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Gesellschaftlicher Kitt : Haltet zusammen, Menschenskinder!

Nach der Wahl: Frank-Walter Steinmeier am Sonntag im Bundestag Bild: AFP

Frank-Walter Steinmeier hat die klebrige Metapher vom gesellschaftlichen Kitt aufleben lassen. Der Bundespräsident meint es gut, aber der Bürger darf weiterhin unfreundlich sein. Er muss kein „Wir“ bilden.

          Ist das eine Drohung? Woran liegt es, dass man unwillkürlich zusammenzuckt, wenn wieder einmal jemand von den Hochkarätigen den „Zusammenhalt der Gesellschaft“ beschwört (so allein am Sonntag Frank-Walter Steinmeier, Iris Berben, Norbert Lammert, Angela Merkel, Martin Schulz, Katrin Göring-Eckardt)? Warum schwingt da immer ein Hauch von schwarzer Pädagogik mit, nach dem Motto: Wer nicht zusammenhalten will, muss fühlen? Eine Schreckensvision bricht sich unterschwellig Bahn: Sollte das Gegenteil von Zusammenhalt die Einpersonenminderheit sein, zu der jemand wird, dessen Bindung an den gesellschaftlichen Organismus sich als nicht stark genug erweist? Steht hinter dem Ruf nach Zusammenhalt ein organismisches Menetekel, das alle Kräfte für ein großes gutes Ganzes absorbieren möchte, und wer im Übrigen nicht will, der hat schon?

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Hören wir pars pro toto Martin Schulz: „Dass unsere Gesellschaft zusammenstehen muss“, hält er für „das Wichtigste in der Demokratie“. Das Wichtigste? Bin ich womöglich gar kein Demokrat, kein guter zumindest, wenn ich mich vor dem Zusammenstehen fürchte, mir davor gar gruselt? Verduzt und beklommen nimmt man sein bürgerliches Selbstmissverständnis zur Kenntnis, in dem man in schuldloser Schuld gefangen war. In diesem Selbstmissverständnis fasste man Freiheit als Abwehrrecht gegen die Zumutungen unerbetener Zugehörigkeit auf. Gehört zu den Wonnen des Bürgerseins etwa nicht zuvörderst die Freiheit, nicht gut drauf zu sein? So reimte man sich die schöne liberale Demokratie zusammen, als sie noch nicht unter der Fuchtel des Zusammenhalts stand. Waren das noch Zeiten: kein „Wir“ bilden zu müssen und Zugehörigkeiten wählen oder abwehren zu können, wie es uns gefällt. Sich nicht um die Grundwerte der Verfassung scheren zu brauchen, solange man das Recht nicht bricht. Anderer Leute Meinungen, Lebensformen, Urlaubsziele großartigerweise nicht wertschätzen zu müssen, solange man nur die Leute (als menschenwürdebegabte Gattungswesen) wertschätzt und in dieser Hinsicht jedenfalls nicht verhaltensauffällig wird.

          Keine Fraktionsdisziplin für freie Bürger

          Das gilt jetzt alles nicht mehr, seitdem die Parole vom Zusammenhalt den Rang einer zivilreligiösen Spitzenformel erobert hat. Haltet zusammen! Die Vagheit des Appells beunruhigt. Es wird ja gerade nicht gesagt, wer mit wem gegen wen in welcher Angelegenheit zusammenhalten soll. Mit dem allgemein gehaltenen Appell, zusammenzuhalten, hat sich die Exekutive ermächtigt, jeden um die Ecke seines guten Rufs zu bringen, der es wagt, aus der Reihe zu tanzen (Aus welcher Reihe? Schaun wir mal! Das wird dezisionistisch von Fall zu Fall festgelegt.). Ist erst einmal der Zusammenhalt als gesellschaftlicher Superwert installiert, muss der die Übereinstimmung fliehende Bürger fürchten, als Spalter dazustehen, als eine Fliehkraft, die gebändigt, auf Linie gebracht gehört.

          Wenn die Parteien „Geschlossenheit“ anmahnten, durfte man sich (wiewohl man jedes Mal zuckte, sobald ein Fraktionsvorsitzender das Zwingwort aussprach), aus dem Schneider fühlen. Schließlich untersteht der freie Bürger keiner Fraktionsdisziplin. Eine derartige Schließung des allgemeinen Bürger-Ethos wäre in der offenen Gesellschaft begrifflich kaum unterzubringen. Aber dafür muss er, der Bürger, nun „zusammenhalten“, was das sacrificium intellectus im Zweifel nicht weniger leidvoll macht.

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