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Menschenschmuggel-Forschung : Was weiß der Stammtisch schon von Fluchthelfern?

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Hinzu kommt laut Wolfgang Kaschuba, Direktor des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung, ein weiteres Problem: „Jeder Flüchtling muss seine Lebensgeschichte permanent anpassen, nicht weil er gerne schwindelt, sondern weil es existentielle Bedeutung dafür haben kann, dass die Flucht gelingt.“ Interviews seien deshalb immer mit Vorsicht zu genießen. Verlässlichere Ergebnisse liefern aufwendige Feldstudien. Forscher wie Heidrun Friese arbeiten als teilnehmende Beobachter vor Ort. „Wir reden mit den Leuten und versuchen ihre Handlungen zu dokumentieren“, so Friese. Wenn man eine Kontaktperson habe, werde man oft weitergereicht, der intensive Kontakt helfe einzuschätzen, welche Schilderungen man glauben könne und welche nicht.

Die einzig wirksame Maßnahme

Theodore Baird findet die Kriminalisierung der Schmuggler für Forscher deswegen problematisch, weil sie besonders vorsichtig agieren müssten, auch in Hinblick auf ethische Fragen und den Quellenschutz. Dennoch: „Die Arbeit kann, trotz aller Schwierigkeiten, gemacht werden. Man muss nur eine sehr konsequente Haltung in Bezug auf die Forschungsethik, genug Zeit und eine gewisse Vertrautheit mit den lokalen Begebenheiten mitbringen“, so der niederländische Wissenschaftler. Hilfreich seien Kenntnisse der Sprache und der Kultur.

Und die Abschottung Europas? Viele Forscher bewerten die Maßnahmen gegen Schmuggler im Mittelmeer äußerst kritisch. „Das bringt überhaupt nichts“, davon ist Friese überzeugt. „Solange Menschen fliehen wollen, aus welchen Gründen auch immer, und es nicht können, so lange wird es Schmuggel geben.“ Die einzige wirksame Maßnahme um Schmuggel zu stoppen, sei die Legalisierung der Einreise und die Legalisierung der Visabestimmungen. Dass gar nicht alle Migranten am Ende bleiben wollten, werde in diesem Kontext gerne ignoriert.

Erkenntnisse, die im Wahlkampf untergehen

Auch Efionayi bezweifelt, dass das aktuelle Vorgehen gegen Schmuggler sinnvoll ist: „Je stärker dagegen vorgegangen wird, desto professioneller wird das Feld. Die Anstrengungen führen genau zum Gegenteil dessen, was man erreichen möchte“, eine Sicht, die auch Kleist teilt. Wenn sich der Kampf gegen den Flüchtlingsschmuggel militarisiere, so der Forscher, käme es auch zu einer Militarisierung des Schmuggels. Baird hingegen warnt vor humanitären Folgen: „Jeder Versuch, den Schmuggel zu bekämpfen, geht mit menschlichen Kosten einher. Flüchtlinge wagen dann noch gefährlichere Routen und riskieren den Tod.“

Fühlen sich die Forscher mit ihren Ergebnissen ignoriert? Die Antworten ergeben ein gemischtes Bild. Laut Kleist komme es auf die Themen an: „Wenn es um so etwas wie Grenzschutz geht, dann stehen nicht Fragen wie Flüchtlingsschutz oder der Schutz von Migranten im Vordergrund, sondern Sicherheitsfragen. Als Flüchtlingsforscher wird man dazu oft nicht mehr befragt.“ Wolfgang Kaschuba beklagt ebenfalls, dass die Politik Forschungsergebnisse gerne ignoriere. „Die Stammtischbilder bestimmen die Diskussion“, sagt er verärgert, viele Erkenntnisse gingen im Wahlkampf einfach unter. Gleichzeitig sei die Migrationsforschung unterfinanziert, systematische Forschung kaum möglich. Das größte Problem, so Efionayi, sei die Unzufriedenheit der Politik: „Wenn wir ehrlich mit unseren Ergebnissen umgehen, haben wir selten klare, schwarz-weiße Ergebnisse. Das ist für die Politik aber schwierig, wenn sie Maßnahmen ergreifen will.“

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