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Frankreich und die Flüchtlinge : Die Ausweitung der Schuldigkeit

Eine Flüchtlingsfamilie erreicht das thüringische Saalfeld. Bild: dpa

Wie steht es um Gastfreundschaft oder Fremdenfeindlichkeit im eigenen Land? Und was macht der Nachbar? Frankreich blickt mit Skepsis und Bewunderung auf die deutsche Flüchtlingspolitik.

          Wird die Zahl 800.000 zur emblematischen Chiffre wie jene von den sechs Millionen, die einer jüngeren Generation nicht mehr so reflexartig auf die Sprünge hilft? Für die gegenseitige Aufrechnung der Opfer des braunen und des roten Totalitarismus sowie ihren Systemvergleich im Historikerstreit ereifert sich keiner mehr.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          Er war eine wesentliche Etappe der französischen Vergangenheitsbewältigung, die im Mai 1968 noch zaghaft begonnen hatte. „Wir sind alle deutsche Juden“, schrien die Aufständischen, als Daniel Cohn-Bendit damals des Landes verwiesen wurde. Das Engagement für die Boat People zehn Jahre danach versöhnte die epochalen Gegenspieler Jean-Paul Sartre und Raymond Aron unter der Regie des vom Maoismus zum Antitotalitarismus bekehrten André Glucksmann: Man muss den Opfern aller Ideologien helfen, ihre Rettung ist wichtiger als eine linke oder rechte Weltanschauung. Auch damals kamen die Opfer über das Meer, 250.000 hatten ihr Leben verloren. Für die Flüchtlinge wurden Schiffe organisiert.

          In Paris übernahmen die „Neuen Philosophen“ die intellektuelle Hegemonie: Abkehr vom Marxismus, von der Utopie und der Revolution, Imperativ des prophylaktischen Kriegs gegen Tyrannen zur Verhinderung neuer Genozide. Die Minderheiten definierten sich zusehends über ihre Besonderheit und als Opfer, die mit den Juden rivalisierten.

          Der schlimmste Vorwurf

          Nun hat die Zahl 800.000 Flüchtlinge im Einwanderungs- und Mutterland der Menschenrechte Frankreich einen Schock ausgelöst. „Die Deutschen gingen mit den Gespenstern ihrer Nazi-Vergangenheit in den Urlaub“, berichtete ein französischer Korrespondent aus Berlin: „Jetzt werden sie für ihre Flüchtlingspolitik gelobt.“ Auch Frankreich hat sich Merkels Positionen angeschlossen. „Die deutsch-französische Front gegen ein Europa als Festung“ titelte die Zeitung „Le Monde“ am Wochenende. Schon wird die Auferstehung der deutsch-französischen Beziehungen, die stets vom Bezug zur Vergangenheit und den Phasenverschiebungen in ihrer „Bewältigung“ geprägt waren, zelebriert.

          Den direkten Vergleich mit der Shoa hat der liberale Publizist Guy Sorman, der Angela Merkel bereits in der Griechenland-Krise unterstützte, gezogen: „Manchmal muss man vergleichen, was nicht verglichen werden kann.“ Sorman vergleicht die Flüchtlinge Ali, Latifa, Ahmed mit seinem Vater Nathan, der nach Frankreich kam und Vichy in der Résistance überlebte. Obama, der den von Hollande gewollten Angriff auf Syrien ablehnte, nennt er einen „Münchner“ - es ist der schlimmste Vorwurf im Wertsystem der Vergangenheitsbewältigung. Angela Merkel aber wisse, „dass Ahmed Nathan ist, 75 Jahre danach.“ Und: „Ich schäme mich für Europa.“

          Eine einzige emotionale Offenbarung

          Pascal Bruckner aus dem Kreis der „Neuen Philosophen“ hat das „Schluchzen des weißen Mannes“, die Tyrannei der Grünen und die Arroganz der Minderheiten in zahlreichen Essays angegriffen: „Statt zu handeln, bezichtigt sich Europa aller Übel.“ Einen „blökenden humanistischen Ton“ macht er bei Merkel aus, der einhergehe mit einem „wirtschaftlichen Kalkül“. Eine „Investition“ sei ihre Flüchtlingspolitik. „Bezüglich der Härte und des Mitleids will sie ihre Spielregeln durchsetzen“, erklärt Bruckner: „Ihre schreckliche Sprache bedeutet: Es gibt eine Chefin in Europa, und das bin ich.“ Bruckners Ton erinnert wiederum schon fast an die Debatten um die Friedensbewegung, als die bekehrten Intellektuellen den deutschen Pazifisten die Kapitulation vor dem neuen Totalitarismus vorwarfen („lieber tot als rot“). Bruckner schlägt sich auf die Seite der osteuropäischen Staaten, deren Dissidenten für die „Neuen Philosophen“ einst Vorbild waren. Der neue Faschismus aber ist der Islam, der zusätzliche Verwirrung um die Begriffe des Antifaschismus und Antirassismus gestiftet hat.

          Mit der keineswegs unberechtigten Kritik an ihnen durch die „neokonservativen Intellektuellen“ begründet der Historiker Benjamin Stora die Abschottung Frankreichs und seine Fremdenfeindlichkeit: „Die Migranten steuern andere Länder an. Ganz besonders Deutschland. Das Bild dieses Landes, das bekanntlich vom Krieg verdüstert wurde, hat sich umgehend verändert.“ Erstmals seit den Boat People sind die Flüchtlinge Thema der intellektuellen Debatten. In verschiedenen Städten kam es zu Demonstrationen für sie. Das Bild des am Strand von Bodrum angeschwemmten toten syrischen Kindes, das auf den ersten Blick wie eine von der Wohlstandsgesellschaft weggeworfene Puppe wirkte, hat den Stimmungswandel verschärft. Das Foto ist so emblematisch wie jenes des Napalm-Mädchens im Vietnamkrieg. Für den Soziologen Jean-Pierre Le Goff illustriert es die „unendliche Ausweitung des Begriffs der Schuldigkeit. Staat, Gesellschaft und das Individuum verschmelzen in einer einzigen emotionalen Offenbarung, in der sich jeder für schuldig proklamiert“: Alle wollen Deutsche sein.

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