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Francis Fukuyama im Gespräch : Als die Geschichte zu Ende war

  • Aktualisiert am

Der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama Bild: Jakob Carlsen / Agentur Focus

1989 erklärte Francis Fukuyama den freien Markt zum Sieger der Systeme. Wie erklärt er, was heute in Russland, China und im Irak passiert? Ein Interview.

          5 Min.

          Der Campus der Stanford University im kalifornischen Palo Alto ist fast menschenleer: vorlesungsfreie Zeit. Unter einem Baum verstecken sich drei Studenten vor der Mittagssonne. Unweit davon, im Freeman Spogli Institute for International Studies, hat Francis Fukuyama, 61, am Ende eines dunklen Korridors sein Büro. Bücher stapeln sich, neben dem Computer des Politikwissenschaftlers liegen Schokolinsen verstreut wie bunte Länderfahnen auf einer Weltkarte. Vor 25 Jahren hat Fukuyama in einem aufsehenerregenden Aufsatz die Geschichte für beendet erklärt, weil sich nach dem Zusammenbruch des Kommunismus die liberale Marktwirtschaft als staatliches Erfolgsmodell ein für alle Mal durchgesetzt habe. Inzwischen scheint mit jedem Jahr, das seit 1989 vergangen ist, ein neues Modell dazuzukommen, das Fukuyamas Vision widerlegt. Und nicht nur das: Die russische Annexion der Krim kam vielen so vor, als würde in diesem Frühling ein Kapitel einer sehr alten Geschichte neu aufgeschlagen. Oder nicht?

          Sind Sie eigentlich sauer auf Wladimir Putin, dass er Ihnen die Idee vom Ende der Geschichte endgültig kaputtgemacht hat?

          Ob ich sauer bin, ist nicht die richtige Frage. Was Putin mit der Krim gemacht hat, ist sehr gefährlich. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gab es ein Einverständnis, dass die Grenzen der ehemaligen Sowjetstaaten unberührt bleiben, damit aus der Region kein zweites zerrissenes Jugoslawien würde. Dummerweise schürt Putin jetzt Revanchismus. Ich mag Hitler-Vergleiche nicht besonders, aber genau so hat der Zweite Weltkrieg seinen Anfang genommen, mit den gestrandeten deutschen Volksgruppen im Sudetenland und in Polen. Was die Situation jetzt besonders gefährlich macht: Russland wird die vielen Bevölkerungen gar nicht kontrollieren können.

          Ihre These vom „Ende der Geschichte“ steht ausgerechnet im Jubiläumsjahr ziemlich wacklig da.

          Sie war nie letztgültig gedacht. Es ging darum, dass sich unsere Gesellschaft in einem über 50.000 Jahre dahinziehenden Modernisierungsprozesses immer wieder gewandelt hat - vom Jäger und Sammler, über das Feudalsystem bis hin zur Industrialisierung. Welche Gesellschaftsform würde also am Ende dieses Prozesses stehen, dem Ende der Geschichte? Für viele lag die Antwort vor 1989 lange im Kommunismus. Meine Antwort war: Wenn dieser Modernisierungsprozess in eine Richtung weist, dann ist es die der marktwirtschaftlichen, liberalen Demokratie. Der Meinung bin ich weiterhin. Ja, vielleicht gewinnen Russland und China an Bedeutung, und vielleicht ist Geopolitik wieder ein Thema, aber das ändert nichts am Umstand, dass die Welt nunmehr über zwei Generationen hinweg den Weg Richtung Demokratie eingeschlagen hat.

          In Ihrem Essay sprachen Sie damals aber auch schon davon, dass Nationalismus diese demokratische Entwicklung noch behindern könnte. Genau das sieht man doch gerade in Russland und China.

          Das ist vor allem in Ostasien ein Problem. In China, Japan und Korea hat sich der Nationalismus in jüngster Zeit stark ausgeprägt. In der Tat besteht in der Region das Risiko eines militärischen Konflikts, ähnlich wie in Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg. Es ist extrem schwierig, mit einem Staat umzugehen, der weitaus schneller wächst als seine Nachbarn. Macht weckt Ambitionen.

          Sprechen Sie jetzt von China?

          Ja. Bis zum vergangenen Jahrzehnt waren die Chinesen sehr darum bemüht, ihren Status herunterzuspielen, von innen heraus zu wachsen, keine umstrittenen Ansprüche zu stellen. Aber nach der Finanzkrise, als Amerika und Europa zu kämpfen hatten, hat sich diese Haltung gewandelt. Plötzlich verhält sich China sehr aggressiv und besteht auf Gebietsforderungen im Südchinesischen Meer, historisch vollkommen unbegründet. Aber die Chinesen sehen sich eben als der dominante Player in der Region, der hundert Jahre Demütigung durch Fremdmächte über sich ergehen lassen musste. Jetzt, da sie wieder mächtig sind, wollen sie, dass alle anderen Nationen das anerkennen. Nicht, dass sie jetzt bald auch versuchen, Hawaii oder Südamerika zu erobern. In Ostasien setzen sie allerdings alles daran, die Vereinigten Staaten zurückzudrängen und jedem zu zeigen, dass sie der Boss sind. Was die Wahrscheinlichkeit einer militärischen Auseinandersetzung nur erhöht.

          Und wo könnte dieser Konflikt dann ausbrechen?

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