https://www.faz.net/-gqz-6v9ix

Frauen im Islam : Welche Chancen hat der islamische Feminismus?

  • -Aktualisiert am

Ihr Stimmen finden Gehör

Der islamische Feminismus bietet starke Argumente gegen die in Europa weitverbreitete Vorstellung eines per se frauenfeindlichen Islam und zeigt, dass der Islam, wie andere Weltreligionen auch, auf unterschiedliche Weise interpretiert und gelebt werden kann. Er richtet sich gegen Fundamentalismus und Orthodoxie, aber auch gegen das Paradigma, dass Moderne zwangsläufig säkular sein muss. Aus diesem Grund ist er vor allem bei Vertretern westlicher Stiftungen, außenpolitischer Abteilungen und Nichtregierungsorganisationen zu einem Hoffnungsträger avanciert, sind Konferenzen und Projekte islamischer Feministinnen finanziell großzügig unterstützt worden. Die Frage stellt sich allerdings, ob er die großen Erwartungen, die in ihn gesetzt werden, auch erfüllen kann, ob er mehr ist als eine interessante intellektuelle Bewegung einer transnationalen islamischen Elite, die regelmäßig in Madrid, Jakarta und anderen Metropolen zusammenkommt und sich ihrer Bedeutung selbst vergewissert.

Tatsache ist, dass ein großer Teil der Aktivistinnen aus gutem Grund im westlichen Ausland lebt. Wegen ihrer Ideen würden sie in ihren Heimatländern verfolgt, eingesperrt und möglicherweise als Häretikerinnen hingerichtet. In liberaleren islamischen Ländern stellen sie aber durchaus Stimmen dar, die Gehör finden. Sie treten dort in Fernsehsendungen auf, haben Kolumnen in Zeitungen und werden in Expertenrunden geladen. Sie stoßen Kampagnen gegen häusliche Gewalt an, fordern den Zugang von Frauen zu Führungspositionen und nehmen Einfluss auf Rechtsreformen. In einigen Fällen gelingt es ihnen, einflussreiche Verbündete zu finden, und es kommt zu bemerkenswerten Entwicklungen. So in Marokko, wo der gegenwärtige König Mohammed VI. sich an die Spitze einer von Frauen initiierten Reformbewegung setzte und ein neues Familienrecht auf den Weg brachte, das für seine Fortschrittlichkeit international gelobt wird.

Konservativer Widerstand von Frauen

Bei ihren Bemühungen um gesellschaftlichen Wandel konkurrieren islamische Feministinnen mit Konservativen, die jegliche emanzipative Veränderung als Bid’a, als verwerfliche Neuerung, denunzieren und oftmals schon das Bestehende als unislamischen Liberalismus ablehnen. Die konservative Art von Reform besteht darin, das Rad der Geschichte in Sachen moderner Frauenrechte zurückzudrehen. Das, was die Feministinnen angestoßen haben, wollen die Reaktionäre durch gegenläufige Prozesse konterkarieren.

Bisweilen kommt es zu grotesken Überschneidungen feministischer und patriarchalischer Reformprojekte, wie die Provinz Aceh im Westen Indonesiens zeigt. Dort war Ende 2008 unter Mitarbeit von Frauenrechtsaktivistinnen, islamischen Autoritäten und der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit eine progressive Frauenrechtscharta erarbeitet worden. Der Gouverneur, der Vorsitzende des Regionalparlaments und Bevollmächtigte einer Reihe staatlicher, religiöser und zivilgesellschaftlicher Einrichtungen hatten die Charta unterzeichnet. Kurze Zeit später verabschiedete das gleiche Regionalparlament ein Gesetz, das Steinigung für Ehebruch vorsieht. Ein Landrat verhängte ein „Hosenverbot“ für Frauen, und die in dieser Provinz keineswegs alteingeführte, sondern gerade erst durchgesetzte rigide islamisch begründete Sexualordnung ist bis heute sakrosankt geblieben, obgleich Kritiker sogleich vor afghanischen Verhältnissen warnten.

Weitere Themen

Freiheit ist kein Privileg

TV-Kritik: Anne Will : Freiheit ist kein Privileg

Kaum sinken die Inzidenz-Zahlen, werden die Bürger ermahnt, nicht leichtsinnig zu werden. Muss das wirklich sein? Die Talkrunde bei Anne Will lotet das Verhältnis zwischen Vernunft und Bevormundung aus – zumindest hatte sie das eigentlich vor.

Topmeldungen

Laschet bei seiner Rede zum virtuellen politischen Aschermittwoch der CSU im Februar

Armin Laschet : Kanzlerkandidat mit Imageproblem

CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet kämpft um seine Wirkung in der Öffentlichkeit. Die besondere Herausforderung dabei: sein unterlegener Konkurrent Markus Söder.
Talkrunde bei Anne Will

TV-Kritik: Anne Will : Freiheit ist kein Privileg

Kaum sinken die Inzidenz-Zahlen, werden die Bürger ermahnt, nicht leichtsinnig zu werden. Muss das wirklich sein? Die Talkrunde bei Anne Will lotet das Verhältnis zwischen Vernunft und Bevormundung aus – zumindest hatte sie das eigentlich vor.
Udo Lindenberg während seiner Tournee 2019 in Hamburg

Panikrocker wird 75 : „Udo Lindenberg ist wie eine Kunstfigur“

Wer ist der Mann, der die Bühnen seit Jahrzehnten prägt und die deutsche Sprache in der Popmusik salonfähig gemacht hat? Udo Lindenberg im Gespräch über Alkoholabstürze, einsame Corona-Stunden im Hotel Atlantic und die Aktion #allesdichtmachen.
Coronavirus-Test in Niedersachsen

Corona in Deutschland : RKI registriert 5412 Neuinfektionen

Das Infektionsgeschehen in Deutschland flaut weiter ab. Wegen des Feiertags vergangene Woche müssen die Werte aber mit Vorsicht interpretiert werden. In einigen Bundesländern endet die Priorisierung beim Impfen in Arztpraxen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.