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Tutsi-Genozid in Ruanda : „Schlacht zwischen den Historikern und der Armee“

„Reconciliation Village“: In diesem ruandischen Dorf wohnen Angehörige beider Stämme 25 Jahre nach dem Genozid friedlich zusammen. Bild: EPA

Bis heute versucht Frankreich seine Mitschuld am Genozid der Tutsis zu verschleiern. Obwohl Macron Aufklärung versprach, fehlte er bei den Zeremonien im ruandischen Kigali anlässlich des Völkermordes vor 25 Jahren.

          Vor fünfundzwanzig Jahren forderte der Genozid der Tutsis zwischen April und Juli eine Million Tote. Was wusste Mitterrand, was machte seine Armee in Ruanda, als Frankreich das Regime des Hutu-Staatschefs Habyarimana unterstützte, um den Einfluss der Amerikaner zu stoppen? Die Franzosen lieferten die Macheten, mit denen die Tutsis umgebracht wurden, und verhalfen den Mördern nach dem Genozid zur Flucht nach Kongo.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Die Witwe Habyarimanas, die eine Schlüsselfigur bei der Vorbereitung und Durchführung des Völkermords war, lebt bis heute unbehelligt in Frankreich. Waren die Franzosen beim Attentat auf ihren Gatten involviert? Vieles spricht dafür, dass es von Hutu-Fanatikern ausgeführt wurde, um endlich mit dem seit Jahren geplanten Morden beginnen zu können. Die Beziehungen zwischen Paris und Ruandas Präsident Paul Kagame, der die Rebellion der diskriminierten Tutsis anführte und mit seiner Befreiungsarmee das Land aus Uganda angriff, bleiben gespannt.

          Emmanuel Macron hatte die radikale Aufklärung der französischen Verantwortung und die Öffnung der Archive versprochen. Doch bei den Zeremonien in Kigali am 7. April war er der große Abwesende. Führende Intellektuelle fordern ihn jetzt in einer Petition dazu auf, sich an Jacques Chiracs Eingeständnis der französischen Mitschuld bei der Deportation der Juden unter Vichy zu orientieren.

          Inzwischen hat der französische Präsident die versprochene Historikerkommission einberufen. Doch der anerkannte Ruanda-Experte Stéphane Audoin-Rouzeau, der sie angeregt hat und leiten sollte, ist nicht in ihr vertreten. Mit dieser Aufgabe betraute Macron Vincent Duclert, der sich mit Ruanda überhaupt nicht auskennt. Duclert war im Übrigen ein Freund von Audoin-Rouzeau, der sich von beiden verraten fühlt. Auch die Historikerin Hélène Dumas, die die Landessprache Kinyarwanda beherrscht, wurde nicht in die Kommission berufen.

          „Le Monde“ beschreibt die Umstände als „Schlacht zwischen den Historikern und der Armee“. Die renommierte Historikerin Annette Becker spricht von einem Sieg der Militärs. Vereinzelte Offiziere im Ruhestand plädieren gleichwohl für die Öffnung der Archive: Es habe durchaus Depeschen auch von Diplomaten gegeben, die vor der Gefahr eines Genozids warnten. Mitterrand wusste, was geschah. Für Annette Becker ist die Kommission eine „Totgeburt“.

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