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Fragen an acht Künstlerinnen : Frauen, wie wollen wir leben?

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Tatsächlich ist es so, dass Frauen sich mittlerweile darauf verlassen können, dass die Regierung sich ihrer annimmt, dass sie Gesetze erlässt, die zukünftige Diskriminierungen verhindern sollen. Von dieser neuen Form des Paternalismus erhoffte man sich Wählerstimmen, de facto aber wirkte sie entpolitisierend. Denn Frauen wurden ermutigt, sich auf das Erlangen guter Qualifikationen zu konzentrieren, darauf, eine gute Arbeitsstelle zu finden, um brave Bürgerinnen der Konsumkultur zu werden. Deren stetige Zunahme stellte zumindest in Großbritannien sicher, dass die mittlerweile berufstätigen Frauen des Landes derart mit Shopping-Möglichkeiten und Wohlfühlzonen versorgt waren, dass ihnen keine Zeit blieb, sich politisch zu engagieren - ganz gleich, ob sie Kinder hatten oder nicht.

Diese Phänomene habe ich als „Komplexifizierung des Backlash“ zusammengefasst, weil sie mit dem Emporkommen eines „wiedererstarkenden Patriarchats“ verflochten waren. Dieses erwartet von den nunmehr gleichberechtigten jungen Frauen, dass sie die Höhen der Dauer-Sexiness erklimmen - das kann bedeuten, eine Nacht lang gemeinsam Spaß im Stripclub zu haben, sich über ein Nacktshooting für das neue angesagte Männermagazin zu freuen oder ständiger Gast im Waxing-Studio zu sein. Und wer es wagte, hier feministische Kritik anzubringen, bestätigte sofort schlimmste puritanische Klischees. Meinen Studentinnen widerstrebte es, sich als Feministinnen zu bezeichnen - nämlich, weil es die Männer abschrecken könnte! Privat jedoch waren sie mehr als interessiert daran, Essays oder Abhandlungen zu verfassen über Sexualität und die Objektwerdung von Frauen. Sie waren ängstlich geworden und wollten in der Öffentlichkeit kein Aufhebens machen, keine neue feministische Gruppe ins Leben rufen.

Nun, in den letzten paar Jahren hat sich das Gott sei Dank ein wenig geändert. Junge Frauen organisieren und erschaffen neue Arten von Sexualpolitik - damit machen sie unsere Zeit wieder interessanter. Es ist, als wäre die bislang unterschwellig brodelnde Wut hervorgebrochen und als wäre die Furcht auf einmal verflogen, als wäre es möglich geworden, sich neue Wege des Frau-Seins vorzustellen. Als ältere Akademikerin und Soziologin habe ich eine Analyse verfasst, wie die „Einbeziehung“ des Feminismus durch die politische Klasse von der Hoffnung getragen wurde, er möge verschwinden und nie wiederkehren - ich glaube, so einen kleinen Anstoß gegeben zu haben zur derzeitigen, höchst sichtbaren Repolitisierung und zur Rückkehr der Sexualpolitik.

In Großbritannien wurden „Slutwalks“ veranstaltet, es gibt Online-Aktivistinnen wie die des Internetmagazins „The F Word“ oder die von „Object - Women Not Sex Objects“, es wurden zahlreiche Aufmärsche organisiert, darunter kürzlich einer in der Londoner Harleystreet, der sich gegen „Schönheitskorrekturen“ an Lippen und Vagina wandte, dann ist da natürlich Pussy Riot, und es gibt das „Bitchmagazine“.

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