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Frauen im Islam : Welche Chancen hat der islamische Feminismus?

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Liberalen Muslimen und islamischen Feministinnen weht aber nicht nur seitens konservativer Geistlicher und männlicher Antifeministen ein scharfer Wind ins Gesicht. Vielfach sind es gerade Musliminnen, die in einer eher repressiven Variante des Islam eine Alternative zur westlich geprägten Moderne sehen. Sie fürchten, Emanzipation und Freiheit könnten zu unmoralischem Lebenswandel und gesellschaftlichem Chaos führen, im schlimmsten Fall zu Prostitution, Drogensucht und einem Zerfall der Familien. Strenge Gesetze sollen dem vorbeugen, ebenso wie die Pflicht, den weiblichen Körper zu verhüllen, um sündhaftes Begehren gar nicht erst aufkommen zu lassen.

Feminismus und Fundamentalismus

Die Ironie der Geschichte will, dass derzeit ausgerechnet in Malaysia eine Gruppe von Frauen öffentlich für die Dominanz des Mannes in der Familie wirbt: die weiblichen Mitglieder des „Global Ikhwan Polygamy Club“, unter ihnen viele Akademikerinnen, die öffentlich bekunden, dass sie die von Gott verordnete Demut am besten einüben können, wenn sie ihren Mann mit mehreren Mitfrauen teilen. Da Männer von Natur aus triebhaft seien, Frauen aber primär die Versorgung ihres Nachwuchses im Sinne hätten, komme diese Eheform beiden Geschlechtern zugute. Anders als im Westen, wo außereheliche weibliche Geliebte im Falle einer Schwangerschaft schutzlos seien, garantiere die islamische Polygynie Frauen und Kindern ein geregeltes Auskommen.

Solche Gedanken wurden bislang primär von Männern, wie dem iranischen Gelehrten Ayatollah Motahari, geäußert, der in den siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts vorschlug, die Polygynie aus ebendiesem Grund von den Vereinten Nationen als Menschenrecht anerkennen zu lassen. Die „Sisters in Islam“ halten die Mehrehe allerdings für wenig segensbringend. Einer von ihnen angeregten Studie zufolge sorgt sie für Spannungen in den Familien und führt zu einem dramatischen Anstieg häuslicher Gewalt. Deshalb kämpfen sie seit vielen Jahren für ein Verbot der Praxis, auch mit dem Verweis auf einen koranischen Vers, in dem es heißt, dass ein Mann nur dann mehrere Frauen heiraten solle, wenn er sich zutraue, sie alle gerecht zu behandeln.

Was genau unter Gerechtigkeit zu verstehen sei, ist auch unter Frauen strittig und würde von den Damen des Polygamie-Clubs sicherlich anders verstanden als von den islamischen Schwestern. Unlängst jedoch gab es ebenso unerwartete wie auch ungewollte Schützenhilfe für die Feministinnen. Nik Aziz Nik Mat, Führer der Islamischen Partei Malaysias und überzeugter Polygynist, kritisierte die islamischen Geistlichen dafür, dass sie ihre Ehefrauen turnusmäßig durch jüngere Modelle austauschten und, da offenbar auch die Zahl „vier“ nicht ausreiche, um ihre Lust auf schöne Frauen zu befriedigen, sich der jeweils Ältesten durch Scheidung ganz entledigten. Solche Zustände, weiß Nik Aziz, bringen nicht nur Feministinnen, sondern auch konservative Musliminnen auf die Palme, weshalb die von ihm favorisierte Eheform unter einem gewissen Imageproblem leidet. Ob solche Widersprüche ausreichen, um eine Wendung von Neokonservativismus zum islamischen Feminismus einzuleiten, steht dahin.

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