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Antisemitismus von links : Fatale Kippfiguren

Frankfurter Kammerspiele 1985 vor der geplanten öffentlichen Uraufführung von Rainer Werner Fassbinders Stück „Der Müll, die Stadt und der Tod“, in der ein lediglich als „Der reiche Jude“ titulierter Immobilienmakler auftreten sollte: Demonstranten - unter ihnen Ignatz Bubis (in der Mitte) - entrollen auf der Bühne ein Transparent mit der Aufschrift „Subventionierter Antisemitismus“. Bild: Picture-Alliance

„Das Gegenteil von gut“: Eine Ausstellung in der Frankfurter Anne-Frank-Bildungsstätte widmet sich antisemitischen Motiven in der westdeutschen Linken seit 1968.

          Die kleine Ausstellung in der Frankfurter Anne-Frank-Bildungsstätte hat sich ein Zitat von Jean Améry zum Motto genommen: „Fest steht: der Antisemitismus, enthalten im Anti-Israelismus oder Anti-Zionismus wie das Gewitter in der Wolke, ist wiederum ehrbar.“ Wobei das altmodisch anmutende „wiederum ehrbar“ sich übersetzen lässt in „wieder salonfähig“ oder „öffentlich vertretbar“. Denn neu sei „in der Tat die Ansiedlung des als Anti-Israelismus sich gerierenden Antisemitismus auf der Linken“. Améry diagnostizierte das 1969 in einem Artikel in der „Zeit“, zwei Jahre nach dem sogenannten Sechstagekrieg, der Israel die Sympathien der radikalen Gruppierungen innerhalb der der westdeutschen Linken kostete. Hinfort konnte Israel im ausgerufenen antiimperialistischen Kampf als zionistischer Erfüllungsgehilfe der Vereinigten Staaten und Kolonialmacht im Nahen Osten gelten.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton.

          1969 war auch das Jahr des Brandanschlags der „Tupamaros Westberlin“ auf das Berliner Jüdische Gemeindehaus. Im Bekennerschreiben war zu lesen, dass die Kristallnacht von 1938 „tagtäglich in den von den Zionisten besetzten Gebieten, in den Flüchtlingslagern und in den israelischen Gefängnissen wiederholt wird“. „Die Juden“ waren da nichts anderes mehr als Faschisten in Diensten des „amerikanischen Kapitals“.

          Abdriften in Verschwörungstheorien

          Über die Kippfiguren, die radikal linke deutsche Gruppen zu solchen Positionen führten, ist viel geschrieben worden. Die Frankfurter Ausstellung über Antisemitismus in der deutschen Linken seit 1968 erinnert an sie, um von ihnen aus zu späteren Entgleisungen überzuleiten, die oft immer noch mit diesen Diskursfiguren zusammenhängen, in denen insbesondere – wie es Améry vor fünfzig Jahren konstatierte – gegen Israel gerichtete Vorwürfe zu Anbahnungen von Anwürfen gegen Juden werden.

          Es geht da etwa um den Hang von Antiglobalisierungs- und Antikapitalismus-Aktivisten, sich an mehr oder minder konkrete und mächtige Akteure zu halten, welche vermeintlich die Strippen ziehen, also Richtung Verschwörungstheorien abzudriften: Ein für antisemitische Ausfälle anschlussfähiger Topos, der gerne angeprangerte und ins Bild gesetzte Krake der Finanzwelt hat keine unschuldige Vorgeschichte. Und ein Blick zurück auf die Frankfurter Hausbesetzer-Szene der frühen siebziger Jahre zeigt, wie dort bereits die Tirade gegen Spekulanten mit anti-jüdischen Ressentiments angereichert werden konnte. 1975 später leistete es sich Rainer Werner Fassbinder, in seinem Stück „Der Müll, die Stadt und der Tod“ einen als „Der reiche Jude“ benannten Immobilienmakler darzustellen. Die öffentliche Uraufführung in Frankfurt zehn Jahre später wurde durch Proteste verhindert. Ein Beispiel für den skandalös gedankenlosen Umgang mit der Erinnerung an die Judenvernichtung liefert die Kampagne „Holocaust auf ihrem Teller“ der Tierrechtsorganisation PETA (samt falschem Adorno-Zitat).

          Aus dem Fundus gedankenloser „Auschwitz“-Vergleiche. Hier ergänzt um ein von der Tierschutzorganisation PETA fälschlicher Weise Theodor W. Adorno zugeschriebenes Zitat, wobei der Hinweis nicht fehlt, dass dieses doch von einem Juden stamme.

          Die Boykott-Bewegung BDS (Boycott, Divestment, Sanctions) führt vor, wie Israelkritik – ein mittlerweile in den „Duden“ aufgenommenes Wort – sich zum antisemitisch eingefärbten Scherbengericht steigern kann. Darin stehen ihr manche postkolonialen Befassungen mit dem Weltzustand nicht nach. Mit Blick auf das akademische Terrain müssen die Anmerkungen eher summarisch ausfallen; und der zugehörige Rückblick auf französische Theorie-Importe ab den siebziger Jahren ist es so sehr – samt der aparten Feststellung, Nietzsche und Heidegger seien Autoren der „konservativen Revolution“ –, dass er nichts zur Erhellung des Themas beiträgt. Wenig sinnvoll ist es auch, Autoren wie Michel Foucault, Jacques Derrida und Roland Barthes anzuführen, sie also im Zusammenhang dieser Ausstellung mit einer fatalen Diskurslockerung in Verbindung zu verbringen. Die Grenzen von resümierenden Texttafeln sind da ohnehin erreicht, zu denen allerdings auch einige auf Videoschleifen einmontierte Kommentare von Kennern und Zeitzeugen der jeweils ins Auge gefassten Ereignisse und Phänomene kommen.

          Die notgedrungen textlastige Schau auf knappem Raum, die auch noch reisen soll, versteht sich als Kritik im Handgemenge, also von einer Position aus, die „Linkspolitik“ Sympathien entgegenbringt. Bereits ihr Titel, „Das Gegenteil von Gut“, bringt das zum Ausdruck: Es gehe um das Umschlagen vom Gutgemeinten in sein Gegenteil, also von eigentlich progressiver linker Programmatik in historisch vorgespurte Bahnen anti-jüdischen Ressentiments.

          Man muss die Auffassung nicht teilen, dass das Gutgemeinte überhaupt eine sinnvoll in Anspruch genommene und mit einem Bonus zu versehende politische Kategorie ist – aber für die Kritik und die Warnungen, welche die Ausstellung anbringt, ist diese Parteinahme nicht von Nachteil.

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