. Sowohl Wadud als auch Barlas halten Gott übrigens für genderneutral, allen linguistischen Maskulinisierungen zum Trotz.

          Wenn Gleichheit ein allgemeines religiöses Prinzip darstellt, wie die islamischen Feministinnen behaupten, und Gott weder männlich noch weiblich ist, dann liegt es auf der Hand, dass nicht nur Frauen allein die Aufgabe zufällt, für die Durchsetzung von Frauenrechten zu sorgen. Und in der Tat ist der islamische Feminismus, obgleich die Schar der Aktivisten überwiegend aus Frauen besteht, keinesfalls eine reine Frauenbewegung. Gerade in akademischen Kreisen findet sich eine ganze Reihe prominenter männlicher Verfechter wie Abdullah Saeed von der Melbourne University, Khaled Abou El Fadl von der University of California oder der indische Gelehrte Asghar Ali Engineer vom Institute of Islamic Studies in Mumbai, der 2004 für sein zivilgesellschaftliches Engagement mit dem alternativen Nobelpreis geehrt wurde.

          Engineer hat sich insbesondere um die historische Kontextualisierung islamischer Normen verdient gemacht. Frauen, so schreibt er, seien im siebten Jahrhundert, zu Lebzeiten Mohammeds, schwach und abhängig gewesen und hätten eines besonderen Schutzes bedurft, den der Islam gewährt habe. Deshalb spreche der Koran beispielsweise von der Führerschaft des Mannes in der Familie. Mittlerweile habe sich die Situation jedoch vollständig gewandelt. Heute hätten Frauen Zugang zu Bildung, seien berufstätig und nähmen soziale und politische Ämter wahr. Aufgrund dieser Entwicklungen lasse sich der Anspruch der Männer auf Dominanz nicht länger rechtfertigen, denn Gott selbst - und hier schließt Engineer an Wadud an - gehe es letztlich nur um eines: um Gleichheit und Gerechtigkeit.

          Ihr Stimmen finden Gehör

          Der islamische Feminismus bietet starke Argumente gegen die in Europa weitverbreitete Vorstellung eines per se frauenfeindlichen Islam und zeigt, dass der Islam, wie andere Weltreligionen auch, auf unterschiedliche Weise interpretiert und gelebt werden kann. Er richtet sich gegen Fundamentalismus und Orthodoxie, aber auch gegen das Paradigma, dass Moderne zwangsläufig säkular sein muss. Aus diesem Grund ist er vor allem bei Vertretern westlicher Stiftungen, außenpolitischer Abteilungen und Nichtregierungsorganisationen zu einem Hoffnungsträger avanciert, sind Konferenzen und Projekte islamischer Feministinnen finanziell großzügig unterstützt worden. Die Frage stellt sich allerdings, ob er die großen Erwartungen, die in ihn gesetzt werden, auch erfüllen kann, ob er mehr ist als eine interessante intellektuelle Bewegung einer transnationalen islamischen Elite, die regelmäßig in Madrid, Jakarta und anderen Metropolen zusammenkommt und sich ihrer Bedeutung selbst vergewissert.

          Tatsache ist, dass ein großer Teil der Aktivistinnen aus gutem Grund im westlichen Ausland lebt. Wegen ihrer Ideen würden sie in ihren Heimatländern verfolgt, eingesperrt und möglicherweise als Häretikerinnen hingerichtet. In liberaleren islamischen Ländern stellen sie aber durchaus Stimmen dar, die Gehör finden. Sie treten dort in Fernsehsendungen auf, haben Kolumnen in Zeitungen und werden in Expertenrunden geladen. Sie stoßen Kampagnen gegen häusliche Gewalt an, fordern den Zugang von Frauen zu Führungspositionen und nehmen Einfluss auf Rechtsreformen. In einigen Fällen gelingt es ihnen, einflussreiche Verbündete zu finden, und es kommt zu bemerkenswerten Entwicklungen. So in Marokko, wo der gegenwärtige König Mohammed VI. sich an die Spitze einer von Frauen initiierten Reformbewegung setzte und ein neues Familienrecht auf den Weg brachte, das für seine Fortschrittlichkeit international gelobt wird.

          Konservativer Widerstand von Frauen

          Bei ihren Bemühungen um gesellschaftlichen Wandel konkurrieren islamische Feministinnen mit Konservativen, die jegliche emanzipative Veränderung als Bid’a, als verwerfliche Neuerung, denunzieren und oftmals schon das Bestehende als unislamischen Liberalismus ablehnen. Die konservative Art von Reform besteht darin, das Rad der Geschichte in Sachen moderner Frauenrechte zurückzudrehen. Das, was die Feministinnen angestoßen haben, wollen die Reaktionäre durch gegenläufige Prozesse konterkarieren.

          Bisweilen kommt es zu grotesken Überschneidungen feministischer und patriarchalischer Reformprojekte, wie die Provinz Aceh im Westen Indonesiens zeigt. Dort war Ende 2008 unter Mitarbeit von Frauenrechtsaktivistinnen, islamischen Autoritäten und der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit eine progressive Frauenrechtscharta erarbeitet worden. Der Gouverneur, der Vorsitzende des Regionalparlaments und Bevollmächtigte einer Reihe staatlicher, religiöser und zivilgesellschaftlicher Einrichtungen hatten die Charta unterzeichnet. Kurze Zeit später verabschiedete das gleiche Regionalparlament ein Gesetz, das Steinigung für Ehebruch vorsieht. Ein Landrat verhängte ein „Hosenverbot“ für Frauen, und die in dieser Provinz keineswegs alteingeführte, sondern gerade erst durchgesetzte rigide islamisch begründete Sexualordnung ist bis heute sakrosankt geblieben, obgleich Kritiker sogleich vor afghanischen Verhältnissen warnten.

          Liberalen Muslimen und islamischen Feministinnen weht aber nicht nur seitens konservativer Geistlicher und männlicher Antifeministen ein scharfer Wind ins Gesicht. Vielfach sind es gerade Musliminnen, die in einer eher repressiven Variante des Islam eine Alternative zur westlich geprägten Moderne sehen. Sie fürchten, Emanzipation und Freiheit könnten zu unmoralischem Lebenswandel und gesellschaftlichem Chaos führen, im schlimmsten Fall zu Prostitution, Drogensucht und einem Zerfall der Familien. Strenge Gesetze sollen dem vorbeugen, ebenso wie die Pflicht, den weiblichen Körper zu verhüllen, um sündhaftes Begehren gar nicht erst aufkommen zu lassen.

          Feminismus und Fundamentalismus

          Die Ironie der Geschichte will, dass derzeit ausgerechnet in Malaysia eine Gruppe von Frauen öffentlich für die Dominanz des Mannes in der Familie wirbt: die weiblichen Mitglieder des „Global Ikhwan Polygamy Club“, unter ihnen viele Akademikerinnen, die öffentlich bekunden, dass sie die von Gott verordnete Demut am besten einüben können, wenn sie ihren Mann mit mehreren Mitfrauen teilen. Da Männer von Natur aus triebhaft seien, Frauen aber primär die Versorgung ihres Nachwuchses im Sinne hätten, komme diese Eheform beiden Geschlechtern zugute. Anders als im Westen, wo außereheliche weibliche Geliebte im Falle einer Schwangerschaft schutzlos seien, garantiere die islamische Polygynie Frauen und Kindern ein geregeltes Auskommen.

          Solche Gedanken wurden bislang primär von Männern, wie dem iranischen Gelehrten Ayatollah Motahari, geäußert, der in den siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts vorschlug, die Polygynie aus ebendiesem Grund von den Vereinten Nationen als Menschenrecht anerkennen zu lassen. Die „Sisters in Islam“ halten die Mehrehe allerdings für wenig segensbringend. Einer von ihnen angeregten Studie zufolge sorgt sie für Spannungen in den Familien und führt zu einem dramatischen Anstieg häuslicher Gewalt. Deshalb kämpfen sie seit vielen Jahren für ein Verbot der Praxis, auch mit dem Verweis auf einen koranischen Vers, in dem es heißt, dass ein Mann nur dann mehrere Frauen heiraten solle, wenn er sich zutraue, sie alle gerecht zu behandeln.

          Was genau unter Gerechtigkeit zu verstehen sei, ist auch unter Frauen strittig und würde von den Damen des Polygamie-Clubs sicherlich anders verstanden als von den islamischen Schwestern. Unlängst jedoch gab es ebenso unerwartete wie auch ungewollte Schützenhilfe für die Feministinnen. Nik Aziz Nik Mat, Führer der Islamischen Partei Malaysias und überzeugter Polygynist, kritisierte die islamischen Geistlichen dafür, dass sie ihre Ehefrauen turnusmäßig durch jüngere Modelle austauschten und, da offenbar auch die Zahl „vier“ nicht ausreiche, um ihre Lust auf schöne Frauen zu befriedigen, sich der jeweils Ältesten durch Scheidung ganz entledigten. Solche Zustände, weiß Nik Aziz, bringen nicht nur Feministinnen, sondern auch konservative Musliminnen auf die Palme, weshalb die von ihm favorisierte Eheform unter einem gewissen Imageproblem leidet. Ob solche Widersprüche ausreichen, um eine Wendung von Neokonservativismus zum islamischen Feminismus einzuleiten, steht dahin.

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