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Frauen im Islam : Welche Chancen hat der islamische Feminismus?

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Gott kennt kein Geschlecht

Der islamische Feminismus ist gleichermaßen ein theologisches wie ein politisches Projekt und eng mit zivilgesellschaftlichen Reformbewegungen verbunden. In der islamischen Welt kämpfen die Aktivistinnen für Demokratie, Frauenrechte und Toleranz, in westlichen Ländern gegen Islamfeindlichkeit und für die Rechte muslimischer Minderheiten. Theologisch beruhen die neuen Deutungen der Quellen des Islam auf dem Prinzip des Ijtihad, des logischen Schlussfolgerns nach einem Prozess des Nachdenkens, das im Gegensatz zum Taqlid, der Nachahmung des Bestehenden, steht. In der Ummah, der islamischen Weltgemeinschaft, gibt es kein hierarchisch organisiertes Deutungsmonopol. So ist es möglich, dass Einzelpersonen eigene Interpretationen des Koran und der Sunna vorlegen, die nicht mit einem hegemonialen theologischen Diskurs übereinstimmen.

Die exegetischen Methoden der islamischen Feministinnen bestehen in einer neuen Übersetzung einzelner im Koran verwendeter Begriffe, einer hermeneutischen Gesamtschau der koranischen Verse und deren historischer Kontextualisierung. Amina Wadud, die den Begriff des „Gender Jihad“ in die Debatte eingeführt hat, versteht die Gleichheit der Geschlechter als logische Folge der im Koran angesprochenen Gleichheit aller Menschen vor Gott. Diese Auffassung teilt auch die pakistanisch-amerikanische Politikwissenschaftlerin Asma Barlas. Gott sei der alleinige Souverän, dem sich Muslime zu unterwerfen hätten, und niemand sonst, weder König, Fürst noch Ehemann, habe das Recht, dies von Anderen zu verlangen. Sowohl Wadud als auch Barlas halten Gott übrigens für genderneutral, allen linguistischen Maskulinisierungen zum Trotz.

Wenn Gleichheit ein allgemeines religiöses Prinzip darstellt, wie die islamischen Feministinnen behaupten, und Gott weder männlich noch weiblich ist, dann liegt es auf der Hand, dass nicht nur Frauen allein die Aufgabe zufällt, für die Durchsetzung von Frauenrechten zu sorgen. Und in der Tat ist der islamische Feminismus, obgleich die Schar der Aktivisten überwiegend aus Frauen besteht, keinesfalls eine reine Frauenbewegung. Gerade in akademischen Kreisen findet sich eine ganze Reihe prominenter männlicher Verfechter wie Abdullah Saeed von der Melbourne University, Khaled Abou El Fadl von der University of California oder der indische Gelehrte Asghar Ali Engineer vom Institute of Islamic Studies in Mumbai, der 2004 für sein zivilgesellschaftliches Engagement mit dem alternativen Nobelpreis geehrt wurde.

Engineer hat sich insbesondere um die historische Kontextualisierung islamischer Normen verdient gemacht. Frauen, so schreibt er, seien im siebten Jahrhundert, zu Lebzeiten Mohammeds, schwach und abhängig gewesen und hätten eines besonderen Schutzes bedurft, den der Islam gewährt habe. Deshalb spreche der Koran beispielsweise von der Führerschaft des Mannes in der Familie. Mittlerweile habe sich die Situation jedoch vollständig gewandelt. Heute hätten Frauen Zugang zu Bildung, seien berufstätig und nähmen soziale und politische Ämter wahr. Aufgrund dieser Entwicklungen lasse sich der Anspruch der Männer auf Dominanz nicht länger rechtfertigen, denn Gott selbst - und hier schließt Engineer an Wadud an - gehe es letztlich nur um eines: um Gleichheit und Gerechtigkeit.

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