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Franzen übersetzt Karl Kraus : „Fackel“: gefällt mir!

Bild: akg-images / Imagno, ddp images/CAMERA PRESS/Remo Cas

Der Epiker Jonathan Franzen unterschätzt den Schriftsteller Karl Kraus. Das Publikum könnte die neue Übersetzung mögen, am Kern des Werks geht sie vorbei.

          4 Min.

          Wenn ein lebendiger Romancier einem toten Satiriker, dem Romane erklärtermaßen wenig zu erzählen hatten, seine Aufwartung macht, kann sich nichts anderes ereignen als ein Missverständnis - was an sich kein Schaden ist: Ohne produktive Missverständnisse wäre weder der Weg vom Mythos zum Epos und vom Epos zum Roman je begangen worden, noch hätte, wenn immer alle alles so verstünden, wie es gemeint ist, jemals eine Satire geschrieben werden können.

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          Der Epiker Jonathan Franzen versteht die Romanform, in der er sich hervorgetan hat, ganz kanongerecht als Instrument der erzählenden Totalität: Zeitkritik gehört dazu, der breite Fluss des Romangeschehens muss allerlei Treibgut missratener privater und öffentlicher Kommunikation mit sich führen, um den Epochenalltag wie seine Ausnahmen kunstgerecht in Bewegung zu bringen.

          Karl Kraus, der aus Glossen in Zeitungen erhabene Abhandlungen über Dummheit und Bosheit machte und aus Weltereignissen umgekehrt Glossen, hat die sprachempfindliche, politische, ethische und philosophische Medienkritik, die bei seinen Vorbildern Schopenhauer und Kierkegaard noch vom allgemein Urteilenden ins schmierenjournalistisch Verdammungswürdige griff, vom stilistisch glänzenden Kopf auf die Füße der erbarmungslosen Einzeluntersuchung gestellt - eine Zeile, eine Anzeige, eine Selbstentblößung der „Welthirnjauche“ (Kraus) waren ihm hundert Seiten wert, das „schlechte Besondere“ (Hegel, den er nicht las) stets Indikator des „unwahren Ganzen“ (Adorno, der ihn las).

          „Ein Teufelswerk der Humanität“

          Nun will Franzen den Herausgeber und bald nach Gründung jener Zeitschrift alleinigen Autor der „Fackel“ seinem eigenen, englisch lesenden Publikum nahebringen, indem er ihn übersetzt, über ihn redet und ihn behutsam modernisiert - indem er „manche ,nachdenkliche‘ Worte und manche, die mir nachgedacht sind“ (Kraus), über unsere Netz- und Partizipationskulturen äußert- Worte, die an Presseschelte, Kulturstreit und Verteidigung des ethischen Ursprungs der Literatur, wie Kraus sie verstand, anknüpfen wollen.

          Auf der Website des Monatsmagazins „The Atlantic“ kann man kostenlos eine Rubrik namens „By heart“ kennenlernen, in der berühmte Menschen ihre Lieblingsstellen aus der Weltliteratur zitieren und auslegen. Am 1. Oktober hat Franzen dort einen Passus aus „Nestroy und die Nachwelt“ vorgestellt und kommentiert - er lautet im Original: „Es muß etwas in die Welt gekommen sein, was es nie früher gegeben hat. Ein Teufelswerk der Humanität.“

          Ein schärferer Blick, an Kraus geschult

          Gemeint ist die Rotationsmaschine, die Presse, die Zeitung. Der Abschnitt geht weiter, als Franzen ihn anführt: „Eine Erfindung, den Kohinoor zu zerschlagen, um sein Licht allen, die es nicht haben, zugänglich zu machen. Fünfzig Jahre läuft schon die Maschine, in die vorn der Geist hineingetan wird, um hinten als Druck herauszukommen, verdünnend, verbreiternd, vernichtend. Der Geber verliert, die Beschenkten verarmen, und die Vermittler haben zu leben. Ein Zwischending hat sich eingebürgert, um die Lebenswerte gegeneinander zu Falle zu bringen. Unter dem Pesthauch der Intelligenz schließen Kunst und Menschheit ihren Frieden ...“

          Franzen sieht in dieser Attacke auf ein technisches Dispositiv der Nivellierung von Wissen, Können, Kennen und Urteilen eine deutliche Parallele zu seiner eigenen Skepsis gegenüber dem Internet und den sozialen Netzwerken - die „stupid parties“ auf Facebook, die Online-Pokerturniere, die Frechheit der Plattform Twitter, sich politische Aufbrüche wie den „arabischen Frühling“ gutzuschreiben, den Fortschrittsdusel von Silicon Valley - das alles, sagt Franzen, nimmt man mit schärferem Blick ins Visier, wenn dieser Blick an Kraus geschult ist.

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