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Fragen an acht Künstlerinnen : Frauen, wie wollen wir leben?

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Ein konfrontativeres und einforderndes Verhalten ist notwendig, vor allem wenn es um Kernthemen wie die immer noch existierenden, althergebrachten Vorurteile, Rollenklischees und Fragen der Doppelbelastung geht. Sicher, Frauen setzen in Bewerbungsverfahren und im Berufsalltag in höherem Maße auf Kommunikation, auf Sach- und Fachorientierung, sie machen bei weitem nicht so viel Bohei, inszenieren sich seltener in Verhandlungsführungen und überzeugen nicht mit Arroganz - täten sie es, würde ihnen „Karrieregeilheit“ vorgeworfen. Zwar verfolgen Frauen die gleichen Ziele wie Männer, allerdings mit unterschiedlichen Mitteln: Frauen gehen andere Wege. Die Souveränität und Klugheit, mit der Frauen agieren, die geringere Bereitschaft, sich die männliche Ellenbogenmentalität und Hemdsärmeligkeit anzutrainieren, führt absurderweise noch immer dazu, dass sie weniger ernst genommen werden.

Frauen nehmen diese Behandlung allzu oft mit Höflichkeit oder auch als entlarvendes, mitunter unterhaltsames und zu belächelndes Intermezzo hin, anstatt mit Selbstvertrauen und Beharrlichkeit eigene Forderungen konsequent aufzustellen und zu verfolgen. Noch immer gilt die Überzeugung, dass man im Management doppelten Einsatz zeigen muss und dass Frauen die neoliberale Vorstellung allseitiger Verfügbarkeit nicht gewährleisten können.

Der denkbare Lebensentwurf einer Kandidatin, eine potentielle Doppelbelastung von Beruf und Familie kann und darf nicht dazu führen, dass dem mehr Gewicht beigemessen wird als den eigentlichen Fähigkeiten. Eine derartige Doppelbelastung nicht als pathologisch zu denken und sie unausgesprochen zum Ausschlusskriterium zu machen erfordert nach wie vor einen mentalen und einen strukturellen Wandel sowie eine andere Selbstverständlichkeit. Initiiert durch die Politik, ist dies in der Wirtschaft ein mittlerweile offen diskutiertes Feld (siehe die Diskussion um die Frauenquote in Chefetagen), während die Frage, warum nur wenige große, international bedeutende Kunstinstitutionen von Frauen geleitet werden, fast eine marginale bleibt. In unserem Berufsfeld wäre es wünschenswert, Vorreiter zu sein, offensivere und zukunftsweisendere Herangehensweisen umzusetzen, entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen und weniger darauf zu hoffen, dass patriarchale Strukturen bröckeln und die Zeit es richten wird. Es hat sich vieles verbessert, aber es gibt immer noch viel zu tun!

Professorin am Goldsmith College in London: die britische Kulturwissenschaftlerin Angela McRobbie

Angela McRobbie: Die Rückkehr der Sexualpolitik

Das Buch „Top Girls“ habe ich aus folgendem Grund geschrieben: Ich wollte zeigen, wie es dazu kommen konnte, dass die feministische Bewegung, die zu ihrer Blütezeit als funkelnd, als vielfältig und aufregend galt, seit Mitte der neunziger Jahre zu etwas geworden ist, von dem sich junge Frauen angeekelt abzuwenden scheinen. Woran liegt es, dass wir Feminismus als vorgestrig, als überkommen empfinden, ihn mit Müttern, Großmüttern und unmodischen Lesben mittleren Alters in Verbindung bringen?

Diese Fragen mögen banal erscheinen, aber für mich verweisen sie auf etwas sehr Grundlegendes in unserer Gesellschaft. In zahlreichen Berichten, in Kommentaren von Politikern und solchen der sogenannten Qualitätsmedien entsteht ja der Eindruck, dass Frauen, junge Frauen vor allem, nunmehr gleichberechtigt seien. Dass sie alle nötigen Rechte erlangt hätten, dass alle Ansprüche eingelöst worden seien - und dass eine Frauenbewegung daher keine Funktion mehr zu erfüllen habe.

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