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Kulturelles Erbe : Was müssen wir tun, wenn Kultur zerstört wird?

  • -Aktualisiert am

Ein Verbrechen, das noch allzuoft ungesühnt bleibt: Screenshot aus einem IS-Video, das die Zerstörung antiker Plastiken in Mossul zeigt. Bild: dpa

Der internationale Kulturgüterschutz ist ein politischer Auftrag. Wer die Symbole eines kulturellen Bewusstseins zerstört, will damit Völker und Länder ihrer Identität berauben. Ein Gastbeitrag

          Die Welt ist aus den Fugen geraten – und zwar im wörtlichen wie im übertragenen Sinne: Naturkatastrophen wie in Nepal, barbarische Akte der Zerstörung wie in Mali oder in den Ländern des Krisenbogens um Syrien, terroristische Anschläge wie vor kurzem in Tunesien – an vielen Stellen und aus ganz unterschiedlichen Gründen sehen Menschen und Völker auch ihr kulturelles Erbe bedroht.

          Hilfe aus Deutschland tut hier not. Hinter der Ebene der kulturellen Güter und unter der drängenden Oberfläche der aktuellen politischen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten scheint in vielen Weltregionen dabei vor allem ein Thema auf: der Aufbau und Schutz einer kulturellen Identität, die Offenheit und Zukunftsfähigkeit unserer Partner gewährleistet und so Grundlage für eine neue Ordnung sein kann. Gerade hier ist Deutschland besonders gefragt, und gerade hier kommt uns besondere Wertschätzung zu. Das Zusammenwirken von Staat und Zivilgesellschaft spielt dabei eine große Rolle. Wie kaum ein anderes Land tragen wir nach Ansicht unserer Gesprächspartner so bei zu Emanzipation und Fortschritt durch Bildung, zur Entwicklung freier Medien, zu sozialer und kultureller Teilhabe – und eben zum Schutz der Kulturgüter, die für die kulturelle Identität unserer Partner stehen.

          Die Grundlagen des Menschseins schützen

          Kultur- und Bildungspolitik lässt das Vertrauen wachsen, das wir brauchen, um zu politischen Lösungen zu gelangen. Wie groß dieses Vertrauen ist, zeigt sich zum Beispiel in Ägypten daran, dass das Land die Erforschung und Restaurierung der Maske des Tutanchamun einem Team aus Deutschem Archäologischem Institut, deutschen Universitäten und Museen anvertraut hat. Wer um den quasireligiösen Status dieser Maske weiß, wer ermessen kann, was sie für die kulturelle und politische Identität Ägyptens bedeutet, der wird mir zustimmen, wenn ich sage, dass die gemeinsame Arbeit am Schutz von Kulturgütern eine politische Aufgabe ist.

          Nach dem Erdbeben in Nepal: Rettung wertvoller Kulturgüter am Darbar-Platz in Kathmandu.

          Das gilt in besonderem Maße in einer Zeit, in der uns fast täglich Bilder von der barbarischen Zerstörung erreichen. Wer die Heimstätten der Religion und der Ahnen schändet, der zerstört die Symbole und Träger eines gemeinsamen kulturellen Bewusstseins, der will Länder und Völker ihrer Identität berauben. Das wissen wir, das wissen aber auch die Feinde der Kultur. Sie wüten deshalb in Mossul, in Nimrud, in Ninive oder Hatra. Die Überreste verkaufen sie an gewissenlose Händler und über diese an noch viel gewissenlosere Käufer, die das Auslöschen von Kultur als perversen Ausgangspunkt für privates Sammeln von Kultur akzeptieren. Sie vernichten und versetzen Objekte, die für die Menschen dort Quellen ihrer Identität sind.

          Deutschland hat dabei eine besondere Verantwortung. Ganz aktuell durch die Übernahme von Verantwortung im Rahmen der Unesco-Welterbekonferenz. Historisch aus unserer eigenen Geschichte, denn wir wissen: Wer anderen ihre kulturelle Identität raubt, verlässt den Boden der gemeinsamen Humanität. Und umgekehrt gilt: Wenn wir die Kulturgüter in der Welt schützen und ihre materielle Identität bewahren, dann schützen wir die Grundlagen des Menschseins. So ist die Rettung und Restaurierung von jahrhundertealten Manuskripten vor der Zerstörung durch Islamisten in Mali, die wir gemeinsam mit zivilgesellschaftlichen Partnern und darunter besonders der Gerda-Henkel-Stiftung initiiert haben, eben nicht nur ein Beitrag zum Kulturerhalt, sondern sie erhält die Grundlage für ein kulturelles Wissen jenseits von religiösem Fanatismus und Intoleranz.

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