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Forschung an der Zukunftsmaschine : Die Berechnung der Welt

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Widersprüche im Modell

„Nein, nein“, wehrt Helbing ab, „das ist doch kein kulturfeindliches Projekt!“ Die Privatsphäre will er schützen, die Verschiedenheit der Leidenschaften und Lebensstile ist ihm wichtig - denn Vielfalt sei schließlich die Voraussetzung für eine funktionierende Gesellschaft. „Soziodiversität ist genauso wichtig wie Biodiversität. Monokulturen zerstören das soziale Ökosystem“, sagt Helbing. „Multi-kulti“ sei wichtig, denn Gleichschaltung führe dazu, dass das Ökosystem der Gesellschaft kollabiert.

Eigentlich wollte Helbing mit dem Schlagwort „Privatsphäre“ für einen Bereich plädieren, der jenseits der Kontrolle auf Effizienz liegt. Doch seine Argumentation ist widersprüchlich: Die Grenze zwischen privat und öffentlich ist schließlich nicht gottgegeben, und gerade sein Modell ist allumfassend. Jede individuelle Kaufentscheidung wäre ebenso politisch wie die sexuelle Ausrichtung des Einzelnen. Die sollen zwar unkontrolliert bleiben, aber: Wären in einem solchen System nicht nur jene Arten von Vielfalt, nur jene Abweichungen, die das „Ökosystem“ braucht, willkommen? Und was wäre mit den anderen?

Eine Frage, die kein noch so ausgetüfteltes Computermodell beantworten kann, ist die, wozu es eigentlich eingesetzt werden soll. Es bleibt offen, wo trotz „Bottom-up“, Selbstorganisation und Transparenz neue Machtformen entstehen, die auch tief ins Innere der algorithmischen Modellarchitektur reichen. Wer entscheidet, wie das Modell rechnet? Was es berechnet? Warum sollten wir wissen, wo und wann der nächste „Frühling“ ausbricht? Wem würde ein solches Wissen nutzen? Denen, die gegen Herrschaftsstrukturen kämpfen, oder eher denen, die sie erhalten wollen? „Stabilität“ ist ein starkes Argument in Helbings Logik - ein Argument, mit dem sich heute ebenso gut Politik machen lässt wie mit den Schlagwörtern „Partizipation“ und „Transparenz“. Stabilität ist in die Programmstruktur des Modells gewissermaßen eingebaut. Es ist eine Art Frühwarnsystem, das immer dann Alarm schlägt, wenn sich etwas zu verändern droht.

Kontrollierte Realität

Der Glaube daran, neue technische Instrumente seien per se emanzipatorisch, sitzt tief, der Hype um die Beteiligungsmöglichkeiten des Web 2.0 hält an, und auch die „angeleitete Selbstorganisation“ der Gesellschaft, die Helbing und seinem Team vorschwebt, ist nur zeitgemäß: Wenn eine Gesellschaft „sich selbst“ organisiert, ist das die beste, weil natürlichste Form des Zusammenlebens - und damit diese Natur effizient ist, muss man ihr technisch auf die Sprünge helfen. Neoliberalismus und Kybernetik verbinden sich, der Mensch wird zur Informationsmaschine und die „rechnerische Planung des Lebens“ auf die Spitze getrieben. Diese hatte Michel Foucault schon im Jahr 1976 als typisch für moderne Regierungsweisen beschrieben. Fast vierzig Jahre später stehen alle Instrumente zur Verfügung. Und so mag die EU sich gerade fragen: Wäre das „FuturICT“ nicht der schlüssigste Schritt zur Optimierung der Gesellschaft?

Mit der Warnung vor Kontrollmechanismen mit freiheitlichem Aussehen braucht man Helbing aber nicht zu kommen, die ist ihm zu unsachlich. Einen Einwand müsste Helbing allerdings gelten lassen, ist er doch nur „logisch“ begründet: „FuturICT“ würde sich wie alle Großsimulationen nicht auf seine Richtigkeit überprüfen lassen - das Modell ist schließlich Teil der Gesellschaft, deren Zukunft es mit jeweils bestimmter Wahrscheinlichkeit voraussagt: Sobald es Ergebnisse liefert, kann die Gesellschaft sich zu ihnen verhalten. Ob das Modell einen nächsten „Frühling“ kommen sieht und damit Menschen motiviert, auf die Straße zu gehen, oder mit der Voraussage das Militär veranlasst, bei Demonstrationen hart durchzugreifen - man wird nie gewusst haben, ob es ohne die Voraussage nicht vielleicht ganz anders hätte kommen können.

Helbing schaut irritiert. Und dann sagt er: „Innovationen haben es am Anfang immer schwer. Es brauchte auch Zeit, bis man Galileo Galilei verstanden hat.“

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