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Frankreichs Kulturbetrieb : Der Präsident spielt gern auf Zeit

Er liebt den Glanz der Hochkultur, doch auf dem politischen Programm steht der Imperativ ihrer Demokratisierung: Frankreichs Präsident Macron. Bild: Reuters

Die mit Ruhm, Macht und Privilegien verbundenen Spitzenpositionen bei den kulturellen Institutionen gehören zu den begehrtesten Pfründen Frankreichs. Jetzt dreht Präsident Macron das Personalkarussell. Für die Pariser Oper will er einen Deutschen.

          Monatelang suchte Paris nach einem neuen Intendanten für die Oper. Im Januar hatte Kulturminister Franck Riester den Rücktritt – aus Altersgründen – von Stéphane Lissner per Juli 2021 bestätigt. Das Auswahlverfahren wurde in Gang gesetzt, eine Kommission hörte Kandidaten an. Im März zirkulierte eine Shortlist mit den Namen von Olivier Mantei, Peter de Caluwe, dem Deutschen Alexander Neef und Dominique Meyer, von dem zwischenzeitlich bekannt wurde, dass er zur Scala geht. Noch in den vergangenen Tagen spotteten die Zeitungen über die „Farce“ und spekulierten, dass Lissner dank seiner guten Beziehungen zum Élysée-Palast wohl bis 2023 im Amt bleiben werde. Hoch habe er gepokert, nur um gleich zwei Jahre werde er verlängern. Durchaus überraschend kam dann am Mittwoch die Meldung, dass Macron einen neuen Intendanten ernannt hat: Alexander Neef wird das Amt Anfang August 2021 antreten.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Seit einem Jahr wird die Villa Medici in Rom interimistisch geführt. Ziemlich brutal war der Vertrag von Muriel Mayette, die zuvor die Comédie Française geleitet hatte, nicht verlängert worden. Für die Nachfolge der ersten Frau in dieser Position meldeten sich valable Anwärter wie Christophe Leribault vom Pariser Petit Palais. Doch entschieden wurde nichts – und Leribault will auch nicht mehr.

          Im Schloss von Versailles erreicht im August Catherine Pégard die Altersgrenze. Die Ernennung der Journalistin durch Nicolas Sarkozy auf Kosten des früheren Kulturministers Jean-Jacques Aillagon, der gerne geblieben wäre, wurde als „Palastrevolution“ kommentiert. An Pégards Nachfolge werde gearbeitet, lässt Riester verlauten – vermutlich wird die Schlossherrin zwei Jahre anhängen. Jean d’Haussonville, Generaldirektor von Schloss Chambord, galt als aussichtsreicher Anwärter. Er hat inzwischen das Handtuch geworfen und – als ehemaliger Diplomat – seinen Wunsch auf eine Botschaft angemeldet.

          Die Ohnmacht des Kulturministers

          Problematischer war die Vakanz – seit mehreren Monaten – an der Spitze des Palais de Tokyo, dem Ausstellungsort für moderne Kunst. Sie wirkte sich auf die Programme und die Suche nach Sponsoren wie Partnerunternehmen aus, ohne deren Gelder der Betrieb nicht funktionieren kann. Der „Figaro“ bezeichnete die Institution als „schlingerndes Schiff“. Die ökonomischen Zwänge würden die kulturellen Ambitionen ausbremsen. Im Mai schrieb Franck Riester die Stelle aus, zwei Dossiers wurden ans Elysee weitergeleitet. „Wir haben nichts mehr gehört“, zitierte die Zeitung einen der Kandidaten.

          Die Vorgänge rund um das Palais de Tokyo illustrieren die Ohnmacht des Kulturministers. Riesters Vorgängerin Françoise Nyssen beklagt sie in einem Buch mit dem Titel „Lust und Notwendigkeit“, das sie über ihren erzwungen Abgang nach achtzehn Monaten schrieb. Bei der Besetzung der Kaderstellen im Ministerium wie bei der Berufung der Direktoren von Museen, Bibliotheken und Theatern waren ihr die Hände gebunden. Die Folgen seien demotivierte Mitarbeiter und viel „Stoff für Spott in der Presse“.

          Beiträge von Mäzenen sind gefragt

          Die mit Ruhm, Macht und Privilegien verbundenen Spitzenpositionen bei den kulturellen Institutionen gehören zu den begehrtesten Pfründen der Republik. Für jede Ernennung ist der Staatspräsident zuständig, er muss sie im Ministerrat absegnen. Nach seinem Amtsantritt wollte Emmanuel Macron den Schriftsteller Philippe Besson, der ein hymnisches Buch („Eine Figur wie in einem Roman“) über ihn geschrieben hat und der mit Brigitte Macron befreundet ist, als Konsul nach Los Angeles schicken.

          Der Plan sorgte für Empörung und wurde gestoppt. Ein vom Außenministerium vorgeschlagener Ersatzkandidat erklärte seinen Verzicht. Es gab sogar eine staatsrechtliche Beschwerde. Doch Macron schreckt vor juristischen Scharmützeln nicht zurück und will mit einer Abänderung des Beamtenrechts seinen Willen durchzusetzen. Die Entsendung des Schriftstellers nach Hollywood ist für August geplant.

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