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Islam-Debatte : Der Premier und die Burkinis

Aktion des Anstoßes: Vier Polizisten fordern eine Frau am Strand von Nizza auf, den Burkini abzulegen. Bild: Bestimage

Frankreich streitet, ob islamische Kleidung am Strand erlaubt ist. Die „New York Times“ macht sich über die Debatte lustig. Das bringt den Premierminister Manuel Valls auf die Palme.

          Das Bild ging um die Welt: Bewaffnete Polizisten, die am Strand in ihrer Uniform ohnehin eine leicht lächerliche Figur abgeben, nähern sich zwei Frauen und fordern sie auf - sich auszuziehen. Praktisch alle Gemeinden an der Côte d’Azur hatten das Tragen des Burkini verboten. Eine Ausnahme machte der Bürgermeister von Antibes, wo ein etwas zu laut knallender Motor eine Massenpanik ausgelöst hatte, die Dutzende von gar nicht nur leicht Verletzten forderte.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Die Nerven liegen blank, die Angst geht um in Frankreich. Die Richter verboten das Verbot. Doch auf Korsika, wo Einwohner badende Musliminnen verjagt hatten, darf verboten werden. Burka und Burkini sind zum roten Tuch geworden, dem Streit um sie war das französische Sommertheater der Medien gewidmet. Mit einer Polemik zwischen Premierminister Valls und der „New York Times“ erreicht es einen Höhepunkt.

          Amerikaner machen sich über „Burkini Cops“ lustig

          In den amerikanischen Medien hatte es für Frankreich nur Hohn und Spott gegeben. Kommentatoren machten sich über die „Burkini Cops“ lustig und verglichen Frankreich mit Iran. Die „Washington Post“ nannte das Verbot „lächerlich“ und kontraproduktiv: Vor seinem Erlass seien kaum je Burkinis am Strand gesichtet worden. Die „New York Times“ hatte die Idee, mit Burkini-Trägerinnen über ihre Erfahrungen zu sprechen. Sie startete dafür einen Aufruf - auf Arabisch und Französisch - im Internet. Aus 1200 Kandidatinnen wählte die Zeitung ein paar Dutzend aus, in verschiedenen Ländern. Die Porträts sind lesenswert. Auch von gelassenen Reaktionen wird berichtet. Viele allerdings prangern eine vermeintliche europäische Islamfeindlichkeit an und beklagen eine schleichende Apartheid.

          „Dieser Artikel zeichnet ein unerträgliches, weil falsches Bild von Frankreich, dem Land der Aufklärung und der Freiheit“, schreibt Manuel Valls in einer Replik in der französischen Ausgabe der „Huffington Post“. In Interviews hat er mehrfach nachgelegt. Die erste Lektion seiner Journalistenschelte: Die Reporter der „New York Times“ hätten die „große Mehrzahl der Musliminnen, die den Fanatismus nicht teilen, anhören sollen“. Mit einigen Fakten nimmt es der Premierminister aber nicht so genau, dafür spart er nicht an Polemik. Er schreibt von einem „Antikolonialismus-Sommer-Camp“, zu dem „Weiße keinen Zutritt hatten“. Hier seien der Aufruf der „New York Times“ vertrieben und die Frauen rekrutiert worden. Belege für die Behauptung bleibt Valls schuldig.

          Der französische Premierminister Manuel Valls vor dem Elysee-Palast

          Grund für Kritik an der „New York Times“ gibt es allerdings: Zumindest eine der Burkini-Trägerinnen stammt nämlich aus den Reihen einer Organisation gegen die „Islamophobie“, die den Muslim-Brüdern nahesteht. Sie nennt sich „Collectif contre l’Islamophobie en France“, kurz CCIF - nach dem Beispiel des jüdischen Zentralrats in Frankreich CRIF, „Conseil Représentatif des Institutions juives en France“. Der CCIF hat vermutlich zahlreiche Burkini-Inszenierungen am Strand organisiert. Sein Bestreben ist es, die „Islamophobie“ auf eine Stufe mit dem Antisemitismus zu stellen. Diese Rhetorik schimmert auch in zahlreichen der Porträts in der „New York Times“ auf. Der „Judenstern“ werde vom „Islam-Mond“ abgelöst, erklärt etwa eine der verhüllten Badenixen.

          Kampfanzug des Islams

          Der Burkini wird in Frankreich sehr wohl als Kampfanzug des Islams eingesetzt. Vor ein paar Monaten hatte Valls erklärt, der Salafismus sei im Begriff, den Kulturkampf innerhalb der Muslime zu gewinnen. „In Frankreich sind die Frauen frei“, schreibt der Premierminister der „New York Times“ ins Stammbuch. In den Vereinigen Staaten seien auch die Religionen frei, gibt die Zeitung zurück. Sechs Korrespondenten beschäftigt sie in Paris, sie verteidigen ihr Vorgehen in manchen Medien. An der Reportage hält auch die Chefredaktion in New York fest.

          So wird der transatlantische Streit zum Religionskrieg. Die Vereinigten Staaten verstehen sich als Hort verfolgter Glaubensgemeinschaften, die Pilgerväter waren religiöse Separatisten. In Frankreich entstand die zentralistische Republik aus der Revolution, die den König des Gottesgnadentums aufs Schafott brachte. Mehr als ein Jahrhundert lang kämpfte die Kirche gegen die Revolution, ein letztes Mal unter Vichy. Die Religionen müssen die Gesetze der Republik, die sie schützt und ihre Glaubensfreiheit garantiert, anerkennen.

          Jetzt erinnert man sich an das Konkordat, das Napoleon 1801 dem Papst aufzwang. Es wurde auf die Protestanten und die Juden ausgeweitet und soll zum Modell für die Assimilierung der Muslime werden. In diesem Sinne wurde nach dem Attentat in Nizza die Begründung einer „Fondation de l’Islam“ unter der Leitung von Jean-Pierre Chevènement in die Wege geleitet. Persönlichkeiten der islamischen Zivilgesellschaft, wie der Schriftsteller Tahar Ben Jelloun, werden ihr angehören. In einer ersten Stellungnahme hat Chevènement die französischen Muslime zu mehr Zurückhaltung und zu Rücksicht auf die französische Befindlichkeit aufgefordert. An diese Forderung dürfen sich auch Politiker und Medien halten.

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