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Frankfurter Römerberggespräche : Wie weiblich war 1968?

Doch die Historikerin sah sich auf dem Podium gezwungen, dies noch einmal klarzustellen, da es sich für Kraushaar offenbar nicht von selbst verstand. In einer Rezension der „Süddeutschen Zeitung“ hatte er dahingehend die Autorin, immerhin die zentrale These ihres Buches berührend, grob verzerrend wiedergegeben: von Hodenberg, schrieb er, gehe es darum, die Studentenbewegung im Nachhinein zu einer Studentinnenbewegung umzuschreiben. Ähnlich insinuativ-abwehrend hatte Kraushaar auch schon auf das Buch „Poesie und Gewalt“ reagiert, in welchem Ingeborg Gleichauf das Leben von Gudrun Ensslin erzählt.

„Unterbelichtet“

In Frankfurt räumte Kraushaar dann irgendwann artig ein, die Frauenbewegung sei im Zusammenhang von Achtundsechzig „unterbelichtet“, freilich ohne sie in seinem eigenen Referat, das unterm Gesichtspunkt linker Politik die großen Linien bis heute zog, mit mehr als nur einem Satz erwähnt zu haben. Damit entsprach er wiederum einer Grundannahme von Hodenbergs: „Selbst abwägende Beiträge der jüngsten Zeit, die das westdeutsche Achtundsechzig eher als Kulturrevolution oder massenmediales Spektakel statt als politische Rebellion verstehen, bleiben dem Tunnelblick auf SDS, Studenten und Berlin fast immer treu.“ So komme hinter dem dominierenden Schema des politischen Generationenkonflikts Achtundsechzig als Weichen stellender Geschlechterkonflikt zu kurz, für den die Historikerin in ihrem Buch eine Fülle von Material vorlegt.

Kraushaar versus von Hodenberg – das ist auch eine deutsche Szene im Schauspiel Frankfurt, die ihre Dramatik dadurch gewinnt, dass sich über die Organisationsfrage kein Einvernehmen herstellen lässt. Dieselbe Quadratur des Kreises, von 1968 bis 2018: Wie organisiert man das historische Material „einer fließenden, mäandernden Bewegung, die längst unüberschaubar geworden ist“ (Gretchen Dutschke)?

Die Römerberggespräche hatten eben darin ihren ironischen Höhepunkt: dass der Zeitzeuge Wolfgang Kraushaar mit seinen Einlassungen ein ums andere Mal die Grundthese Christina von Hodenbergs zu illustrieren schien: „Getragen von Zeitzeugen, die ehemals selbst Aktivisten gewesen waren, schrieben Politologen und Historiker eine Saga von Achtundsechzig fort, in der junge männliche Studenten zu Standartenträgern des Wandels wurden.“ Kraushaar zieht die Linien historischer Kontinuitäten bekanntlich recht burschikos aus, im Falle von Achtundsechzig zum Terror, zur Konfession oder zum Marxismus als jeweils scharf geschnittenen Settings, wie sie der Geschichte dann doch spotten.

Warum es der Chronistenpflicht für 1968 entsprechen soll, die Linie zu den Frauen nur in einem Sätzchen zu ziehen, widerstrebend und die Denunziation nicht scheuend, wird dadurch kaum verständlicher.

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