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Frank-Schirrmacher-Preis : Schwärmt ihr noch, oder denkt ihr schon?

  • -Aktualisiert am

Die Richtung ist eindeutig, aber es ist nicht unbedingt die richtige: Makrelen-Schwarm. Bild: CHRISTOPHER SWANN/SCIENCE PHOTO

Einzeln ist der Mensch ganz erträglich, im Rudel weniger. Wir sollten Schwarmphasen daher so schnell wie möglich hinter uns lassen. Dankesrede zur Verleihung des Frank-Schirrmacher-Preises.

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          Was läge näher, als an diesem Abend über Frank Schirrmacher zu sprechen, über das unerhörte Tempo, das er an den Tag legte, über seine Weigerung, die eigenen Reserven zu schonen, und über das, was man seine Flucht nach vorne nennen könnte. „Er hat sein Sach’ auf nichts gestellt./Drum war’s nicht wohl ihm auf der Welt./Wie er sich hatt’ hervorgetan,/Da sahen die Leute scheel ihn an,/Hatte keinem recht getan.“ Ein paar Verszeilen zwischen Goethe und Max Stirner können beim Unisono der Unersetzlichkeit nicht schaden, das die Nachrufe auf ihn angestimmt haben.

          Wahrscheinlich hätte Schirrmacher als Namenspatron nichts dagegen gehabt, vom Zeremoniell einer Preisverleihung abzuweichen. Begrüßung, Laudatio, Urkunde, Dank, Musik und Blumen – für das Nächstliegende hat Frank sich nie interessiert. Die Krise seines Mediums hat ihn beunruhigt, weil er dachte, eine wichtige Zeitung sei dazu berufen, alle Überlebensfragen der Politik, der Demographie, der Technik und der Biologie zu verhandeln. Mit dem drohenden Untergang dieser Art von Journalismus wollte er sich nicht abfinden. Um seinen Ansprüchen, so gut ich kann, gerecht zu werden, möchte ich einen Probelauf auf unsicherem Terrain riskieren. Das Phänomen, das mich wie manche andern umtreibt, ist der Schwarm.

          Wie hat es ein so hilfloser Zweifüßler geschafft, sich die Erde für eine Zeitlang untertan zu machen? Er war, wie viele andere Lebewesen, seit seinem Auftreten ein Nomade. Der Homo sapiens, eine ziemlich gewagte Bezeichnung für unsere Spezies, war immer unterwegs. Von einem Kontinent zum andern wanderte er ein und aus. Tausende von Jahren unternahm er seine Züge nur in kleinen Clans, Sippschaften und Banden. Erst in den letzten zweihundert Jahren hat er sich exponentiell vermehrt. Seitdem ist seine Mobilität ins Unermessliche gewachsen. Was die meisten Zeitgenossen Globalisierung nennen – oder Beschleunigung oder Wirtschaftswachstum oder Kapitallogik –, was man neuerdings mit dem Begriff Anthropozän zu fassen sucht, dafür ließe sich auch ein einsilbiges Wort finden und sagen, dass mit dem Schwarm die Menschheit in eine neue Phase eingetreten ist.

          Ein kollektives Nervensystem

          Mit einer solchen Behauptung begibt man sich auf ein ideologisches Minenfeld. Denn jeder Vergleich der eigenen Spezies mit anderen Arten ist heikel. Dennoch möchte ich eine Weile bei den anderen Tierarten verweilen. Insekten, Vögel, Fische und Säugetiere, die sinkenden Temperaturen und mangelndem Futter ausweichen wollen, machen sich alle Jahre wieder auf den Weg. Allerhand Schmetterlinge ziehen von Mexiko nach Kanada und von Schweden nach Afrika. Die Küstenseeschwalbe unternimmt regelmäßig eine Reise von der Arktis bis zum Südpol und zurück. Es gibt millimeterkleine Insekten, die bis zu 1500 Kilometer weit wandern.

          Ganz anders verhält es sich mit den Massenwanderungen der Heuschrecken, die nicht periodisch verlaufen. Die Entomologen haben bewiesen, dass ihr Leben auf zweierlei Art abläuft: in der Einzel- oder Solitaria- und in der Gregaria- oder Schwarmphase. Wenn sich eine Generation derart vermehrt, dass eine kritische Populationsdichte erreicht ist, wird es auf ihrem Territorium zu eng, und die Insekten beginnen zu wandern. Die Schwärme werden immer größer und können Strecken von mehreren tausend Kilometern zurücklegen. Ausschlaggebend sind die klimatischen Bedingungen und extrem verschiedene lokale Ressourcen.

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