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Fragen an acht Künstlerinnen : Frauen, wie wollen wir leben?

  • Aktualisiert am

Die junge Künstlerin Anna Talens setzt auf eine Mischung von Schönheit und Poesie: „Red de niebla“ Bild: Espace Surplus

Gudrun Gut, Kim Gordon, Zaha Hadid, Gabriele Horn, Pipilotti Rist, Elisabeth Ruge, Angela McRobbie und Loretta Würtenberger erläutern ihre Sicht auf das Thema Feminismus oder denken schlicht darüber nach, welche Rolle das Geschlecht in ihrem Arbeitsfeld spielt.

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          Ob in der Musik, der Architektur, der bildenden Kunst oder dem Management großer Kulturinstitutionen - manche Frauen bestehen in einem männlich dominierten Feld, begeistern und werden berühmt. Aber wie? Und ist das so wegen oder trotz ihres Geschlechts?

          Sie war der Bass und die Stimme der Band „Sonic Youth“: Kim Gordon

          Frauen werden gleich zu Ikonen

          Kim Gordon, Sie gelten als weibliche Ikone sowohl der Avantgarde-Musik als auch der Mode und als Feministin. Das ist immer noch eine recht ungewöhnliche Kombination. Warum ist die zeitgenössische Musik im Allgemeinen so männlich dominiert?

          Diese Frage ist nicht ganz leicht zu beantworten. Ich hatte immer Schwierigkeiten mit dem Begriff „Ikone“. Mir scheint, er wird häufig für Frauen verwendet - Männer hingegen dürfen „Helden“ sein. Außerdem glaube ich, dass diese Vorstellung junge Frauen als Produkte imaginiert, als Kreationen des Konsumdenkens in unserer kapitalistischen Gesellschaft. Das macht es für uns Frauen schwierig, eine eigene Identität zu finden - für die Männer übrigens auch.

          Es ist, als würde ein Idealbild unter uns leben, wie ein Gespenst jede Bewegung und jeden Ausdruck durchdringen. Und genau deswegen wird jemand auch gleich zur Ikone, sobald seine Arbeit einen Bruch in diesem Ablauf darstellt. Aber die erste Ikone war die heilige Jungfrau, Madonna, und dann erst kam die Madonna.

          Ich glaube, dass es viele Frauen gibt, die Musik machen. Aber weil Musik als Gattung aus der Perspektive der Mainstreamkultur betrachtet wird, entsteht der Eindruck, dass nur Sängerinnen es bis in den Mainstream schaffen würden. Ich denke, dass es rein zahlenmäßig nach wie vor in allen Bereichen weniger Frauen als Männer gibt, nicht nur in der Musik. Und das hat wahrscheinlich eher etwas mit dem Wunsch zu tun, Kinder zu bekommen, sie aufzuziehen. Mit der anthropologischen Beziehung zwischen Mutter und Kind. Wir erleben heutzutage eine offensichtliche Angst vor weiblicher Sexualität. Die Politik in Washington ist dafür ein gutes Beispiel. Die Verhaftung von Pussy Riot ebenfalls.

          Ihr verdanken wir die exzentrischste Architektur der Gegenwart: Zaha Hadid

          Extravaganz und Weiblichkeit

          Zaha Hadid, unter den etwa dreißig berühmtesten Architekten dieser Welt sind Sie die einzige Frau. Warum glauben Sie, dass das so ist? Hat die Tatsache, dass sie eine Frau sind, in Ihrer Karriere überhaupt eine Rolle gespielt?

          Egal, mit welchem Architekten Sie sich unterhalten, ganz gleich, wie erfolgreich er oder sie ist, ob männlich oder weiblich: Sie alle haben es sehr, sehr schwer. Es ist ein harter Beruf - man muss ständig arbeiten, um seine Gebäude zu verbessern. Früher haben wir die Nächte durchgearbeitet, um überhaupt Fuß zu fassen. Jetzt, wo ich erfolgreich bin, bin ich natürlich dankbar - aber es war ein langer und harter Kampf. Vielleicht war es eher meine Extravaganz als meine Weiblichkeit, die mich mit solcher Entschiedenheit hat nach Erfolg streben lassen, jedenfalls war ich immer schon sehr entschlossen. Ich erlebe immer noch Widerstand, aber ich glaube, er hilft mir eher, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Ich tauche ja schließlich nicht einfach irgendwo auf, und alle sind begeistert. Es ist jedes Mal wieder ein Kampf, auch wenn ich ihn bereits Hunderte Male gekämpft habe.

          Es gibt immer mehr etablierte und anerkannte Architektinnen, was nicht heißt, dass es einfach für sie wäre. Manche der Schwierigkeiten erscheinen völlig unbegreiflich: Frauen haben es in diesem Berufsfeld immer noch schwer, weil es Bereiche, Welten gibt, zu denen sie keinen Zugang haben. In den vergangenen fünfzehn Jahren hat es allerdings gewaltige Veränderungen gegeben; mittlerweile wird es als normal angesehen, dass Frauen in diesem Beruf arbeiten. Ich glaube, von dem alten Klischee, dass eine Architektenkarriere eher etwas für Männer als für Frauen sein sollte, ist nicht mehr viel übrig. Fünfzig Prozent der Erstsemester im Architekturstudium sind Frauen. Sie scheinen diesen Karriereweg also keineswegs als inkompatibel mit ihrem Geschlecht zu empfinden. Und in unserem Architektenbüro gibt es diese stereotypen Geschlechterkategorien einfach gar nicht.

          Wenn Kunst oder Architektur wahrhaft avantgardistisch ist, richtet sie sich nicht nach der Mode oder nach den Kreisläufen der Wirtschaft. Sie richtet sich nach einer der Innovation innewohnenden Dynamik, die von sozialen und technologischen Entwicklungen bestimmt wird. Oder wie es Mies van der Rohe gesagt hat: „Architektur ist der Wille einer Epoche, zu leben, etwas zu verändern, zu erneuern.“ Auch heutzutage steht die Gesellschaft keineswegs still - und ihre Kunst muss, ihre Gebäude müssen neue Lebensentwürfe, neue Muster, reflektieren. Architektur kann Kultur nicht erschaffen, genauso wenig wie Wissenschaft, Wirtschaft, Politik, ja sogar die Kunst es können. Aber Architektur ist ein lebendiger und unentbehrlicher Teil von Kultur, ebenso wie Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Kunst. Ich finde nicht, dass es so etwas wie ein spezifisch weibliches Kunstschaffen geben sollte. Das Gleiche gilt meiner Meinung nach für die Architektur. Ich glaube nicht, dass es in meiner Arbeit um mein Geschlecht geht, es geht noch nicht einmal um meine Persönlichkeit. Meine Arbeit ist das Ergebnis so vieler verschiedener Einflüsse, so vieler Dinge, die ich erlebt, und Erfahrungen, die ich gemacht habe.

          Folgt der Maxime „Ich tue, als wäre die Musikwelt weiblich“: die Produzentin Gudrun Gut

          Frauengesang ist schwer zu verkaufen

          Gudrun Gut, warum gibt es so wenig Frauen im Feld der Popmusik, die sonst gern auch mal Vorreiter für Trends ist?

          Bei der Professionalisierung gehen die Frauen „flöten“. Ha! Am Anfang einer Bewegung - auch im Pop - gibt es ein sehr ausgewogenes Verhältnis zwischen aktiven Frauen und Männern. Da, wo etwas Neues ausprobiert wird, etwas neu erfunden wird, oft mit sich neu bildendem sozialen Umfeld. Aber bei den dann folgenden Schritten - quasi wenn der Spaß aufhört - sind die Frauen erstaunlicherweise schnell weg. Das mag mehrere Gründe haben. Zum Beispiel die Technik: Das sich daraus entwickelnde teilweise nerdige Verhalten der Szene passt vielleicht nicht zum weiblichen Selbstverständnis. Bald geht es beinahe nur noch um technische Details, und es entstehen „Kumpeleien“. Oder nehmen wir die Karriere: Die Karriere eines Popmusikers erfordert große Disziplin und ein ambitioniertes Verhalten sowie einen unbedingten Willen zum Erfolg. Erfolgreiche Frauen gelten nach wie vor als nicht so sexy wie erfolgreiche Männer.

          Und da wäre die Lobby: Die entscheidenden Personen in der Musikindustrie sind meist männlich: die Presse-, Radio- und Fernsehredaktionen, die Konzertindustrie mit den Club- und Festivalbookern, die Labelmacher. Und das heißt, dass Frauen in der Musikbranche nach wie vor als Außenseiter gehandelt werden; es sei denn, sie sind die Sängerinnen und sexy Vorzeigefrauen in einer Band - doch als Produzentinnen tauchen sie kaum auf. Die natürliche Kumpelei in der Szene schließt Frauen schnell aus.

          Ein anderer wichtiger Punkt sind Kinder: Das Kinderkriegen passt nicht gut in die Welt der Nacht, der Tourneen und Plattenaufnahmen. Sogar bei offiziellen Tourförderungen werden zum Beispiel Babysitter - die bei einer Tour mit Baby absolut notwendig sind - nicht anerkannt. Nur Techniker werden als Kostenblock berücksichtigt. Das zeigt, dass das System einfach nicht auf tourende Mütter eingestellt ist, weshalb sich oft die Frage stellt: Musikerkarriere oder Kind. Glücklicherweise gibt es heute aber ein paar sehr gute Beispiele für das Gegenteil: Kim Gordon (Sonic Youth) tourte jahrelang mit Kind (allerdings mit Unterstützung des Mannes in der Band), Antye Greie (AGF), Masha Qrella, Barbara Morgenstern, Cobra Killer.

          Als Anregung schaue man sich die Künstler auf den hiesigen Festivals an oder die Releases der Labels: Die Frauenquote ist erschütternd gering. Das ist ein Skandal, wo doch die Popkultur ein so wichtiger Bestandteil des heutigen Lebens ist.

          Meine Maxime lautet: Ich tue, als wäre es nicht so. Ich bewege mich ganz selbstverständlich in der Welt der Popkultur und lasse mich nicht beirren. Die mir eigene Ignoranz mag da hilfreich sein.

          Mit meinem Label veröffentliche ich zum großen Teil weibliche Produzentinnen, aber auch männliche. Ich drehe die herrschenden Verhältnisse einfach um. Ich habe selbst auch Festivals kuratiert und selbstverständlich auch weibliche Künstlerinnen gebucht. Bei mir ist es eher ein eigenes Interesse. Mich inspirieren und interessieren weibliche Acts und Musik von Frauen. Ich empfinde dies gewissermaßen als direkte Anregung und Konkurrenz - im guten Sinne. Deshalb wünsche ich mir mehr davon. Ein ganz ureigenes Interesse.

          Letzte Woche hörte ich auf eine Anfrage bei einem befreundeten Label: „Nach Besprechung mit Vertrieb und so weiter ist Folgendes klar: Musik mit Frauengesang können wir nicht verkaufen.“ Oje. Wenn alle es so sehen ... Mehr denn je habe ich das Gefühl, dass Musik von Frauen auf verlorenem Posten ist. Gerade weil die Industrie so schwächelt und jeder ums Überleben kämpft, setzen die Labels auf das, was sie immer verkaufen konnten: Männermukke. Glücklicherweise gibt es immer wieder Überraschungen.

          Gilt als Pionierin der Videokunst: Pipilotti Rist

          Feministische Kunst gibt es nicht

          Pipilotti Rist, muss man Künstlerin sein, um bekennende Feministin zu sein und damit ernst genommen zu werden?

          Die Frage, ob jemand Feministin ist, sein kann oder sein will, stellt sich in jedem Beruf und Bereich. Ich werde oft gefragt, ob ich eine feministische Künstlerin bin, und ich habe verschiedene Antworten, je nachdem, wer mich fragt, obwohl ich nicht glaube, dass es feministische Kunst als solche gibt. Wenn ein netter Mensch mich fragt, sage ich nein, weil ich es zu egozentrisch finde, dauernd auf die Rechte der eigenen Gruppe zu pochen. Wenn ein doofer Mensch mich fragt, sage ich, ja, ich bin Feministin, weil ich ihm die Freude nicht lassen will, sich hämisch darüber zu amüsieren, dass die Befreiten sich von den Befreiern lossagen und sich gegen sie stellen. Der Feminismus hat in vielen Gebieten der Welt schon enorm geholfen, die Diskriminierungen in der Lebensplanung zu entfernen. Ich hätte ohne das Vorkämpfen der Feministen vieles nicht machen können, ich könnte wohl nicht auf ein arbeitsames Künstlerleben zurückblicken und würde nicht um meine Meinung gefragt.

          Aber wenn die Befreiten einen großen Teil der Rechte erhalten haben, müssen sie auch mal bremsen. Das würde ich aber nur Menschen mit einem guten Charakter sagen wollen, ich meine die mit mindestens dem Willen zu einem guten Charakter. Das heißt einem größenwahnsinnigen Mann gegenüber bin ich gern Feministin, aber einer größenwahnsinnigen Frau gegenüber würde ich das verneinen. Bei den Männern gibt es Größenwahnsinnige immer noch öfter, die bemitleide, ignoriere oder meide ich. Vielen Frauen fehlt ein Hauch von Größenwahnsinn im richtigen Moment - wenn es zum Beispiel darum geht, stolz und selbstbewusst zu sein, vor allem im Beruf. Was ich ganz falsch finde, sind Frauen, die überborden und beispielsweise die Kinder einsetzen, um gegenüber Männern ihre Macht auszuspielen. Aber diesen Satz darf ein Idiot jetzt bitte nicht lesen und sich fälschlicherweise bestätigt fühlen. Vermutlich kommt der faule, unverantwortliche Typ immer noch häufiger vor als die fiese weibliche Variante.

          Sie sehen, die Lage ist verzwickt, weil sich die Frage nach dem Charakters eines jeden Einzelnen stellt. Nette Menschen brauchen gar keine feministische Aufklärung mehr. Ich empfehle sogar manchen männlichen Freunden, bei ihren Frauen Grenzen zu setzen, wenn deren Anforderungen immer größer werden, wenn sie vom zärtlichen, romantischen Liebhaber über den Fels in der Brandung bis zum Sklaven alles in einem wollen. Aber wie gesagt, das sind die selteneren Fälle. Die Freundinnen, die ihr Licht unter den Scheffel stellen und Aufmunterung brauchen, kommen bedeutend häufiger vor. Die alten Klischees sitzen tief, auch bei mir. Auch ich denke immer noch an einen Mann, wenn ich frage, wer die Kamera gemacht hat. Es braucht einfach noch ein paar Generationen, bis sich die Lage normalisiert hat. Dann werden die Machos ausgestorben sein, die jungen Frauen werden selbstbewusster sein und dieselben Risiken wie die Jungs eingehen, ohne gleichzeitig arrogant zu werden.

          Arbeitet als Managerin und gründete die Agentur „Fine Art Partners“: die Juristin Loretta Würtenberger

          Der Kunstmarkt fördert Offenheit

          Loretta Würtenberger, grundsätzlich ist der Frauenanteil in der Kultur- und Kreativwirtschaft vergleichsweise hoch. Vor allem auf dem Sektor Kunstmarkt, der auch die Kunstproduktion mit einschließt, sind Frauen überdurchschnittlich vertreten. In kulturellen Spitzenämtern sowie in den vordersten Positionen von Kunst-Rankings sind Frauen jedoch nach wie vor eher selten zu finden. Warum?

          Erfreulicherweise hat sich das in den vergangenen Jahren positiv verändert: Fast die Hälfte der deutschen Museen und ein Drittel der deutschen Galerien werden von Frauen geführt. Woran liegt das? Zum einen natürlich an den Frauen, deren Stärke und Können sich durchgesetzt haben. Zum anderen haben es ihnen die Strukturen des Kunstmarktes leichter gemacht als in anderen Wirtschaftszweigen. Denn hier hat das Vorurteilsfreie, das Offene Tradition, es liegt in der Natur der Sache und wird von der Kunst als Objekt der Auseinandersetzung eingefordert. So gibt es heute im Kunstmarkt nicht nur verhältnismäßig viele Frauen, sondern auch viele Paare, die gemeinsam Galerien leiten. In der traditionellen Wirtschaft mit den engeren Strukturen würde auch das kaum akzeptiert werden.

          Ich selbst habe in beiden Welten gearbeitet. Zunächst zehn Jahre im Internet und in Banken, nun seit sechs Jahren im Kunstbereich - gemeinsam mit meinem Mann. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass der Unterschied gewaltig ist und die Kunst sehr viel mehr Raum für individuelle Lebens- und Arbeitsmodelle lässt. Dies hat es mir erleichtert, nicht nur eine Firma zu führen, sondern dies auch mit der Erziehung zweier kleiner Kinder zu verbinden. Allerdings sollte diese strukturelle Offenheit des Kunstmarktes nicht darüber hinwegtäuschen, dass es ein sehr schneller, sehr wettbewerbsorientierter und globaler Markt ist, dem man sich auch als Frau stellen muss, inklusive der vielen Reisen zu Kunstmessen, Auktionen und Eröffnungen - auch dann, wenn die Kinder unter Umständen anderes fordern. Ich selbst habe diesen Spagat hinbekommen, weil ich einen Mann habe, mit dem ich mir nicht nur die Verantwortung für unsere Firma, sondern auch die für die Kinder teile.

          Für Künstlerinnen ist der Nachholbedarf größer. Nach wie vor gibt es geschlechtsspezifische Ausstellungen, wie etwa „Die Frauen des Bauhauses“ oder „Künstlerinnen der Avantgarde“, die für mich das deutlichste Signal sind, dass bei der Beurteilung von Künstlerinnen oft noch die Frage des Geschlechts mitschwingt. Aber auch hier bin ich zuversichtlich und vertraue der Qualität der jeweiligen künstlerischen Positionen. Und ich bin sicher, dass die vielen, auch mächtigen Frauen in den Museen und Galerien sich dafür einsetzen werden, dass sich diese Sichtweise durchsetzen wird.

          Leitet das „Kunst-Werke Institute for contemporary art“ in Berlin: die Kunsthistorikerin Gabriele Horn

          Konfrontation ist notwendig

          Gabriele Horn, warum leiten so wenig Frauen große, internationale Kunstinstitutionen?

          Auch wenn sich in den vergangenen Jahren positive Entwicklungen abzeichnen, haben sich - trotz scheinbarer Emanzipationsfreundlichkeit des Kunstbetriebs - patriarchalische Strukturen in den großen Kunstinstitutionen gut gehalten. Die Dominanz von Männern in den Führungspositionen der Institutionen rührt daher, dass Findungskommissionen in der Vergangenheit selten wirklich divers besetzt waren. Sie förderten bereits das „Old Boy’s Network“. Anders gestaltet es sich in der Kunstvermittlung, im kuratorischen Bereich oder im Kunstmarkt - hier scheinen die klischeehaft weiblichen Tugenden wie Kommunikationsfähigkeit, Lösungsorientiertheit und soziale Kompetenz zu überzeugen. Auch wenn die Neubesetzungen der vergangenen Jahre wirklich Hoffnung für die deutsche Museumslandschaft aufkommen lassen - mit Hoffnung allein ist es nicht getan.

          Ein konfrontativeres und einforderndes Verhalten ist notwendig, vor allem wenn es um Kernthemen wie die immer noch existierenden, althergebrachten Vorurteile, Rollenklischees und Fragen der Doppelbelastung geht. Sicher, Frauen setzen in Bewerbungsverfahren und im Berufsalltag in höherem Maße auf Kommunikation, auf Sach- und Fachorientierung, sie machen bei weitem nicht so viel Bohei, inszenieren sich seltener in Verhandlungsführungen und überzeugen nicht mit Arroganz - täten sie es, würde ihnen „Karrieregeilheit“ vorgeworfen. Zwar verfolgen Frauen die gleichen Ziele wie Männer, allerdings mit unterschiedlichen Mitteln: Frauen gehen andere Wege. Die Souveränität und Klugheit, mit der Frauen agieren, die geringere Bereitschaft, sich die männliche Ellenbogenmentalität und Hemdsärmeligkeit anzutrainieren, führt absurderweise noch immer dazu, dass sie weniger ernst genommen werden.

          Frauen nehmen diese Behandlung allzu oft mit Höflichkeit oder auch als entlarvendes, mitunter unterhaltsames und zu belächelndes Intermezzo hin, anstatt mit Selbstvertrauen und Beharrlichkeit eigene Forderungen konsequent aufzustellen und zu verfolgen. Noch immer gilt die Überzeugung, dass man im Management doppelten Einsatz zeigen muss und dass Frauen die neoliberale Vorstellung allseitiger Verfügbarkeit nicht gewährleisten können.

          Der denkbare Lebensentwurf einer Kandidatin, eine potentielle Doppelbelastung von Beruf und Familie kann und darf nicht dazu führen, dass dem mehr Gewicht beigemessen wird als den eigentlichen Fähigkeiten. Eine derartige Doppelbelastung nicht als pathologisch zu denken und sie unausgesprochen zum Ausschlusskriterium zu machen erfordert nach wie vor einen mentalen und einen strukturellen Wandel sowie eine andere Selbstverständlichkeit. Initiiert durch die Politik, ist dies in der Wirtschaft ein mittlerweile offen diskutiertes Feld (siehe die Diskussion um die Frauenquote in Chefetagen), während die Frage, warum nur wenige große, international bedeutende Kunstinstitutionen von Frauen geleitet werden, fast eine marginale bleibt. In unserem Berufsfeld wäre es wünschenswert, Vorreiter zu sein, offensivere und zukunftsweisendere Herangehensweisen umzusetzen, entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen und weniger darauf zu hoffen, dass patriarchale Strukturen bröckeln und die Zeit es richten wird. Es hat sich vieles verbessert, aber es gibt immer noch viel zu tun!

          Professorin am Goldsmith College in London: die britische Kulturwissenschaftlerin Angela McRobbie

          Angela McRobbie: Die Rückkehr der Sexualpolitik

          Das Buch „Top Girls“ habe ich aus folgendem Grund geschrieben: Ich wollte zeigen, wie es dazu kommen konnte, dass die feministische Bewegung, die zu ihrer Blütezeit als funkelnd, als vielfältig und aufregend galt, seit Mitte der neunziger Jahre zu etwas geworden ist, von dem sich junge Frauen angeekelt abzuwenden scheinen. Woran liegt es, dass wir Feminismus als vorgestrig, als überkommen empfinden, ihn mit Müttern, Großmüttern und unmodischen Lesben mittleren Alters in Verbindung bringen?

          Diese Fragen mögen banal erscheinen, aber für mich verweisen sie auf etwas sehr Grundlegendes in unserer Gesellschaft. In zahlreichen Berichten, in Kommentaren von Politikern und solchen der sogenannten Qualitätsmedien entsteht ja der Eindruck, dass Frauen, junge Frauen vor allem, nunmehr gleichberechtigt seien. Dass sie alle nötigen Rechte erlangt hätten, dass alle Ansprüche eingelöst worden seien - und dass eine Frauenbewegung daher keine Funktion mehr zu erfüllen habe.

          Tatsächlich ist es so, dass Frauen sich mittlerweile darauf verlassen können, dass die Regierung sich ihrer annimmt, dass sie Gesetze erlässt, die zukünftige Diskriminierungen verhindern sollen. Von dieser neuen Form des Paternalismus erhoffte man sich Wählerstimmen, de facto aber wirkte sie entpolitisierend. Denn Frauen wurden ermutigt, sich auf das Erlangen guter Qualifikationen zu konzentrieren, darauf, eine gute Arbeitsstelle zu finden, um brave Bürgerinnen der Konsumkultur zu werden. Deren stetige Zunahme stellte zumindest in Großbritannien sicher, dass die mittlerweile berufstätigen Frauen des Landes derart mit Shopping-Möglichkeiten und Wohlfühlzonen versorgt waren, dass ihnen keine Zeit blieb, sich politisch zu engagieren - ganz gleich, ob sie Kinder hatten oder nicht.

          Diese Phänomene habe ich als „Komplexifizierung des Backlash“ zusammengefasst, weil sie mit dem Emporkommen eines „wiedererstarkenden Patriarchats“ verflochten waren. Dieses erwartet von den nunmehr gleichberechtigten jungen Frauen, dass sie die Höhen der Dauer-Sexiness erklimmen - das kann bedeuten, eine Nacht lang gemeinsam Spaß im Stripclub zu haben, sich über ein Nacktshooting für das neue angesagte Männermagazin zu freuen oder ständiger Gast im Waxing-Studio zu sein. Und wer es wagte, hier feministische Kritik anzubringen, bestätigte sofort schlimmste puritanische Klischees. Meinen Studentinnen widerstrebte es, sich als Feministinnen zu bezeichnen - nämlich, weil es die Männer abschrecken könnte! Privat jedoch waren sie mehr als interessiert daran, Essays oder Abhandlungen zu verfassen über Sexualität und die Objektwerdung von Frauen. Sie waren ängstlich geworden und wollten in der Öffentlichkeit kein Aufhebens machen, keine neue feministische Gruppe ins Leben rufen.

          Nun, in den letzten paar Jahren hat sich das Gott sei Dank ein wenig geändert. Junge Frauen organisieren und erschaffen neue Arten von Sexualpolitik - damit machen sie unsere Zeit wieder interessanter. Es ist, als wäre die bislang unterschwellig brodelnde Wut hervorgebrochen und als wäre die Furcht auf einmal verflogen, als wäre es möglich geworden, sich neue Wege des Frau-Seins vorzustellen. Als ältere Akademikerin und Soziologin habe ich eine Analyse verfasst, wie die „Einbeziehung“ des Feminismus durch die politische Klasse von der Hoffnung getragen wurde, er möge verschwinden und nie wiederkehren - ich glaube, so einen kleinen Anstoß gegeben zu haben zur derzeitigen, höchst sichtbaren Repolitisierung und zur Rückkehr der Sexualpolitik.

          In Großbritannien wurden „Slutwalks“ veranstaltet, es gibt Online-Aktivistinnen wie die des Internetmagazins „The F Word“ oder die von „Object - Women Not Sex Objects“, es wurden zahlreiche Aufmärsche organisiert, darunter kürzlich einer in der Londoner Harleystreet, der sich gegen „Schönheitskorrekturen“ an Lippen und Vagina wandte, dann ist da natürlich Pussy Riot, und es gibt das „Bitchmagazine“.

          Am einen Ende des politischen Spektrums erheben die jungen Frauen ihre Stimmen, haben den Mut zu missfallen, aber auch am anderen Ende können wir interessante Entwicklungen beobachten. In Großbritannien bezeichnen sich mittlerweile weibliche konservative Abgeordnete stolz als Feministinnen - das hat es noch nie gegeben. Sie versuchen sogar, auf diese Art und Weise Punkte gegen ihre Kontrahentinnen von der Labour Party zu sammeln: denn Tony Blair konnte das „F-Wort“ bekanntermaßen nicht ausstehen. Und auf einmal drängen die alten Themen wieder nach vorne, die nun einmal immer noch bestimmende Bestandteile des Lebens von Frauen sind: Wie lässt sich Berufstätigkeit vereinbaren mit dem Wunsch, Kinder zu haben und das Familienleben zu genießen? Wie lässt sich angesichts einer erstarkten „Pro Life“-Bewegung das Recht auf selbstbestimmte Fortpflanzung sichern? Und wie können wir einen feministischen Zugang zu Sex, zu Liebe und Intimität sowohl bewahren als auch weiterentwickeln?

          Leitet den neugegründeten Hanser Berlin Verlag: die erfahrene Verlegerin Elisabeth Ruge

          Üben konnten die Frauen ausführlich

          Elisabeth Ruge, sei es Produktion oder Vermittlung - in sämtlichen Künsten besetzen nahezu ausschließlich Männer die höheren Ränge. Ist die Literatur die geschlechtsblinde Ausnahme?

          „This is my letter to the World / that never wrote to Me -“ Mit uncharakteristischer Klarheit setzt Emily Dickinson 1862 diese Verse in eines ihrer vielen stets wunderbar rätselhaften Gedichte. Ob sie diese Feststellung heute noch so zu Papier brächte? Sie ist die Meisterin und begegnet ihren männlichen Zeitgenossen auf Augenhöhe - wenn sie sich denn begegnet wären. Was die Publikationspraxis anbelangte, so gab es große Hürden - die Öffentlichkeit erreichte eine Schriftstellerin oft gar nicht oder nur strategisch ausgebufft, da musste man Abenteurerin sein, wie Sophie Mereau oder Amatine Dupin alias George Sand. Das Leben ein geladenes Gewehr: „My Life had stood - a Loaded Gun - / In Corners ...“ Ein anziehendes, gefährliches Bild, das Emily Dickinson für sich entwirft, für sich als Frau, vor allem aber als Dichterin, die ihre Ladung zu Lebzeiten nicht in die Welt hinausfeuerte. Aber geschrieben hat sie, unentwegt, und Munition hatte sie auch genug. Flinte und schöne Jägerin zugleich, eine Kammerjägerin könnte man sagen: Emily Dickinson hinterließ fast 1800 Gedichte in den Schubladen ihrer Kommode, eine Handvoll Menschen hatte zuvor eine Handvoll Gedichte zu sehen bekommen - zehn sind zu Lebzeiten erschienen, ansonsten wurden sie als zur Veröffentlichung ungeeignet erachtet.

          Ja, Übung macht die Meisterin. Und üben konnten die Frauen ausführlich. Das nötige Instrumentarium war denkbar einfach zu beschaffen und kostete so gut wie nichts, es lag griffbereit und wurde ohnehin tagtäglich benutzt, um das Wirtschaften zu dokumentieren, Buch zu führen - oder, ganz wichtig, um Briefe zu schreiben. Papier, Feder, Tinte - mehr brauchte man nicht. Literatur war deswegen allerdings keine harmlose Hausfrauenangelegenheit, auch wenn sie in der Abgeschiedenheit der Heimstatt entstand. „If I feel physically as if the top of my head was taken off, I know that is poetry“, schreibt Emily Dickinson. Unblutig geht’s hier nicht ab. Man weiß um die Wirkung der Worte. Und beschriebene Blätter waren schnell beiseitegelegt, sie waren gut zu verstecken. Man konnte unauffällig oder gänzlich unentdeckt dem schöpferischen Tun nachgehen. Schreiben ist schließlich lautlos, geruchlos, wenig raumgreifend ... ein frisches Ölgemälde lässt sich nicht mal eben hinter die Anrichte schieben ... Von Vorteil war auch das eigene Zimmer, a room of one’s own, aber selbst das war nicht zwingend notwendig.

          Und dann, wie gesagt, mussten Frauen oftmals zu Abenteuern bereit sein und sich als findig erweisen, um die (zunehmend weibliche) Leserschaft zu erreichen. So veröffentlichten die drei Brontë-Schwestern die im Schutz von Haworth House entstandenen Gedichte, später auch jene großen Romane, die schließlich zu den berühmtesten der Weltliteratur gehören sollten, unter den geschlechtlich ambivalenten Pseudonymen Acton, Currer und Ellis Bell. Und bei der Publikation der „Geschichte des Fräuleins von Sternheim“ - bezeichnenderweise ein Briefroman, wie damals so viele Werke aus der Feder von Frauen - verbarg Sophie von La Roche ihre Autorschaft hinter dem Herausgeber Christoph Martin Wieland.

          Kunst schaffen heißt Kunst kennen. Das Schreiben von Texten hat immer die Rezeption von Texten zur Voraussetzung. Insofern sind das mittlere und späte achtzehnte Jahrhundert der Aufklärung und mehr noch das neunzehnte mit dem erstarkten Bildungsbürgertum und den vielen privaten und öffentlichen Bibliotheken der Moment, in dem die Schriftstellerin auftritt. Frauen der „bildungsnahen“ Schichten erhielten nun in der Familie eine oftmals zwar unsystematische, dennoch ausgreifende Bildung, und sie machten sich mit Verve an die Selbstschulung: Nun hatten sie Zugang zu Büchern, sie konnten lesen, viel lesen - und fingen an zu schreiben. Therese Huber, Mary Shelley, Annette Droste-Hülshoff - immer gibt es für die Heranwachsende eine reich ausgestattete Bibliothek in unmittelbarer Nähe. Und auch Emily Dickinson, die Enkelin des Gründers von Amherst College, liest sich mit unersättlichem Appetit durch die Bibliothek ihres Vaters, dann durch die ihres Bruders im Nachbarhaus.

          Und ab Mitte des neunzehnten Jahrhunderts formierte sich eine Heerschar von Berufsschriftstellerinnen, die ihren Lebensunterhalt mit der Produktion von Trivialliteratur verdienten. Schreibpraxis hatten Frauen also zur Genüge, ob sie mit ihren Texten künstlerische Absichten verbanden oder einfach unterhalten und Geld verdienen wollten. Wobei die neben Hedwig Courths-Mahler bekannteste Erfolgsautorin, Eugenie John, Verfasserin des in der „Gartenlaube“ erschienenen Bestsellers „Goldelse“, es auch dann noch vorzog, unter dem unbestimmbaren Künstlernamen E. Marlitt zu veröffentlichen.

          Und so bleibt die Frage nach den Gepflogenheiten der Rezeption. Man muss sich nur vergegenwärtigen, dass der Friedenspreis des deutschen Buchhandels bis heute im Schnitt einmal pro Jahrzehnt an eine Autorin geht und es sich erst seit den neunziger Jahren bei der Vergabe des Literaturnobelpreises etwas ausgewogener darstellt, um nach wie vor eine gewisse Schieflage zu konstatieren. Auch die gefeierten Fräulein Wunders haben es in der Kritik nicht so leicht, zur Frau zu avancieren, dann sind sie plötzlich gar nicht mehr so wunderbar.

          Die britische Schriftstellerin Jeanette Winterson hat ihre Karriere als Leserin - und Autorin - in der Public Library der grauen, geduckten nordenglischen Arbeiterstadt Accrington begonnen. Dort las sie sich, ein Kind fast, durch die Buchreihen von A bis Z (zu Hause bei der bigotten Adoptivmutter gab’s nur die King James Bible) : „... mir war aufgefallen, dass es weniger Frauen gab und dass sie in den Regalen weiter auseinanderstanden, und immer wenn ich Bücher ,über’ Literatur lesen wollte, stellte ich unweigerlich fest, dass diese Bücher von Männern geschrieben waren und von schreibenden Männern handelten.“ Und dort beginnt ihr Brief an die Welt, der im Gegensatz zur Erfahrung ihrer neuenglischen Dichterkollegin Emily Dickinson eine Korrespondenz, ein Dialog ist. Ihre Geschichte erzählt uns allerdings auch davon, dass literarische Durchsetzungsfähigkeit nicht nur eine Frage von Gender ist - es ist auch immer a question of class. So manche Hürde gilt es noch zu nehmen.

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