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Vor dem EM-Halbfinale : Das Spiel beginnt bei Stunde null

Eine runde Sache: So anmutig kann es aussehen, wenn Deutsche und Franzosen um den Ball kämpfen. Da freut man sich auf das Halbfinal-Ballett. Bild: WITTERS

Frankreichs Medien sehen vor dem Halbfinale gegen Deutschland einen weiteren harten Gegner für „Les Bleus“: den „Defätismus der Alten“. Ist der mit elegantem Offensivspiel zu besiegen?

          3 Min.

          Der Sommer ist nicht die beste Saison für das Fernsehen. Aber wenn Fußball ist, Welt- oder Europameisterschaften, geht es auf die Straße und die schönsten Plätze. Hunderttausende haben die Spiele der Franzosen mit dem Originalton der Fernseh-Kommentatoren im Freien gesehen. Auf der Fanmeile auf dem Marsfeld beim Eiffelturm hat der Sieg über die Isländer ein Stimmungshoch erzeugt, das der starke Regen nicht zu trüben vermochte. Die Bars sind voll, bis auf die Gehsteige drängen sich die Menschen, das Bierglas in der Hand. Das Fernsehen wird zur geselligen Veranstaltung in der Öffentlichkeit und zum Altar des nationalen Rituals, auf den alle Augen gerichtet sind.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Auch bei der Bertelsmann-Tochter M6 fühlt man sich seit dem vergangenen Sonntag als Sieger. Mit 17,2 Millionen Zuschauern hat der Sender seine höchste Einschaltquote aller Zeiten erreicht. Erstmals erwarb M6 bei einer Endrunde die Rechte für ein paar Spiele der französischen Nationalmannschaft. Die anderen verbleiben bei tf1, dem größten Privatsender Europas, der bislang praktisch ein Monopol auf „Les Bleus“ hatte. Doch mehr Zuschauer als das Normalprogramm bringen sie kaum noch. Für M6 aber, das über keine große Tradition in der Sportberichterstattung verfügt, geht die Rechnung auf. Mit der Europameisterschaft ist es gelungen, Marktanteile zu gewinnen und den Abstand auf die Nummer eins weiter zu verringern.

          Das vorgezogene Endspiel

          Die Franzosen empfinden die Aufteilung der Spiele ihrer Mannschaft auf zwei sehr unterschiedliche Privatsender unter Ausschluss der öffentlich-rechtlichen Programme als eher verwirrend. In vielen Haushalten hat man sich für ein Abonnement des Bezahlsenders BeIn entschlossen, das pro Monat vierzehn Euro kostet und leicht kündbar ist. Die Al-Dschazira-Tochter ist der einzige Sender, der alle Spiele überträgt, auch jene der Franzosen. Seine Redaktion verfügt über die nötige Sendezeit und sportliche Kompetenz zur Vor- wie Nachbereitung der Begegnungen.

          Das heutige Halbfinale ist das vorgezogene Endspiel dieser Europameisterschaft. Zwar wird die Geschichte der Begegnungen mit Deutschland in der Schule nicht unterrichtet, aber sie ist den Franzosen vertrauter als Verdun und Vichy. Jeder kennt die Daten und Dramen. „Eine historische Rivalität, aber anachronistisch“, schreibt die Gratiszeitung „20 Minutes“. Nach einer „Stunde null“ sehnt sich auch „Le Monde“ und nennt die historischen Reminiszenzen, die bis zu Bismarck aufgelistet werden, den „Defätismus der Alten“. Selbst die Spieler, die tragische Helden der historischen Begegnungen waren, verweigern sich unvermittelt der Rolle des Veteranen. „Ein Länderspiel wird nie in Bezug auf die Geschichte gespielt“, erklärt Alain Giresse, Schütze des dritten Tors der Franzosen beim „Thriller von Sevilla“, den Deutschland im Juli 1982 im Elfmeterschießen gewann. Yannick Stopyra, 1986 im Halbfinale dabei, sieht es genauso: „Von den heutigen Nationalspielern kennt mich keiner, es fehlt in Frankreich an Fußball-Kultur.“

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          Der „Fluch der Grauhaarigen“

          Vom „Fluch der Grauhaarigen“ und der Geschichte muss laut „Le Monde“ die neue Generation den französischen Fußball befreien. Nur einmal habe sie gegen Deutschland verloren. Die Zeitung fordert eine „Neubegründung“, und blickt noch weiter zurück: 1958 siegten die Franzosen in Schweden 6:3, und Just Fontaine schoss vier Tore. Allerdings war es ein „kleines Finale“ um Platz drei. Doch alle Serien gehen einmal zu Ende, Deutschland hat das gerade mit dem Angstgegner Italien erlebt. Einen Rückfall in die alten Zeiten fürchten Frankreichs Medien nur für den Fall, dass sich die Deutschen im Halbfinale so durchsetzen wie in Brasilien – gegen den Gastgeber.

          Als der Terror den Fußball überschattete: Das Stade de France in Paris am 13. November 2015, als islamistische Attentäter 130 Menschen ermordeten.
          Als der Terror den Fußball überschattete: Das Stade de France in Paris am 13. November 2015, als islamistische Attentäter 130 Menschen ermordeten. : Bild: dpa

          Mit dem von den Terroranschlägen überschatteten Freundschaftsspiel vom vergangenen 13. November habe eine neue Epoche in den Fußballbeziehungen der beiden Länder begonnen, ist vielerorts zu lesen. Wobei nicht alle Medien der deutsch-französischen Ökumene huldigen. Das Magazin „Le Point“ erinnert an Sevilla, Guadalajara und Rio de Janeiro, „sonnige Städte“, die im „schwülen Klima“ zum „Sterbezimmer der Franzosen“ wurden. Bereits 2014 standen sich Jogi Löw und Didier Deschamps gegenüber. Mit dem „knappestmöglichen Resultat“ seien die Franzosen ausgeschieden, die dem späteren Weltmeister ebenbürtig gewesen seien. Verloren hätten sie „nach Punkten“, weil der konservative Trainer unfähig gewesen sei, seine Taktik zu ändern. Deschamps hatte sich vor zwei Jahren ausdrücklich geweigert, die historischen Dämonen zu mobilisieren. Und tut es auch vor dem Spiel in Marseille nicht. „Le Point“ meint, er verpasse damit eine Gelegenheit, seine Spieler zu motivieren.

          Ein 7:1 wie für Brasilien werden die Franzosen schon nicht kassieren. Gleichwohl beschwört „Le Point“ die Angst der Fans, am Tag nach dem Halbfinale „in Katerstimmung in den Urlaub fahren zu müssen“: eine „vierte Niederlage“ zu erleiden, bevor sie sich in den „Stau der autoroute du soleil in den Süden stürzen und jedes Mal ärgern, wenn sie auf ein deutsches Nummernschild stoßen“. Immerhin erspart uns „Le Point“ den Schlenker von der vierten Niederlage zum Dritten Reich.

          Das Spiel heute Abend wird tf1 die beste Einschaltquote der EM, vielleicht sogar der Geschichte bescheren. Eigentlich müsste der Sender dabei im Wettstreit um die Quoten auf eine Niederlage der Franzosen hoffen. Denn das Endspiel läuft beim Rivalen M6. Ob es mit oder ohne französische Beteiligung stattfindet, kann gut und gerne einen Unterschied von zehn Millionen Zuschauern ausmachen.

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