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Digitaler Wandel : Die offene Gesellschaft braucht neue Freunde

  • -Aktualisiert am

Für Daten und Dinge: Kühlsystem in Googles Rechenzentrum in The Dalles, Oregon Bild: AP

Der digitale Epochenwandel eröffnet ökonomische und gesellschaftliche Chancen, die es nie vorher gegeben hat. Er ist tatsächlich unaufhaltsam. Doch nur wir selbst entscheiden, was uns möglich ist.

          Als eine Amazon-Lageristin in Allentown, nach mehreren elf-Stunden-Arbeitstagen eine automatisierte SMS des „Employee-tagging“- Systems bekam, dass sie „mehrere Minuten“ unproduktiv gewesen sei (und kurz darauf gefeuert wurde), zeigte sich auch in der Reaktion in den Vereinigten Staaten, dass wir mit digitalen Technologien womöglich an ein Ziel kommen, das wir nie im Sinn hatten. Der effiziente Arbeiter ist seit den Tagen Henry Fords ein bekanntes Format. Der Schreck kam eher aus den Metriken eines Überwachungsregimes, dass Effizienz noch anhand von Körpervibrationen und der in einer Stunde gesprochenen Worte misst und Normen vorgibt, die einen Wissenschaftler an die Normen sozialistischer Planungsgesellschaften erinnerte.

          Die Erkenntnis, dass die IT-Industrie Teil der wohl bedeutendsten gesellschaftlichen Debatte sein muss, nimmt auch die jetzt beginnende Cebit ernst, die weltgrößte Computermesse. Unter dem Titel „Datability“ - dem „nachhaltigen“ Umgang mit Daten - will sie sich, aufgeschreckt vor allem durch die Snowden-Enthüllungen, an einem Diskurs beteiligen, der sich den Chancen und den Risiken der digitalen Moderne widmet. Schon das ist ein Fortschritt. Es signalisiert, dass die Branche verstanden hat, dass die Zeiten vorbei sind, in denen technische Geräte die entsprechenden Sozialtechniken gleichsam mitproduzieren und einfordern - unter Ausschaltung jeder politischen Willensbildung.

          Ein grundlegend neues Spiel

          Unser bisheriges Verhältnis zur digitalen Revolution bildet sich treffend in unserem Umgang mit den seitenlangen Geschäftsbedingungen von Online-Diensten ab, die wir akzeptieren, ohne sie gelesen, geschweige verstanden zu haben. Man unterschreibt alles, nur um schnell belohnt zu werden. Es ist jetzt an der Zeit, das zu tun, was jeder Ökonom an anderer Stelle empfehlen würde: Gewinn und gesellschaftliche Kosten neu zu verhandeln. Das ist eine politische Aufgabe, keine technologische. Anders gesagt: man kann die Festlegung gesellschaftlicher und politischer Normen nicht einer Mathematik überlassen, die systematisch Kausalitäten und Korrelationen erzeugt, deren Effekte wir spüren, aber deren Zustandekommen wir nicht nachvollziehen können.

          Soeben erst hat die Deutsche Bank in einem gewissenhaften Forschungsbericht „Big Data“ eine „ungezähmte Macht“ genannt. Die Bereitschaft der Verfasser neben den unbestreitbaren Vorteilen auch vehement die Risiken der Daten-Proliferation zu benennen, hat nicht nur mit der Snowden-Affäre zu tun, sondern auch mit dem Imperialismus des Silicon Valley, der nach und nach immer mehr der Branche annektiert. Schon wissen die Digitalgiganten mehr über die Kunden der Banken als diese selbst, und eine Banklizenz haben sie sich auch schon besorgt. Bald werden sie die Autofahrer besser kennen, als diese sich selbst, von den Autohändlern ganz zu schweigen. In einer Zeit, wo Daten sich in Dinge und Dinge in Daten verwandeln, beginnt ein grundlegend neues gesellschaftliches und ökonomisches Spiel - und es ist an der Zeit, die Spieler neu aufzustellen.

          Europas Stunde hat jetzt geschlagen

          Autobauer bauen ein Vehikel, mit bestimmten physikalischen Eigenschaften. Um die Physik zu regulieren, etwa die Höchstgeschwindigkeit, haben wir Verkehrsschilder und Verordnungen. In der Daten-Ökonomie liegt beides in einer Hand. Sie sammelt Daten mit Höchstgeschwindigkeit und extrahiert aus ihnen neue soziale Normen. Wer eine falsche Stromrechnung bekommt, der rechnet nach. Wer eine falsche Rechnung über seine Lebens- und Karrierechancen, seine Talente, seine Effizienz und Kondition, seine Gesundheitsprognose oder seine Kreditwürdigkeit bekommt, der kann nur noch glauben. Oft weiß er gar nicht, dass die digitale Moderne im Begriff ist, eine Buchführung seines gesamten Lebens zu organisieren, die fast schon den „Kontobüchern Gottes“ ähnelt, die sich die Religionen einst ausmalten. Bücher, so dachten sich das damals die Menschen, in denen nichts vergessen wird, „von dem, was Menschen tun, auf der einen Seite die Sünden, auf der anderen die guten Werke“. Damals konnten die Gläubigen wenigstens noch wissen, wie Gott zu seinen Schlüssen kam. Heute gelten die Algorithmen, die beispielsweise die Reputation oder Kreditwürdigkeit von Menschen berechnen, als Geschäftsgeheimnis.

          Der digitale Epochenwandel ist unaufhaltsam und zwar deshalb, weil er wirklich ökonomische und gesellschaftliche Chancen eröffnet, die es nie vorher gegeben hat. „Big Data“ und auch das „Internet der Dinge“ können enorme Wohlstandsschübe auslösen, aber nur dann, wenn sie nach den sozialen und rechtlichen Prinzipien organisiert werden, die Europa unter hohen Opfern in seinen Gesellschaften entwickelt hat. Die Snowden-Enthüllungen, so sagte unlängst ein IT-Unternehmer, seien Europas größte Chance. Europas Stunde, auch in der Entwicklung eines digitalen Konkurrenzangebots, hat jetzt geschlagen. Als Martin Schulz, in Widerspruch zu dem, was er „digitalen Totalitarismus“ nannte, und vor kurzem Christian Lindner, dieses europäische Projekt skizzierten, reagierten ausgerechnet Teile der Digital-Branche, die sonst immer nur „alles ist möglich“ predigt, mit dem Einwand, der Zug sei längst abgefahren. Sie haben unrecht: Nur wir selbst entscheiden, was uns möglich ist.

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