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Frauen an der Spitze : „Unsere Unternehmenskultur ist immer noch männlich“

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„Ich bin jedenfalls kein ängstlicher Typ” Bild: F.A.Z. - Daniel Pilar

Nicht nur die großen Bosse der meisten Unternehmen sind Männer, auch in der Beraterbranche trifft man selten eine weibliche Führungskraft. Ein Gespräch mit der Unternehmensberaterin Anne von Loeben.

          Nicht nur die großen Bosse der meisten Unternehmen sind Männer, auch in der Beraterbranche trifft man selten eine weibliche Führungskraft.

          Frau vonLoeben, wir haben unlängst in der F.A.Z. über die Schwierigkeiten von Juristinnen berichtet, in Großkanzleien ganz an die Spitze zu kommen. Daraufhin bekam ich den Anruf eines Wirtschaftsprüfers, der sagte, in Anwaltskanzleien hätten es Frauen ja noch vergleichsweise leicht, richtig schwer sei es in den großen Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsfirmen. Sie aber haben sich dort durchgesetzt. Sie sind Wirtschaftsprüferin, Steuerberaterin, Rechtsanwältin und Partnerin bei PriceWaterhouseCoopers in Köln. Sind Sie eine Ausnahme?

          Bei PWC gibt es in ganz Deutschland über dreihundertfünfzig Partner. Höchstens zehn Prozent davon sind Frauen. Und es gibt 22 Vorstände, lauter Männer. Richtig viele Frauen sitzen also nicht in Führungspositionen.

          Warum ist das so?

          Ich war vor einiger Zeit auf einer Konferenz in Köln. Da haben sich vielleicht einhundert Frauen getroffen, ausnahmslos Spitzenmanagerinnen, auch aus großen Unternehmen, Ford, IBM, den Banken. Und wir haben uns dieselbe Frage gestellt: Warum sind wir so wenige? Es herrschte ziemliche Einigkeit, dass es dafür vor allem drei Gründe gibt. Der erste ist schlicht Angst. Das Schlagwort heißt "risk aversion". Oder mangelndes Selbstvertrauen. Frauen bekommen Angst, wenn sie kurz vor dem Sprung nach ganz oben stehen. Das geht Männern genauso, aber die wissen ihre Angst besser zu überwinden.

          Ist Ihnen Angst fremd?

          Ich bin jedenfalls kein ängstlicher Typ. Ich bin auf einem Bauernhof mit zwei jüngeren Brüdern aufgewachsen, die ständig Unsinn gemacht, alles Mögliche ausgefressen haben und damit fast immer durchgekommen sind. Hinterher haben sie sich sogar noch besser gefühlt. Das hat vielleicht auf mich abgefärbt. Gleich nach dem Studium haben mein jüngster Bruder und ich eine Fachwerk-Ruine geerbt, die wir in dreißig Wohnungen umbauen mussten. Weil ich nach dem Examen gerade Zeit hatte, habe ich mich darum gekümmert, ein Jahr lang, um die Finanzierung, den Umbau, die Vermarktung. Andere wären daran vielleicht verzweifelt, mir hat es Spaß gemacht. Risikoscheu ist daher nicht mein Problem. Das ist ein Riesenvorteil, auch bei der Arbeit mit Mandanten. Die merken, wenn man angstfrei ist, ruhig bleibt und überzeugend erklären kann, wir finden schon eine Lösung.

          Furchtlosigkeit allein aber genügt nicht.

          Natürlich nicht. Entscheidend ist die Leistung. Da haben Frauen nach meiner Erfahrung sogar zwei Vorteile: Sie arbeiten gründlich, häufig gründlicher als Männer, und sind meist sehr fleißig. Oft kommt hinzu, dass sie sozial kompetenter sind, sachorientierter und deshalb bei den Mandanten besser ankommen. Viele unserer Mandanten sind ja selbst Männer, und viele von ihnen empfinden es nach meinem persönlichen Eindruck als angenehmer, in Krisensituationen mit Frauen zusammenarbeiten. Eigene Fehler oder Missstände Männern gegenüber einzuräumen fällt ihnen schwer. Frauen dagegen kann man derlei gewissermaßen mütterlich anvertrauen.

          Immer wieder aber heißt es von Anwälten oder Beratern, gerade die Mandanten wünschten, von Männern beraten zu werden, weil die kühler und rationaler argumentierten. Frauen hingegen neigten zu emotionalen Reaktionen.

          Mag sein, dass es solche Wünsche gibt. Aber nach meinen Erfahrungen zerstreiten sich Männer häufig viel schneller als Frauen in Vertragsverhandlungen, und nicht selten habe ich es erlebt, dass dann ausgerechnet mir die Aufgabe zufiel, zu beruhigen, zu schlichten und zur Sache zurückzukommen.

          Trotzdem bleiben Frauen in Spitzenpositionen eine Seltenheit.

          Ja. In der Beratungsbranche fangen auf der Einstiegsebene etwa ebenso viele Männer wie Frauen an. Aber vorwiegend Männer steigen auf. Der zweite der drei Gründe für diese Entwicklung, darüber waren sich auf der Konferenz in Köln alle Kolleginnen einig, ist das "old boys network", zu dem Frauen keinen Zugang haben. Vielleicht hat Ursula von der Leyen Zugang, aber da mag ihr Vater eine Rolle spielen. Ich gebe zu, ich schaue nicht selten neidisch auf meine Kollegen und deren Kontakte. Sich selbst diese Netzwerke aufzubauen ist ungeheuer anstrengend und zeitraubend.

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