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Fragen an acht Künstlerinnen : Frauen, wie wollen wir leben?

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Und dann, wie gesagt, mussten Frauen oftmals zu Abenteuern bereit sein und sich als findig erweisen, um die (zunehmend weibliche) Leserschaft zu erreichen. So veröffentlichten die drei Brontë-Schwestern die im Schutz von Haworth House entstandenen Gedichte, später auch jene großen Romane, die schließlich zu den berühmtesten der Weltliteratur gehören sollten, unter den geschlechtlich ambivalenten Pseudonymen Acton, Currer und Ellis Bell. Und bei der Publikation der „Geschichte des Fräuleins von Sternheim“ - bezeichnenderweise ein Briefroman, wie damals so viele Werke aus der Feder von Frauen - verbarg Sophie von La Roche ihre Autorschaft hinter dem Herausgeber Christoph Martin Wieland.

Kunst schaffen heißt Kunst kennen. Das Schreiben von Texten hat immer die Rezeption von Texten zur Voraussetzung. Insofern sind das mittlere und späte achtzehnte Jahrhundert der Aufklärung und mehr noch das neunzehnte mit dem erstarkten Bildungsbürgertum und den vielen privaten und öffentlichen Bibliotheken der Moment, in dem die Schriftstellerin auftritt. Frauen der „bildungsnahen“ Schichten erhielten nun in der Familie eine oftmals zwar unsystematische, dennoch ausgreifende Bildung, und sie machten sich mit Verve an die Selbstschulung: Nun hatten sie Zugang zu Büchern, sie konnten lesen, viel lesen - und fingen an zu schreiben. Therese Huber, Mary Shelley, Annette Droste-Hülshoff - immer gibt es für die Heranwachsende eine reich ausgestattete Bibliothek in unmittelbarer Nähe. Und auch Emily Dickinson, die Enkelin des Gründers von Amherst College, liest sich mit unersättlichem Appetit durch die Bibliothek ihres Vaters, dann durch die ihres Bruders im Nachbarhaus.

Und ab Mitte des neunzehnten Jahrhunderts formierte sich eine Heerschar von Berufsschriftstellerinnen, die ihren Lebensunterhalt mit der Produktion von Trivialliteratur verdienten. Schreibpraxis hatten Frauen also zur Genüge, ob sie mit ihren Texten künstlerische Absichten verbanden oder einfach unterhalten und Geld verdienen wollten. Wobei die neben Hedwig Courths-Mahler bekannteste Erfolgsautorin, Eugenie John, Verfasserin des in der „Gartenlaube“ erschienenen Bestsellers „Goldelse“, es auch dann noch vorzog, unter dem unbestimmbaren Künstlernamen E. Marlitt zu veröffentlichen.

Und so bleibt die Frage nach den Gepflogenheiten der Rezeption. Man muss sich nur vergegenwärtigen, dass der Friedenspreis des deutschen Buchhandels bis heute im Schnitt einmal pro Jahrzehnt an eine Autorin geht und es sich erst seit den neunziger Jahren bei der Vergabe des Literaturnobelpreises etwas ausgewogener darstellt, um nach wie vor eine gewisse Schieflage zu konstatieren. Auch die gefeierten Fräulein Wunders haben es in der Kritik nicht so leicht, zur Frau zu avancieren, dann sind sie plötzlich gar nicht mehr so wunderbar.

Die britische Schriftstellerin Jeanette Winterson hat ihre Karriere als Leserin - und Autorin - in der Public Library der grauen, geduckten nordenglischen Arbeiterstadt Accrington begonnen. Dort las sie sich, ein Kind fast, durch die Buchreihen von A bis Z (zu Hause bei der bigotten Adoptivmutter gab’s nur die King James Bible) : „... mir war aufgefallen, dass es weniger Frauen gab und dass sie in den Regalen weiter auseinanderstanden, und immer wenn ich Bücher ,über’ Literatur lesen wollte, stellte ich unweigerlich fest, dass diese Bücher von Männern geschrieben waren und von schreibenden Männern handelten.“ Und dort beginnt ihr Brief an die Welt, der im Gegensatz zur Erfahrung ihrer neuenglischen Dichterkollegin Emily Dickinson eine Korrespondenz, ein Dialog ist. Ihre Geschichte erzählt uns allerdings auch davon, dass literarische Durchsetzungsfähigkeit nicht nur eine Frage von Gender ist - es ist auch immer a question of class. So manche Hürde gilt es noch zu nehmen.

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