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Frankreichs Judenhass : Alltag Antisemitismus

  • -Aktualisiert am

Paris am vergangenen Mittwoch: der Schweigemarsch zum Gedenken an die ermordete Mireille Knoll Bild: EPA

Seit Jahren werden in Frankreich Juden umgebracht, weil sie Juden sind. Nach dem Mord an der Holocaust-Überlebenden Mireille Knoll wittert ausgerechnet die Rechte ihre Chance.

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          Am frühen Mittwochmorgen saß der französische Innenminister Gérard Collomb im Studio des Radiosenders France Inter und machte ein erschreckendes Eingeständnis: Ja, sagte Collomb, es sei wahrscheinlich wirklich so, dass die Juden in Frankreich nicht ganz sicher seien. Zumindest könne man einen Anstieg des Antisemitismus nicht leugnen. Allein seit Beginn des Jahres seien dreiunddreißig Übergriffe registriert worden. Ein Schock, sagt er, hätte seine Generation doch geglaubt, nach dem Holocaust sei diese Form des Judenhasses nie wieder möglich, fast so, als vererbe sich das berühmte „plus jamais ça“ ganz automatisch weiter.

          Überhaupt könnte, wer heute nach Frankreich schaut und sieht und liest, wie sehr der Mord an der fünfundachtzigjährigen Jüdin Mireille Knoll das Land erschüttert, den Eindruck gewinnen, diese Form des mörderischen Antisemitismus sei neu. Er ist es nicht. Seit dem Beginn der zweiten Intifada im Oktober 2000 erlebt Frankreich eine neue Welle des Antisemitismus: Damals wurden innerhalb einer Woche so viele judenfeindliche Akte vermerkt wie im Jahr zuvor in zwölf Monaten nicht. Und auch wenn die Tendenz sinkt: auf die Zahlen der neunziger Jahre ist man nie zurückgekommen. Zumal die Übergriffe härter werden: Elf Menschen sind in den vergangenen zwölf Jahren getötet worden, weil sie Juden waren. Das sei nirgendwo anders in Europa der Fall, so Marc Knobel, Historiker an der jüdischen Institution „Crif“. Trotzdem, das sagt er ganz entschlossen, sei Frankreich kein antisemitisches Land: Aber es gebe Antisemiten. Und vielleicht habe man etwas zu lange gebraucht, die Gefahr zu benennen.

          Das Motiv: Der vermeintliche Reichtum

          Im Januar 2006 wurde Ilan Halimi, ein 24-jähriger Mann jüdisch-marokkanischer Herkunft, vom sogenannten „Gang des Barbares“ entführt und drei Wochen lang in einem Keller in einem Pariser Vorort gefoltert. Das Motiv: Der vermeintliche „Reichtum aller Juden“. Das horrende Lösegeld konnte nie bezahlt werden, Halimi starb an seinen Verletzungen. Im März 2012 drang der Franko-Algerier Mohamed Merah in eine jüdische Schule in Toulouse ein, erschoss einen Lehrer und dessen zwei kleine Kinder, bevor er die achtjährige Tochter des Direktors mit einem Kopfschuss im Schulhof hinrichtete. Einer der Brüder Merahs erklärte, sie seien mit dem Hass auf Frankreich und die Juden erzogen worden.

          Drei Jahre später, im Januar 2015, zwei Tage nach den Anschlägen auf „Charlie Hebdo“, tötete Amedy Coulibaly vier Juden im „Hyper-Casher“- Supermarkt der Porte de Vincennes. Vor einem Jahr, in der Nacht vom 3. auf den 4. April, wurde die fünfundsechzigjährige orthodoxe Jüdin Sarah Halimi mitten in Paris von ihrem Nachbarn aus ihrem Bett gezerrt, zu Tode geprügelt und aus dem Fenster gestürzt. Der Täter soll mehrmals „Allah Akbar“ gerufen haben, als er sie in den Hof gestoßen hatte, schrie er: „Ich habe sheitan, den Teufel, getötet!“ Trotzdem dauerte es fast ein Jahr, bis die Staatsanwaltschaft den antisemitischen Hintergrund der Tat festhielt. Im letzten Fall, dem der Mireille Knoll, die als Kind 1942 der „Rafle du Vel d’Hiv“ entkommen war, nur um heute, siebzig Jahre später, von einem Nachbarn in ihrer Wohnung erstochen und verbrannt zu werden, war man schneller. Der antisemitische Tatverdacht wurde sofort registriert. Die Anteilnahme war so groß wie lange nicht.

          Jetzt hat der Mord an Mireille Knoll mehrere tausend Menschen auf die Straße gebracht. Und doch hat man während des Marsches immer wieder die Frage „Glaubst du, es sind auch ein paar Nicht-Juden da?“ hören können, weil bei allen Demos zuvor nur Juden protestiert hatten. Man muss sich aber fragen, weshalb nicht schon ein Tag wie der 26. Januar 2014 alle stutzig gemacht hat, als knapp siebzehntausend Menschen durch die Straßen von Paris marschierten und „Tod den Juden“ oder „Juden raus, Frankreich gehört euch nicht“ grölten.

          Eine neue Allianz

          Vielleicht, weil dieser neue Antisemitismus nicht mehr dem entspricht, was man bisher darunter verstand, also einen auf nationalistischen, populistischen, rechtsextremen Klischees fußenden Hass. Damals, so erklärt es der Historiker Pierre Birnbaum, der über diesen sogenannten „Jour de colère“ ein Buch geschrieben hat, habe man eine unerwartete Konfiguration erlebt: Da fanden sich rechtsextreme Gruppierungen mit Jugendlichen aus den Banlieues in ihrem Judenhass zusammen: „Hier fand eine Form der Allianz gegen die Juden, die angeblichen Marionetten Israels und des Kapitalismus, statt.“

          Wirklich neu daran sei, erklärt der Soziologe Michel Wieviorka, dass die „alten“ Formen des Antisemitismus, die Klischees, das Feindbild, das weiter besteht, durch einen auf dem Nahostkonflikt basierenden Hass ergänzt wurde, der in gewissen Milieus mit maghrebinischem Hintergrund gepflegt wird. Der Philosoph Pierre-André Taguieff spricht von einem radikalen Anti-Zionismus, der eng mit dem Gedankengut des radikalen Islams verwoben ist – oder, besser gesagt, diesen durch Opferdiskurse und Verschwörungstheorien stützt. Am Donnerstag schrieb er in „Le Monde“: „Die neue Verteufelung der Juden hat auf der Basis einer Verteufelung Israels und des Zionismus als ,globalen Zionismus‘ stattgefunden. Wenn sich die antisemitische Leidenschaft globalisiert hat, dann in erster Linie, weil sie sich islamisiert hat.“

          Dass diese Tendenzen in einem Land wie Frankreich besonders massiv zum Ausdruck kommen, wo die größte muslimische und die größte jüdische Gemeinde Europas leben, ein Land, in dem man noch immer mit der kolonialen Vergangenheit Ressentiments schüren kann und ebenso mit der gescheiterten Integration eines guten Teils der Einwanderer aus dem Maghreb: Das lässt sich bis zu einem gewissen Grad zumindest erklären. Das andere ist, dass man die jüdische Bevölkerung alleine lässt. Dass man sich scheut, Dinge zu benennen. Und damit erst ermöglicht, dass Politiker wie Marine Le Pen sie in Schutzhaft nehmen und die Angst der jüdischen Franzosen für ihre eigene politische Agenda instrumentalisieren. Der Antisemitismus von heute ist komplex. Nur ist er kein Problem der Juden, sondern der Demokratie.

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