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Debatte zu Frankfurter Bühnen : Hafenoper versenkt, Bürgerentscheid torpediert

Simulation eines Neubaus der Städtischen Bühnen auf dem Raab-Karcher-Areal im Osthafen Bild: OMA

Die Zahl der Standortvarianten für die Städtischen Bühnen in Frankfurt am Main sinkt. Der Osthafen ist aus dem Rennen, und die Rekonstruktion des Schauspielhauses verträgt sich nicht mit dem Denkmalschutz.

          3 Min.

          Führt Frankfurt eine virtuelle Debatte? Fast eine Milliarde Euro für den Neubau oder die Sanierung von Oper und Theater auszugeben, das werde sich selbst in der bisher wohlhabenden Mainmetropole niemand mehr trauen, wenn erst nach dem Ende der Pandemie der fällige Kassensturz gemacht worden sei. So die gängige Annahme. Doch wer weiß, vielleicht kommt es genau andersherum, und die öffentliche Hand betrachtet Investitionen in die Infrastruktur als geeignete Maßnahme zur Bewältigung der Arbeitsmarktkrise, die der Corona-Krise folgen dürfte.

          Matthias Alexander
          Stellvertretender Ressortleiter im Feuilleton.

          In Frankfurt wird jedenfalls unverdrossen geplant, was schon deshalb ratsam ist, weil der maroden Theaterdoppelanlage am Willy-Brandt-Platz jederzeit die Schließung droht. Die Bauaufsicht hat wenig Spielraum, wenn die Sicherheit elementarer technischer Einbauten nicht mehr gewährleistet ist. Derzeit arbeitet die Stabsstelle Zukunft der Städtischen Bühnen Gutachten auf, in denen die Auswirkungen der verschiedenen Planungsvarianten für Verkehr und Stadtklima abgeschätzt werden. In einigen Wochen könnte das Ergebnis vorliegen. Die Politik wäre damit in die Lage versetzt, nach der Kommunalwahl im März und der anschließenden Bildung einer neuen Stadtregierung eine Standortentscheidung zu fällen.

          Osthafen soll Hafen bleiben

          Die ist durchaus komplex, aber immerhin sinkt die Zahl der Optionen. Wie aus Wiesbaden zu hören ist, hat das Hessische Wirtschaftsministerium schon vor einigen Monaten in einem Brief an die Stadt Frankfurt daran erinnert, dass der Osthafen laut Landesentwicklungsplan – und wie der Name schon sagt – als Hafen zu nutzen sei. Von der Ansiedlung von Kultureinrichtungen, aber auch von Wohnungsbauten sei abzusehen. Der in mancherlei Hinsicht kühne Plan der Frankfurter CDU, Oper und Theater zwischen Hafenbetrieben anzusiedeln, hat sich damit erledigt.

          Die Entwicklung spielt Kulturdezernentin Ina Hartwig und Planungsdezernent Mike Josef in die Hände. Die beiden sozialdemokratischen Magistratsmitglieder haben seit jeher einen Verbleib von Oper und Schauspiel in der Innenstadt befürwortet; ihrer favorisierten Variante nach sollen die beiden Sparten – das Ballett wurde vor vielen Jahren abgewickelt – in getrennten Neubauten unterkommen.

          Auch für die beiden Sozialdemokraten hat es allerdings in der Zwischenzeit einen Rückschlag gegeben. Der umtriebige Kasseler Architekturhistoriker Philipp Oswalt betrat nämlich die Bühne und orchestrierte eine Kampagne zum Erhalt der Theaterdoppelanlage. Nachdem es ihm [...] gelungen war, alle möglichen Institutionen, die sich in Fragen des Denkmalschutzes für kompetent halten, aber von den tatsächlichen baulichen Gegebenheiten in Frankfurt wenig Ahnung haben, zu vehementen Protesten anzuhalten, gab der zuständige Landesdenkmalpfleger in einem wesentlichen Punkt nach.

          Geheuchelte Freude

          Heinz Wionski, der die Angelegenheit lange zögerlich behandelt hatte, weil er offenbar vom Denkmalwert des Gebäudes nicht überzeugt war, erklärte das gläserne Foyer von 1963 trotz entstellender Umbauten für denkmalwürdig.

          So hätte sich der Blick von der Honsell-Brücke präsentiert.
          So hätte sich der Blick von der Honsell-Brücke präsentiert. : Bild: Simulation OMA

          Hartwig und Josef wiederum überraschten im Dezember die Öffentlichkeit und die Intendanten von Oper und Schauspiel mit einer Pressemitteilung, der zufolge sie sich über den Denkmalschutz für das Foyer freuen. Über den Hintergrund dieser geheuchelten Stellungnahme wird seither gerätselt. Unter Beobachtern gilt als wahrscheinlichste Erklärung, dass die beiden Politiker Druck aus der Denkmaldebatte nehmen wollten und nun darauf setzen, dass sich das zuständige Landesamt im weiteren Verfahren flexibel zeigen könnte. Denkbar wäre demnach, dass nur das östliche Drittel des Foyers erhalten und in den Neubau des Schauspiels integriert würde – eine in ästhetischer wie bautechnischer Hinsicht allerdings überaus unbefriedigende Perspektive.

          Als uneingeschränkt vorteilhaft könnte sich der Denkmalschutz für das modernistische Glasfoyer aus Perspektive von Hartwig und Josef in anderer Hinsicht erweisen: Er kollidiert mit dem Ansinnen eines Bürgerbegehrens, das Schauspiel in seiner Gestalt von 1904 zu rekonstruierten. Derzeit wird im zuständigen Dezernat nicht nur die Gültigkeit der knapp 24.000 eingereichten Unterschriften geprüft, sondern auch die rechtliche Zulässigkeit des Begehrens; bei einem positiven Bescheid wäre im Sommer ein Bürgerentscheid abzuhalten. Das Dezernat gibt keine Auskunft über den Stand des Verfahrens. Es stellt sich allerdings die Frage, auf welcher Grundlage die Frankfurter über ein Projekt abstimmen sollen, das die Aufhebung des Denkmalschutzes voraussetzt, die aber nicht in der Kompetenz der Stadt liegt.

          Von der Ansiedlung von Kultureinrichtungen, aber auch von Wohnungsbauten im Osthafen sei abzusehen, steht im Hessischen Landesentwicklungsplan. Damit hat sich der kühne Plan erledigt.
          Von der Ansiedlung von Kultureinrichtungen, aber auch von Wohnungsbauten im Osthafen sei abzusehen, steht im Hessischen Landesentwicklungsplan. Damit hat sich der kühne Plan erledigt. : Bild: Simulation OMA

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