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Französischer Philosoph : André Glucksmann gestorben

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André Glucksmann, 19. Juni 1937 bis 10. November 2015, im April 2009 in Rom Bild: Picture-Alliance

Vom Maoisten zum Totalitarismuskritiker: In der politischen Debatte Frankreichs und Europas hatte André Glucksmanns Stimme Gewicht. In der Nacht ist der französische Philosoph mit 78 Jahren gestorben.

          André Glucksmann ist tot. Der französische Philosoph starb im Alter von 78 Jahren in der Nacht, wie der französische Radiosender „France Info“ unter Berufung auf Familienkreise berichtete. Glucksmann hatte an den Mai-Demonstrationen 1968 teilgenommen, war überzeugter Marxist und militanter Maoist, bevor er sich in seinen philosophischen Auseinandersetzungen hin zu einer grundlegenden Kritik des Totalitarismus entwickelte.

          Als wichtigstes modernes Herrschaftsinstrument hatte Glucksmann die Verheißung der Freiheit erkannt. Tatsächlich aber würden „die Menschen in dem Maße unfrei, wie sie durch die Vorschrift eines richtigen Bewusstseins ihrer Freiheit und die anerzogene Bereitschaft, solche Vorschrift zu akzeptieren, entmündigt werden“, fasste diese Zeitung seine Argumentation in einem Artikel im September 1978 zusammen.

          Am 19. Juni 1937 in Boulogne-Billancourt geboren, stammt André Glucksmann aus einer jüdischen Familie mit Wurzeln in Prag und Rumänien. Seine Eltern hatten sich in Palästina kennengelernt und waren 1930 nach Deutschland gegangen, wo sie sich dem kommunistischen Untergrund anschlossen. 1936 flohen sie vor den Nationalsozialisten nach Frankreich, wo sie in der Résistance kämpften. Der Vater Rubin kam 1940 nach dem Einmarsch der Deutschen bei einer Überfahrt auf dem Ärmelkanal ums Leben, als das Schiff torpediert wurde. Der Mut von Glucksmanns Mutter Martha retteten ihn und seine Schwestern Alisa und Michy 1941 vor der Deportation. Bis Kriegsende wurde André Glucksmann unter falscher Identität (Joseph Rivière) in Frankreich versteckt. Nach dem Krieg kehrte die Mutter ohne ihn nach Wien zurück.

          Abkehr vom Marxismus

          Glucksmann studierte Philosophie an der Ecole Normale Supérieure de Saint Cloud in Lyon. Bereits als Schüler war er Anhänger der Kommunistischen Partei Frankreichs (KPF). Mit siebzehn Jahren trat er in die Partei ein, wurde aber 1957 wegen Kritik am sowjetischen Einmarsch in Ungarn wieder ausgeschlossen. Später schloss er sich der maoistischen Linken an und wurde Mitglied der illegalen „Gauche Prolétarienne“. Öffentliche Aufmerksamkeit erregte Glucksmann als einer der intellektuellen Protagonisten der Studentenunruhen in Paris vom Mai 1968.

          Anders als die meisten Mitstreiter verarbeitete Glucksmann die Erfahrungen der Studentenbewegung und die Konfrontation mit der kommunistischen Wirklichkeit zu radikaler Totalitarismus- und Utopiekritik. Daraus ging die Bewegung der „Nouveaux philosophes“ hervor, zu der neben Glucksmann auch Bernard-Henri Lévy und Alain Finkielkraut gehörten. Als Assistent bei dem Liberalen Raymond Aron am Centre National de la Recherche Scientifique der Sorbonne forschte Glucksmann über Krieg, Abschreckung und nukleare Strategie. 1968 veröffentlichte er mit „Diskurs über den Krieg“ sein erstes Buch. Seine Abkehr vom Marxismus und die massive Kritik am Kommunismus, etwa in „Köchin und Menschenfresser“ (in deutscher Übersetzung 1976 erschienen), wurden ausgelöst durch die Lektüre von Alexander Solschenizyns „Der Archipel Gulag“ (1973-1976) über die sowjetischen Vernichtungslager. In „Les maîtres penseurs“ (deutsch 1978) setzte Glucksmann sich kritisch mit den staatsphilosophischen Lehren der großen deutschen Philosophen des 19. Jahrhunderts, Fichte, Hegel, Marx und Nietzsche, auseinander, um deren Mythos zu entzaubern.

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