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Eine europäische Großstiftung? : Ein neuer Kurs für die künftigen Krisen

  • -Aktualisiert am

Auch hier zeigt sich, wie gut ein Land für eine Pandemie gewappnet ist: Intensivstation der Universitätsklinik Frankfurt. Bild: Frank Röth

In der Not ist der Handlungsspielraum der Europäischen Union beschränkt. Vermögende Privatpersonen könnten Abhilfe schaffen in den großen Gesundheits- und Umweltkrisen: Ein Aufruf zur Gründung einer europäischen Stiftung.

          3 Min.

          Sars-CoV-2 hat die Welt in eine Gesundheitskrise beispiellosen Ausmaßes gestürzt. Die aufgrund zahlreicher individueller Reisen quer über den Erdball hinweg rasche und unaufhaltsame Ausbreitung der Pandemie steht in deutlichem Kontrast zu den Schwierigkeiten der Staaten, damit umzugehen – und deren Managementstrategien scheinen große Unterschiede zu zeigen. Selbst alte geopolitische Rivalitäten könnten sich zuspitzen.

          Die Pandemie brach zu einer Zeit aus, als wir uns – nun bereits über mehrere Jahre – auf eine andere große Krise vorbereiteten: die globale Erwärmung. Sie wird radikale Auswirkungen auf die menschliche Besiedlung niedrig gelegener Landstriche haben, unsere Landwirtschaft und Nahrungsmittelversorgung auf den Kopf stellen und höchstwahrscheinlich auch die Ausbreitungswege von Infektionskrankheiten verändern. Wir können noch gar nicht absehen, zu welchen humanitären Krisen und Wanderungsbewegungen die Erderwärmung führen wird.

          Entschlossene Solidarität

          Zu einer Zeit, da China und die Vereinigten Staaten ihre jeweiligen politischen und gesellschaftlichen Vorstellungen durchzusetzen versuchen, müssen wir die in Europa herrschende gemeinsame Grundlage bewahren, auf die dort die meisten Bürger stolz sind und die auf gesellschaftlicher Solidarität, politischer Demokratie und der Orientierung am Gemeinwohl basiert. Wir wissen, dass soziale Ungleichheit sich in Krisen meist verschärft und die am stärksten unterprivilegierten Gruppen und Individuen am schlimmsten trifft. Um mit diesen Herausforderungen fertigzuwerden, erwarten wir von den europäischen Regierungen, dass sie ihrer Verantwortung gerecht werden. Die Europäische Union muss jedoch ihre Fähigkeiten zur Krisenbewältigung verbessern, um einen geeigneten Kurs durch chaotische Zustände hin zu ruhigeren Zeiten zu finden. Sie muss ihre Fähigkeit beweisen, die Hilfe für jene Regionen und Bevölkerungsgruppen zu koordinieren, die am stärksten von Gesundheits- und Umweltkrisen betroffen sind und deshalb entschlossener Solidarität bedürfen.

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          Wie die aktuelle Pandemie uns vor Augen führt, werden solche institutionellen Reaktionen durch komplizierte Verwaltungen beeinträchtigt, deren Reaktionszeiten für größere Notsituationen ungeeignet sind. Deshalb bedarf es auch einer Mobilisierung der Zivilgesellschaft. Bemühungen vermögender Privatpersonen könnten weitaus schnellere Reaktionen auf unerwartete Herausforderungen ermöglichen und zugleich die von europäischen Staaten und der Europäischen Union getroffenen Maßnahmen in sinnvoller Weise ergänzen.

          Gemeinschaftsaktion europäischer Bürger

          In den Vereinigten Staaten lassen sich die Initiativen amerikanischer Milliardäre zur Bekämpfung der Pandemie gar nicht zählen. Sie folgen einer philanthropischen Tradition, die für 1,5 Prozent des amerikanischen Bruttoinlandsprodukts steht. In Europa ist die Philanthropie noch weit weniger verwurzelt. Dort finden sich zwar bemerkenswerte Anstrengungen auf den Gebieten der Bildung, der Wissenschaft und der Sozialfürsorge, doch diese Bemühungen umfassen lediglich 0,2 Prozent des BIP. Aktionen gegen Covid-19 seitens wohlhabender Europäer sind bislang – gelinde gesagt – ausgesprochen selten und dünn gesät.

          Deshalb rufen wir vermögende Privatpersonen dazu auf, sich an einer Gemeinschaftsaktion europäischer Bürger zu beteiligen und eine „European Foundation for the Prevention of Environmental and Health Crises“ („Europäische Stiftung zur Prävention von Umwelt- und Gesundheitskrisen“) zu gründen. Sie sollte mit einem Gründungskapital von 20 Milliarden Euro ausgestattet sein, gestiftet von Spendern aus allen 27 EU-Ländern. Schon wenn 100 Spender im Schnitt 200 Millionen Euro gäben, wäre dieses Ziel erreicht.

          Schnelle Reaktion in Extremsituationen

          Das wäre keine wirklich gewaltige Anstrengung im Vergleich zu den 50 Milliarden Dollar, die Warren Buffett und Bill Gates für die Bill and Melinda Gates Foundation bereitstellten – immerhin 2,5 Mal so viel wie der hier vorgeschlagene Betrag. Diese schrittweise noch weiter auszubauende Stiftung könnte mit beispielloser Geschwindigkeit, allein durch Entscheidung des Stiftungsrats, auf Extremsituationen reagieren und in den am stärksten betroffenen Gebieten der Europäischen Union oder bei Bedarf auch anderswo in der Welt intervenieren. In ruhigen Zeiten könnte die Stiftung auf Empfehlung eines unabhängigen Wissenschaftlichen Beirats die jährlichen Erträge der Stiftung – in einer Größenordnung von 500 Millionen Euro – verwenden, um wissenschaftliche Forschung auf den Gebieten Gesundheit und Umwelt zu fördern und strategische Projekte sozial und technologisch innovativer Unternehmen zu unterstützen, die auf die Verhinderung zukünftiger Krisen abzielen.

          Die Vereinigung europäischer Spenderbemühungen unter der Ägide einer einzigen Stiftung wird die Mittel für ein großangelegtes Handeln bereitstellen, das der geschichtlichen Stellung Europas gerecht wird und die Möglichkeit eröffnet, in den kommenden Jahren Gesundheits- und Umweltprobleme anzugehen. Diese Initiative darf natürlich kein Ersatz für ein stärkeres Engagement der Staaten und Regierungen sein, wie dies der europäischen Tradition staatlicher Investitionen zur Stärkung des sozialen Zusammenhalts entspricht. Solch ein europäisches Engagement der wohlhabendsten Privatpersonen sollte bestätigen, dass alle willens und fähig sind, nach besten Kräften einen Beitrag zu unserer gemeinsamen Zukunft zu leisten – ein Versprechen der Solidarität und der gesellschaftlichen Tatkraft, das uns alle stärker machen wird.

          Aus dem Englischen von Michael Bischoff.

          Raus aus dem Standby: Wissenschaftler wollen ein entschlosseneres Europa

          Wissenschaftlich ist Europa ein Riese, eine Weltmacht, wohlhabend ist es dazu, aber es hat in der Corona-Krise agiert wie ein chaotisches Zwergenvolk. Das ist im Kern, was den französischen Biowissenschaftler Francis-André Wollman umtreibt, den Autor des oben stehenden und gleichzeitig in „Le Monde“ und der britischen Wissenschaftszeitschrift „Nature“ erscheinenden Stiftungsaufruf. Wollman ist Mitglied der Akademie in Paris und Sprössling einer bekannten Gelehrtenfamilie, deren Mitglieder am Institut Pasteur Pionierarbeit geleistet haben. Seine Großeltern wurden 1943 in Auschwitz ermordet, sein Vater war ein großer Bakteriengenetiker.

          Wollmans ernüchternden Erfahrungen während der ersten Monate der Corona-Krise, sein Wunsch nach einem entschlosseneren und solidarischeren europäischen Kollektiv, sind keine Ausnahme. 75 Gelehrte aus 15 Ländern haben sich bisher seiner privaten Initiative angeschlossen (Ansprechpartner in Deutschland: Roland Lill, Philipps-Universität Marburg    Lill@staff.uni-marburg.de oder Ralph Bock, MPI Golm,       rbock@mpimp-golm.mpg.de).

          Nicht nur bei ihnen aber herrscht das Gefühl vor, Europa brauche neue Initiativen. Im angesehenen Medizinjournal „The Lancet“ bricht sich der Ärger von fast zwei Dutzend Medizinforschern Bahn, die angesichts der erbarmungswürdigen Vorgänge in vielen Kliniken während der ersten Corona-Welle nach einer „Europäischen Gesundheitsunion“ rufen.

          Faktisch vergibt Brüssel Milliarden für Fortschritte in der Medizin, doch in der Gesundheitspolitik hat es keinerlei Kompetenzen. „Ein fragmentiertes System“, wird in dem Lancet-Artikel beklagt, das nicht einmal nach dem unwürdigen Gezerre um Schutzmasken in jenen Stunden nach der ersten Not bereit sei, zu reagieren und wenigstens ad hoc mehr Solidarität und Abstimmung in die Wege zu leiten. Ein „Europäischer Rat für Gesundheitsfragen“ sei das Mindeste für den Anfang.

          Untätig in wissenschaftlicher Hinsicht ist man allerdings keineswegs in Brüssel. Die Ankündigung von Hunderten Milliarden „Wiederaufbau“-Mitteln wirkt durchaus phantasieanregend. Der Europäische Innovationsrat der Europäischen Kommission, nur ein Beispiel, wird sich nach einer Bekanntmachung vorletzte Woche erstmals selbst als Körperschaft mit 314 Millionen Euro an privaten Start-up-Firmen beteiligen. Die jungen Gründer auf dem Kontinent sollen spüren, dass Europa an sie glaubt. Es geht, so liest man nun in europäischen Foren, um den Aufbau einer „Reservearmee für tiefen-technologische Innovationen“. Heißt: Europas klügste Köpfe sollen mit allem, was die Hochtechnologie anzubieten hat, die Pandemiebekämpfung auf Vordermann bringen – Künstliche Intelligenz, Bio- und Nanotechnik, Diagnostika, Therapien –, und die EU-Kommission will im Gründergeschäft kräftig selbst mitmischen.

          Überhaupt Ideen: Europas Aufarbeitung der Covid-19-Krise gipfelt fürs Erste vor allem darin, die eigenen Potentiale für sich zu entdecken. Sergio Bertolucci, hochverdienter Direktor am Cern und Chef der von europäischen Großforschungsinstituten gegründeten „Attract“-Initiative, will ein solches vorwärts denkendes, ein anderes Europa: „Wir wollen nicht die Feuerwehrbrigaden sein. Wir sind ein Apple-Shop für Ideen, aber wir müssen in Europa endlich auch unseren Appetit vergrößern, riskante Ideen zu verwirklichen.“

          Die Pandemie hat Europa im Standby-Modus kalt erwischt. Zumindest im Wissenschaftsbetrieb ist diese Einsicht offensichtlich als Weckruf angekommen.

          Joachim Müller-Jung

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