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Frankfurter Römerberggespräche : Wie weiblich war 1968?

Frauen in der zweiten Reihe: Studenten der Goethe-Universität Frankfurt bei einem „Teach-In“ im Jahr 1968 Bild: Dummy

Die Studentenbewegung als Geschlechterkonflikt: Bei den Frankfurter Römerberggesprächen diskutieren zwei Wissenschaftler darüber, wann der emanzipatorische Aufbruch der Frauen begann.

          Hört man da etwa die leidige „Organisationsfrage“ heraus, wie sie in stundenlangen SDS-Debatten traktiert wurde? Und das ein halbes Jahrhundert nach 1968, hier auf dem Podium der Frankfurter Römerberggespräche? Wolfgang Kraushaar, Politikwissenschaftler an der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur sowie dem Selbstverständnis nach „Chronist der Achtundsechziger-Bewegung“, erklärte, „die Frauenbewegung als solche“ habe es ja erst in den siebziger Jahren gegeben. Gibt es das, ein historisches Phänomen „als solches“? Ist etwas „als solches“ nicht ein ahistorisches Abstraktum? So kompakt, wie Kraushaar Geschichte organisiert, ist Geschichte nicht machbar. Sie mäandert von hier nach da, verzweigt sich, springt und sickert ein. Mit dem Kraushaar-Diktum „Es war einfach so“ ist da wenig gewonnen.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Christina von Hodenberg, Professorin für Europäische Geschichte an der Queen Mary University in London, setzt an genau dieser Stelle mit ihrer freundlich-entschiedenen Berichtigung Kraushaars an. Kurz gesagt geht ihr Argument so: Wer im Blick auf die langfristige Entwicklung nicht angemessen gewichte, dass es schon 1968 und nicht erst Jahre später einen frauenemanzipatorischen Aufbruch gegeben habe, versage bei der Darstellung historischer Entwicklung und lasse insbesondere jeden Sinn für Gradualität vermissen. Elegant umriss von Hodenberg in Frankfurt das Methodenproblem: Wer bloß die subalterne Rolle der Frauen betone und nicht zugleich ihren konkreten Widerstand dagegen ins Auge fasse, wie er sich seinerzeit in der Revision der Geschlechterrollen artikulierte, zu Hause wie in munter-obszönen Flugblattaktionen und Tomatenwürfen gegen patriarchalistisch aufgespreizte SDS-Vertreter, der übernehme für die Geschichtsschreibung nur die Hälfte der Geschichte, die spektakuläre, grell inszenierte und versäume es, die tieferliegenden Anfänge der im Grunde einzig konkreten Utopie von Achtundsechzig, die geschichtsmächtig wurde, auszuleuchten: der Frauenbewegung nämlich.

          Männliche Zeitzeugen-Veteranen im Rampenlicht

          „Im Erinnerungstrubel des 50. Jahrestags von Achtundsechzig werden erneut einige wenige, meist männliche Zeitzeugen-Veteranen im Rampenlicht stehen. In den Jubiläums-Talkrunden und Interviewspalten der Zeitungen werden sie die zentrale Rolle des SDS, der Neuen Linken, der Theoriedebatten und der spektakulären Stunts der Studenten behaupten.“ Als bei den Römerberggesprächen diese Stelle aus von Hodenbergs Buch „Das andere Achtundsechzig. Gesellschaftsgeschichte einer Revolte“ zitiert wurde, konnte man für einen Moment glauben, in Kraushaar den leibhaftigen Beleg vor Augen zu haben. Hier werde, so präzisierte die Autorin, aus der Geschichte der Achtundsechziger nur das herausgelesen, was ein „sehr enger Politikbegriff“ hergebe. Wer das Politische dieser Protestbewegung an einem Gremien-, Verwaltungs- und Regierungshandeln messe, für den müssen die Umwälzungen im Privaten blinde Flecken bleiben. Für von Hodenberg steht fest: Nur wer einen hinreichend politischen Begriff vom Privaten pflege (womit erkennbar nicht der aus der Kommune I kolportierte Kurzschluss von Vietnam und Orgasmusproblemen gemeint war), entdecke, was eine Kapitelüberschrift in ihrem Buch ausweist: „Achtundsechzig war weiblich“ – dass in dieser provokanten Zuspitzung natürlich „auch weiblich“ gemeint war und nicht etwa „nicht männlich“, versteht sich bei Lektüre von selbst.

          Doch die Historikerin sah sich auf dem Podium gezwungen, dies noch einmal klarzustellen, da es sich für Kraushaar offenbar nicht von selbst verstand. In einer Rezension der „Süddeutschen Zeitung“ hatte er dahingehend die Autorin, immerhin die zentrale These ihres Buches berührend, grob verzerrend wiedergegeben: von Hodenberg, schrieb er, gehe es darum, die Studentenbewegung im Nachhinein zu einer Studentinnenbewegung umzuschreiben. Ähnlich insinuativ-abwehrend hatte Kraushaar auch schon auf das Buch „Poesie und Gewalt“ reagiert, in welchem Ingeborg Gleichauf das Leben von Gudrun Ensslin erzählt.

          „Unterbelichtet“

          In Frankfurt räumte Kraushaar dann irgendwann artig ein, die Frauenbewegung sei im Zusammenhang von Achtundsechzig „unterbelichtet“, freilich ohne sie in seinem eigenen Referat, das unterm Gesichtspunkt linker Politik die großen Linien bis heute zog, mit mehr als nur einem Satz erwähnt zu haben. Damit entsprach er wiederum einer Grundannahme von Hodenbergs: „Selbst abwägende Beiträge der jüngsten Zeit, die das westdeutsche Achtundsechzig eher als Kulturrevolution oder massenmediales Spektakel statt als politische Rebellion verstehen, bleiben dem Tunnelblick auf SDS, Studenten und Berlin fast immer treu.“ So komme hinter dem dominierenden Schema des politischen Generationenkonflikts Achtundsechzig als Weichen stellender Geschlechterkonflikt zu kurz, für den die Historikerin in ihrem Buch eine Fülle von Material vorlegt.

          Kraushaar versus von Hodenberg – das ist auch eine deutsche Szene im Schauspiel Frankfurt, die ihre Dramatik dadurch gewinnt, dass sich über die Organisationsfrage kein Einvernehmen herstellen lässt. Dieselbe Quadratur des Kreises, von 1968 bis 2018: Wie organisiert man das historische Material „einer fließenden, mäandernden Bewegung, die längst unüberschaubar geworden ist“ (Gretchen Dutschke)?

          Die Römerberggespräche hatten eben darin ihren ironischen Höhepunkt: dass der Zeitzeuge Wolfgang Kraushaar mit seinen Einlassungen ein ums andere Mal die Grundthese Christina von Hodenbergs zu illustrieren schien: „Getragen von Zeitzeugen, die ehemals selbst Aktivisten gewesen waren, schrieben Politologen und Historiker eine Saga von Achtundsechzig fort, in der junge männliche Studenten zu Standartenträgern des Wandels wurden.“ Kraushaar zieht die Linien historischer Kontinuitäten bekanntlich recht burschikos aus, im Falle von Achtundsechzig zum Terror, zur Konfession oder zum Marxismus als jeweils scharf geschnittenen Settings, wie sie der Geschichte dann doch spotten.

          Warum es der Chronistenpflicht für 1968 entsprechen soll, die Linie zu den Frauen nur in einem Sätzchen zu ziehen, widerstrebend und die Denunziation nicht scheuend, wird dadurch kaum verständlicher.

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