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Menschenschmuggel-Forschung : Was weiß der Stammtisch schon von Fluchthelfern?

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Weiter, immer weiter: Zurückgelassene Schuhe auf einer Schmugglerroute im ägyptischen Grenzgebiet zu Libyen und Sudan Bild: Picture-Alliance

Für die Politik gilt der Menschenschmuggel im Mittelmeerraum als zentrales Problem der Flüchtlingskrise. Doch die Forschungen zum Thema passen ihr nicht ins Konzept.

          5 Min.

          Dass sich viele Forscher mit Flucht, Migration und Immigration beschäftigen, ist spätestens seit der Verschärfung der Flüchtlingskrise im Sommer 2015 bekannt. Von Wissenschaftlern, die sich mit Flüchtlingsschmuggel beschäftigen, hört man hingegen erstaunlich wenig. Die Gründe sind vielfältig. Allen voran: Über Menschenschmuggel wird in Europa noch wenig geforscht. Olaf Kleist vom Institut für Migrationsforschung der Universität Osnabrück sieht eine Ursache in der Ausrichtung der Forschung selbst. Die habe sich in den letzten Jahren vor allem mit Fragen der Integration beschäftigt. „Der Schmuggel“, so Kleist, „wurde als kleiner Teilbereich gesehen, der nicht besonders relevant war.“

          Die Datenlage ist ein Hemmschuh. Zuverlässige Informationen über Schmuggler sind rar und lassen sich nur schwer beschaffen, so Theodore Baird, der an der Freien Universität Amsterdam zur Thematik arbeitet. Wissenschaftler müssten sich so unter anderem auf die Angaben von Behörden wie Frontex verlassen, die oft ihre eigene Agenda hätten und deshalb mit Vorsicht zu genießen seien. Die dringend nötige Feldforschung hingegen ist aufwendig und teuer. Heidrun Friese, Professorin für interkulturelle Kommunikation an der TU Chemnitz, sieht darin eines der größten Probleme. Ihrer Erfahrung nach gibt es nur wenige Wissenschaftler, die sich das Phänomen vor Ort ansähen. Um Schmuggel zu verstehen, sei aber gerade dies unerlässlich.

          Ein Missverständnis, das die Debatte kompliziert macht

          Dass es schwer ist, gesicherte Erkenntnisse zu erlangen, kann auch Denise Efionayi von der Université de Neuchâtel bestätigen. „Die verdeckte Arbeit bei den Schmugglern können die meisten Forscher nicht leisten“, weiß sie. Schmuggel findet in einem Umfeld statt, das naturgemäß wenig Interesse daran hat, erforscht zu werden. Das, was man weiß, bildet oft einen starken Kontrast zum vorherrschenden Bild vom Flüchtlingsschmuggel. Das beginnt schon beim Begriffsdurcheinander - Schlepper, Schleuser, Fluchthelfer, Schmuggler. Dabei existieren klare Unterschiede. Menschen, die anderen aus humanitären Gründen bei der Flucht helfen, sind Fluchthelfer. „Schlepper“ und „Schleuser“ hingegen, so Olaf Kleist, seien negativ konnotierte Begriffe, die vor allem in der Politik benutzt würden, um die Illegalität der Aktivität zu betonen.

          Das Recht und die Wissenschaft wiederum sprechen von „Menschenschmugglern“. Ein weiteres Missverständnis, das die Debatte verzerrt, ist die Abgrenzung zum Menschenhandel. Erst in der im Jahr 2000 von den Vereinten Nationen verabschiedeten „Palermo-Konvention“ wurde Menschen- oder Migrantenschmuggel rechtlich von Menschenhandel unterschieden: Menschenhandel impliziert Opfer, Menschenschmuggel tut dies nicht. Dennoch wird beides oft in einen Topf geworfen. Alle Migranten würden als Ware transportiert und ausgebeutet, so die Behauptung. Empirische Beweise gibt es für diese These wenige, verschiedene Grade der Ausbeutung werden ignoriert. Trotzdem ist die Theorie weiterhin prominent, da sie komplexe reale Vorgänge leichter nachvollziehbar macht.

          Ein blühender Schwarzmarkt brach zusammen

          Auch das in Medien und Politik beliebte Bild der Menschenschmuggler als einer global organisierten Mafia, die Schmuggel als Erweiterung des kriminellen Portfolios betrachtet, trifft nur in Ausnahmefällen zu. Die Forschung zeichnet ein differenzierteres Bild. „Bei den ganz großen Schleppungen“, so Efionayi, „sind durchaus auch größere Organisationen beteiligt, die zum Beispiel die ganze Überfahrt anbieten.“ In vielen Fällen jedoch sei Flüchtlingsschmuggel in kleinen, lokalen Strukturen verankert, die stellenweise auch spontan entstünden.

          Heidrun Friese, die lange auf Lampedusa und in Tunesien geforscht hat, nennt als Beispiel die Situation in Libyen. Während des Embargos lebte die ganze Grenzregion vom Schmuggel mit allen möglichen knappen Gütern. „Mit dem Ende des Embargos im Jahr 2004 brach dieser blühende Schwarzmarkt zusammen“, so Friese. „Die Folge war, dass die Schmuggler umsattelten. Jetzt wurden eben Migranten geschmuggelt.“ Besonders in Libyen und Tunesien sei der Schmuggel eher über konkurrierende Familien organisiert, nicht durch große mafiöse Organisationen.

          Stereotype legitimieren die Abschottungspolitik

          Olaf Kleist teilt diese Einschätzung: „Die Strukturen des Flüchtlingsschmuggels kommen häufig aus einer lokalen Wirtschaft, wo es den Bedarf gibt. Oft sind Flüchtlinge selbst involviert.“ Auch Theodore Baird und seine Kollegin Ilse van Liempt haben in einer Studie festgestellt, dass diese persönlichen Netzwerke der Migranten eine große Rolle spielen. Freunde, Verwandte und Bekannte sind häufig bei der Vermittlung von Kontakten behilflich oder sogar an der Organisation von Schmuggel beteiligt.

          Was in der öffentlichen Debatte ebenfalls gerne ausgeblendet wird, ist der humanitäre Aspekt. „Es gibt tatsächlich Fluchthelfer, die aus Hilfsbereitschaft schmuggeln und nur eine Aufwandsentschädigung nehmen“, sagt Efionayi. Warum aber hält die Politik an den stereotypen Vorstellungen vom gefährlichen kriminellen Schmuggler fest, wenn wissenschaftliche Untersuchungen andere Schlüsse nahelegen? Heidrun Friese vermutet politisches Kalkül: „Das Bild der Schlepper dient der Legitimation von Abschottungspolitik. Alles wird damit begründet, dass man den Kriminellen das Handwerk legen müsse.“ Gleichzeitig sei die Grenzsicherung sehr lukrativ für bestimmte Wirtschaftszweige, ein härteres Vorgehen gegen Schmuggler komme diesen erheblich zugute.

          Feldstudien sind verlässlicher

          Die Erforschung des Menschenschmuggels ist ein undankbares Feld, vor allem, wenn man sich nicht mit der Auswertung von Kriminalstatistiken und Behördenberichten zufriedengibt. Die aufschlussreichste Methode, die Befragung der Schmuggler selbst, ist dabei gleichzeitig die am schwierigsten zu bewerkstelligende. „Meist sind weder die Schmuggler bereit auszusagen noch die Geschmuggelten“, erläutert Denise Efionayi die schwierige Situation der Forscher. „Das meiste, was man weiß, stammt aus Erzählungen von Migranten, aber die haben nicht immer den Durchblick.“

          Hinzu kommt laut Wolfgang Kaschuba, Direktor des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung, ein weiteres Problem: „Jeder Flüchtling muss seine Lebensgeschichte permanent anpassen, nicht weil er gerne schwindelt, sondern weil es existentielle Bedeutung dafür haben kann, dass die Flucht gelingt.“ Interviews seien deshalb immer mit Vorsicht zu genießen. Verlässlichere Ergebnisse liefern aufwendige Feldstudien. Forscher wie Heidrun Friese arbeiten als teilnehmende Beobachter vor Ort. „Wir reden mit den Leuten und versuchen ihre Handlungen zu dokumentieren“, so Friese. Wenn man eine Kontaktperson habe, werde man oft weitergereicht, der intensive Kontakt helfe einzuschätzen, welche Schilderungen man glauben könne und welche nicht.

          Die einzig wirksame Maßnahme

          Theodore Baird findet die Kriminalisierung der Schmuggler für Forscher deswegen problematisch, weil sie besonders vorsichtig agieren müssten, auch in Hinblick auf ethische Fragen und den Quellenschutz. Dennoch: „Die Arbeit kann, trotz aller Schwierigkeiten, gemacht werden. Man muss nur eine sehr konsequente Haltung in Bezug auf die Forschungsethik, genug Zeit und eine gewisse Vertrautheit mit den lokalen Begebenheiten mitbringen“, so der niederländische Wissenschaftler. Hilfreich seien Kenntnisse der Sprache und der Kultur.

          Und die Abschottung Europas? Viele Forscher bewerten die Maßnahmen gegen Schmuggler im Mittelmeer äußerst kritisch. „Das bringt überhaupt nichts“, davon ist Friese überzeugt. „Solange Menschen fliehen wollen, aus welchen Gründen auch immer, und es nicht können, so lange wird es Schmuggel geben.“ Die einzige wirksame Maßnahme um Schmuggel zu stoppen, sei die Legalisierung der Einreise und die Legalisierung der Visabestimmungen. Dass gar nicht alle Migranten am Ende bleiben wollten, werde in diesem Kontext gerne ignoriert.

          Erkenntnisse, die im Wahlkampf untergehen

          Auch Efionayi bezweifelt, dass das aktuelle Vorgehen gegen Schmuggler sinnvoll ist: „Je stärker dagegen vorgegangen wird, desto professioneller wird das Feld. Die Anstrengungen führen genau zum Gegenteil dessen, was man erreichen möchte“, eine Sicht, die auch Kleist teilt. Wenn sich der Kampf gegen den Flüchtlingsschmuggel militarisiere, so der Forscher, käme es auch zu einer Militarisierung des Schmuggels. Baird hingegen warnt vor humanitären Folgen: „Jeder Versuch, den Schmuggel zu bekämpfen, geht mit menschlichen Kosten einher. Flüchtlinge wagen dann noch gefährlichere Routen und riskieren den Tod.“

          Fühlen sich die Forscher mit ihren Ergebnissen ignoriert? Die Antworten ergeben ein gemischtes Bild. Laut Kleist komme es auf die Themen an: „Wenn es um so etwas wie Grenzschutz geht, dann stehen nicht Fragen wie Flüchtlingsschutz oder der Schutz von Migranten im Vordergrund, sondern Sicherheitsfragen. Als Flüchtlingsforscher wird man dazu oft nicht mehr befragt.“ Wolfgang Kaschuba beklagt ebenfalls, dass die Politik Forschungsergebnisse gerne ignoriere. „Die Stammtischbilder bestimmen die Diskussion“, sagt er verärgert, viele Erkenntnisse gingen im Wahlkampf einfach unter. Gleichzeitig sei die Migrationsforschung unterfinanziert, systematische Forschung kaum möglich. Das größte Problem, so Efionayi, sei die Unzufriedenheit der Politik: „Wenn wir ehrlich mit unseren Ergebnissen umgehen, haben wir selten klare, schwarz-weiße Ergebnisse. Das ist für die Politik aber schwierig, wenn sie Maßnahmen ergreifen will.“

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