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Menschenschmuggel-Forschung : Was weiß der Stammtisch schon von Fluchthelfern?

  • -Aktualisiert am

Ein blühender Schwarzmarkt brach zusammen

Auch das in Medien und Politik beliebte Bild der Menschenschmuggler als einer global organisierten Mafia, die Schmuggel als Erweiterung des kriminellen Portfolios betrachtet, trifft nur in Ausnahmefällen zu. Die Forschung zeichnet ein differenzierteres Bild. „Bei den ganz großen Schleppungen“, so Efionayi, „sind durchaus auch größere Organisationen beteiligt, die zum Beispiel die ganze Überfahrt anbieten.“ In vielen Fällen jedoch sei Flüchtlingsschmuggel in kleinen, lokalen Strukturen verankert, die stellenweise auch spontan entstünden.

Heidrun Friese, die lange auf Lampedusa und in Tunesien geforscht hat, nennt als Beispiel die Situation in Libyen. Während des Embargos lebte die ganze Grenzregion vom Schmuggel mit allen möglichen knappen Gütern. „Mit dem Ende des Embargos im Jahr 2004 brach dieser blühende Schwarzmarkt zusammen“, so Friese. „Die Folge war, dass die Schmuggler umsattelten. Jetzt wurden eben Migranten geschmuggelt.“ Besonders in Libyen und Tunesien sei der Schmuggel eher über konkurrierende Familien organisiert, nicht durch große mafiöse Organisationen.

Stereotype legitimieren die Abschottungspolitik

Olaf Kleist teilt diese Einschätzung: „Die Strukturen des Flüchtlingsschmuggels kommen häufig aus einer lokalen Wirtschaft, wo es den Bedarf gibt. Oft sind Flüchtlinge selbst involviert.“ Auch Theodore Baird und seine Kollegin Ilse van Liempt haben in einer Studie festgestellt, dass diese persönlichen Netzwerke der Migranten eine große Rolle spielen. Freunde, Verwandte und Bekannte sind häufig bei der Vermittlung von Kontakten behilflich oder sogar an der Organisation von Schmuggel beteiligt.

Was in der öffentlichen Debatte ebenfalls gerne ausgeblendet wird, ist der humanitäre Aspekt. „Es gibt tatsächlich Fluchthelfer, die aus Hilfsbereitschaft schmuggeln und nur eine Aufwandsentschädigung nehmen“, sagt Efionayi. Warum aber hält die Politik an den stereotypen Vorstellungen vom gefährlichen kriminellen Schmuggler fest, wenn wissenschaftliche Untersuchungen andere Schlüsse nahelegen? Heidrun Friese vermutet politisches Kalkül: „Das Bild der Schlepper dient der Legitimation von Abschottungspolitik. Alles wird damit begründet, dass man den Kriminellen das Handwerk legen müsse.“ Gleichzeitig sei die Grenzsicherung sehr lukrativ für bestimmte Wirtschaftszweige, ein härteres Vorgehen gegen Schmuggler komme diesen erheblich zugute.

Feldstudien sind verlässlicher

Die Erforschung des Menschenschmuggels ist ein undankbares Feld, vor allem, wenn man sich nicht mit der Auswertung von Kriminalstatistiken und Behördenberichten zufriedengibt. Die aufschlussreichste Methode, die Befragung der Schmuggler selbst, ist dabei gleichzeitig die am schwierigsten zu bewerkstelligende. „Meist sind weder die Schmuggler bereit auszusagen noch die Geschmuggelten“, erläutert Denise Efionayi die schwierige Situation der Forscher. „Das meiste, was man weiß, stammt aus Erzählungen von Migranten, aber die haben nicht immer den Durchblick.“

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