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Hilmar Hoffmann gestorben : Glaubwürdiger Streiter, begnadeter Bettler

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1976 für weitere sechs Jahre von der damaligen SPD-Mehrheit der Stadtverordneten zum hauptamtlichen Stadtrat bestimmt, blieb Hoffmann trotz Kritik an seiner Kulturpolitik – unter anderem wegen der Mitbestimmung im städtischen Schauspiel – auch nach dem Wahlsieg der Christdemokraten (1977) unter CDU-Oberbürgermeister Walter Wallmann weiter als Kulturdezernent im Amt. Ein Novum im üblichen Parteienstreit war 1981 Hoffmanns Bestätigung mit den Stimmen von CDU und SPD. Auf „solider, sachlicher Basis“ stand nach dem Oberbürgermeisterwechsel im Jahre 1986 auch die Zusammenarbeit mit Wolfram Brück. Nach den Kommunalwahlen in Hessen im März 1989 und der Abwahl Brücks blieb Hoffmann erwartungsgemäß auch im rot-grünen Magistrat von Volker Hauff (SPD) auf seinem Posten. Nachdem er sich aber mit Hauff überworfen hatte, nahm Hoffmann 1990 auf eigenen Wunsch Abschied von der Kommunalpolitik, obwohl er bis Mai 1994 wiedergewählt worden war.

Ausweitung und Sparzwang

Von Mai 1990 bis Juli 1994 war Hoffmann Geschäftsführer der von ihm gegründeten „Stiftung Lesen“ in Mainz. Im Juli 1994 wechselte er als Vorsitzender in den Vorstand der Stiftung (bis 11/1997). Am 6. April 1993 wählte das Präsidium des Goethe-Instituts Hoffmann zum neuen Präsidenten der für die Kulturarbeit im Ausland zuständigen Einrichtung. Das Goethe-Institut stand nach der Wiedervereinigung Deutschlands und der politischen Neuorientierung Osteuropas vor neuen, kostenintensiven Anforderungen – unter anderem mit der Gründung zwölf neuer Institute in Mittel- und Osteuropa. Gleichzeitig litt das Kulturinstitut unter den drastischen Mittelkürzungen seitens der Regierungen Kohl (bis 1998) und Schröder (ab 1998).

Nach Schließungen von Auslandsstandorten in den Jahren 1994 und 1996 einigte sich Hoffmann nach öffentlichen Rücktrittsdrohungen mit Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) und dem Außenminister Joschka Fischer (Die Grünen) im September 1999 darauf, statt der bedrohten zwanzig lediglich zehn weitere Institute zu schließen. Angesichts dieser „kulturellen Schande“ schlug Hoffmann die Fusion von Inter Nationes, einer internationalen Mittlerorganisation, und dem Goethe-Institut vor, die im Jannuar 2001 juristisch vollzogen wurde.

Im August 2000 kündigte Hoffmann seinen Rückzug vom Präsidentenamt an, nachdem er mit mäßigem Erfolg gegen die rigide Sparpolitik von Finanzminister Hans Eichel (SPD) und Außenminister Fischer angekämpft hatte. Im Januar 2002 wurde Hoffmann in München von Bundespräsident Johannes Rau mit den Worten verabschiedet: „Der Mann streitet glaubwürdig – und ein begnadeter Bettler ist er auch“.

Nach Informationen der „Bild“-Zeitung starb der 92-Jährige am Freitagabend auf dem Weg in eine Klinik. Die Frankfurter Polizei bestätigte den Tod an diesem Samstag. Gegen 17.45 Uhr hatte sich Hoffmann dem Bericht zufolge von einem Bekannten zu einem Behandlungstermin in ein Krankenhaus bringen lassen. Er starb laut Polizei auf dem Parkplatz vor der Klinik.

Der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann „SPD) nannte Hoffmanns Tod einen „unersetzlichen Verlust für Frankfurt und die deutsche Kulturlandschaft“. Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) erinnerte daran, dass Hoffmann sich mit seiner Forderung nach einer breiten kulturellen Teilhabe und der Gründung des Frankfurter Museumsufers über die Stadtgrenzen Frankfurts hinaus einen Namen gemacht habe. „Mit Hilmar Hoffmann verlieren wir einen der bedeutendsten Kulturpolitiker nicht nur Frankfurts, sondern der gesamten Bundesrepublik. Er war ein besonderer Mensch, trotz seines hohen Alters bis zuletzt wach und zugewandt.“

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