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Claude Lanzmann ist tot : Verstehen wollte er die Shoah nie

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Claude Lanzmann (geboren am 27. November 1925, gestorben am 5. Juli 2018) im Jahr 2016 Bild: AFP

Noch als Schüler kämpfte er in der Résistance, sein Film „Shoah“ über den Völkermord an den europäischen Juden hat ihn weltberühmt gemacht: Im Alter von 92 Jahren ist Claude Lanzmann gestorben.

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          Der französische Regisseur Claude Lanzmann ist im Alter von 92 Jahren gestorben. Das bestätigte seine Frau am Donnerstag. Sein Film „Shoah“ über den Völkermord an den europäischen Juden hatte Lanzmann weltberühmt gemacht.

          Claude Lanzmann wurde am 27. November 1925 in Paris als Sohn eines Dekorateurs geboren. Er wuchs dort in einer assimilierten Familie auf, die Großeltern waren jüdische Immigranten aus Osteuropa. Die Mutter Paulette Grobermann verließ die Familie in den dreißiger Jahren für eine neue Beziehung mit dem Dichter Monny de Boully. Lanzmanns Bruder Jacques (1927-2006) war Schriftsteller und Songtexter. Seine Schwester, die Schauspielerin Evelyne Rey (1930-1966), nahm sich das Leben.

          Noch als Schüler schloss sich Lanzmann während des Zweiten Weltkrieges 1943 der französischen Résistance gegen die nationalsozialistische deutsche Besatzungsmacht an und beteiligte sich an Partisanenkämpfen. Nach dem Krieg setzte er sein in Paris begonnenes Philosophiestudium zusammen mit dem Schulfreund und späteren Schriftsteller Michel Tournier ab 1947 im französisch besetzten Tübingen fort und schloss mit einer Arbeit über den deutschen Aufklärungsphilosophen Gottfried Wilhelm Leibniz ab.

          Als Antwort auf einen linken Antisemitismus

          In den Folgejahren war Lanzmann als Lektor an der neu gegründeten Freien Universität (FU) im Westen Berlins tätig. Großen Ärger bei der Universitätsleitung und der französischen Militärregierung in der Vier-Sektoren-Stadt handelte er sich mit einem Antisemitismus-Seminar ein, das er auf Wunsch der Studenten abhielt, sowie mit einem Artikel über Missstände an der FU, der Anfang 1950 in der „Berliner Zeitung“ im sowjetisch kontrollierten Ostsektor Berlins erschien. Die Pariser Tageszeitung „Le Monde“ druckte etwas später eine Artikelserie von Lanzmann über das geteilte Deutschland und die sozialistische DDR. Gut zwanzig Jahre lang war er als Journalist tätig, schrieb für die Zeitung „France-Soir“ ebenso wie für große Magazine wie „Paris Match“ und „Elle“ und lieferte neben Reportagen aus Krisengebieten auch Prominentenporträts, Essays und Kolumnen.

          Seit Beginn der fünfziger Jahre lebte Lanzmann wieder in Paris und zählte dort zum engen Freundeskreis um den existenzialistischen Philosophen Jean-Paul Sartre und dessen Lebensgefährtin Simone de Beauvoir, den Gründern des linksintellektuellen Magazins „Les Temps Modernes“. Lanzmann gehörte zunächst zum Redaktionskollektiv und wurde nach de Beauvoirs Tod 1986 selbst Herausgeber der berühmten Monatszeitschrift. Er unterzeichnete auch das „Manifest der 121“ gegen die Repressionen der französischen Kolonialmacht im Algerienkrieg (1954-1962) und redigierte 1967 eine Sonderausgabe der „Temps Modernes“ mit Beiträgen israelischer und arabischer Autoren über den Nahostkonflikt, der seit Gründung des Staates Israel (1948) zu mehreren Kriegen mit den arabischen Nachbarn führte. Nach der Besetzung von Palästinensergebieten durch Israel im Sechstagekrieg (1967) stellte sich Lanzmann auf die Seite der israelischen Juden. Unter dem Eindruck eines aufkeimenden linken Antisemitismus nach den Studentenrevolten 1968 begann er, sich intensiv mit dem Holocaust auseinanderzusetzen.

          Verstehenwollen war nicht sein Ansatz

          Nach seiner Mitarbeit am Drehbuch des Filmdramas „Élise ou la vraie vie“ (1970) wandte sich Lanzmann dem Dokumentarfilm zu. Zum Themenkomplex Israel, Judentum und Holocaust drehte er eine hoch gelobte Filmtrilogie, die 1973 mit seinem Regiedebüt „Pourquoi Israel“, „Warum Israel“ begann, worin er sich mit dem Selbstverständnis des Staates Israel befasste. Weltweite Berühmtheit bescherte ihm der zweite Teil „Shoah“ aus dem Jahr 1985, ein neunstündiger Dokumentarfilm, dessen Titel das hebräische Wort für Vernichtung auch in anderen Sprachen etablierte: als Synonym für den nationalsozialistischen Völkermord an sechs Millionen europäischen Juden. Für die nach einhelliger Kritikermeinung bis heute grundlegende filmische Auseinandersetzung mit dem Holocaust hatte Lanzmann zwölf Jahre gebraucht und 350 Interviewstunden mit überlebenden Opfern, Tätern und Beobachtern aufgezeichnet, wobei er auf jegliches Archivmaterial verzichtete und ausschließlich Zeitzeugen zu Wort kommen ließ. Diese mussten das Erzählte nochmals durchleben und machten den Film so zu einem „ursprünglichen Ereignis“, wie Lanzmann es nannte. An der Filmpremiere in Paris nahm auch der französische Staatspräsident François Mitterrand teil, in Deutschland lief der vielfach ausgezeichnete Film 1986 auf der Berlinale und danach im Fernsehen.

          Die Berlinale-Jury, die Lanzmann 2013 den Goldenen Ehrenbären für sein Lebenswerk verlieh, würdigte „Shoah“ als „epochales Meisterwerk der Erinnerungskultur“. Nur selten wurde es jedoch in voller Länge gezeigt, wie zuletzt 2015 in der Essener „Lichtburg“, wo Lanzmann in einer Rede seine eherne Regel als Filmemacher erläuterte, den Holocaust nicht „verstehen“ zu wollen, da jeder Versuch einer Erklärung aus historischen Bedingungen „vollkommen unbefriedigend“ sei. Auch vertrat er die Meinung, dass keine fiktionalisierte Darstellung – wie etwa Stephen Spielbergs Film „Schindlers Liste“ aus dem Jahr 1993 – dem unfassbaren Grauen der Schoah gerecht werde.

          Amerika hatte dem Augenzeugen nicht glauben wollen

          Auf dem Filmfestival in Venedig stellte Lanzmann 1994 mit „Tsahal“ den dritten Teil seiner jüdischen Trilogie vor, der von der Geschichte der israelischen Armee und ihrer Verankerung in der Gesellschaft handelt. Dieser Film war nicht nur in Frankreich, sondern auch in Israel umstritten und wurde von manchen als unkritische Hymne auf das Militär empfunden. Später drehte Lanzmann mehrere Filme auf der Basis von Interviewmaterial, das aus diversen Gründen keine Verwendung in „Shoah“ fand.

          Vom einzigen erfolgreichen Aufstand in einem NS-Vernichtungslager handelt der Film „Sobibór. 14 octobre 1943, 16 heures“ (2001), worin der ehemalige Lagerinsasse Yehuda Lerner erzählt, wie er in Sobibór mit der Ermordung eines SS-Offiziers durch einen Axthieb das Fanal zum Aufstand gab. Für Lanzmann wurde dieser „mythische Moment“ zum Zeichen für die „Wiederinbesitznahme der Gewalt durch die Juden“. Der deutsch-französische Fernsehsender Arte zeigte den 2010 entstandenen Film „Le rapport Karski“, ein Interviewfilm mit dem polnischen Widerstandskämpfer Jan Karski, der 1943 mit hochrangigen Repräsentanten der Vereinigten Staaten sprach, damals aber mit seinen Augenzeugenberichten aus der Ghetto- und KZ-Realität auf Unglauben stieß.

          Göttlicher Taucher

          Lanzmanns vielbeachtete Dokumentation „Le dernier des injustes“ („Der Letzte der Ungerechten“) aus dem Jahr 2013 war dem 1989 gestorbenen österreichischen Rabbiner Benjamin Murmelstein gewidmet, der in der NS-Zeit Schlüsselämter der jüdischen Selbstverwaltung in Wien und im KZ Theresienstadt bekleidete und dabei mit dem SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann zusammenarbeiten musste. Der auch unter Historikern umstrittene, oft als Verräter oder Kollaborateur angesehene Murmelstein passte nicht in das Täter-Opfer-Schema von „Shoah“. In den 2013 veröffentlichten Filminterviews mit ihm wollte Lanzmann zeigen, dass die vermeintliche Nazi-Marionette in der Lage war, „die Fäden selber zu ziehen“, dadurch auch viele Juden retten konnte und zudem das von Hannah Arendt geprägte Bild des „banal-bösen“ Bürokraten Eichmann revidierte, der vielmehr ein veritabler Dämon gewesen sei.

          Zu mehreren seiner Filme brachte Lanzmann die aufgezeichneten Texte auch in Buchform heraus, darunter „Shoah“ mit einem Vorwort von Simone de Beauvoir (1985, in deutscher Übersetzung 2011). Eine Sammlung von Reportagen, Porträts und weiteren Texten, die er seit 1947 geschrieben und publiziert hat, erschien 2012 unter dem Titel „La tombe du divin plongeur“ (deutsch 2015 als „Das Grab des göttlichen Tauchers“). Lanzmanns Autobiographie „Le lièvre de Patagonie“ (2009, deutsch 2010 als „Der patagonische Hase“) eroberte zügig die französischen Bestsellerlisten und wurde von namhaften Magazinen wie „Le Point“ und „Lire“ zum Buch des Jahres gewählt.

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