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Forschung an der Zukunftsmaschine : Die Berechnung der Welt

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Die „Politische Kybernetik“ als Vorläufer

Auch sein Team arbeite so. Helbing betont, dass er sich das „FuturICT“ nicht allein ausgedacht habe: „FuturICT“ kooperiert mit 68 Universitäten und 55 Forschungsinstituten aus 25 Ländern. Dass Helbing, der selbsterklärte Visionär, der wissenschaftliche Leiter des „FuturITC“ ist, ist in seiner Argumentation logisch, weil es am effizientesten ist: So soll nach Helbing die gesamte Gesellschaft organisiert sein. Die Gesellschaft als algorithmisch bestimmte Aufgabenverteilung? Helbing will mit Hilfe der Computer regeln, wer sich innerhalb des Kollektivs wie zu verhalten habe, wer welche Rolle zu erfüllen habe, damit das System effizient, also nachhaltig ist. Helbing ist überzeugt, das sei im Interesse aller.

Wenn Technokratie bedeutet, einen politischen Diskurs durch eine Logik der Effizienz zu ersetzen, dann könnte man Helbings Visionen technokratisch nennen. Sein Modell hat Vorläufer in der „Politischen Kybernetik“, die sich einige Politikwissenschaftler und politische Berater wie Karl W. Deutsch oder Stafford Beer in den fünfziger und sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ausmalten. Deutsch plädierte für eine Ablösung alter, auf Souveränität bezogener Konzeptionen der Macht zugunsten einer Form der Regierung über die „rationelle Koordination von Informations- und Entscheidungsströmen, die im Gesellschaftskörper zirkulieren“. Dazu müssten „Empfangsorgane“ installiert werden, die alle „Informationen jeder lebenden Gemeinschaft“ und ihrer einzelnen Mitglieder erfassen und jene Informationen durch Vergleichung und Verknüpfung verarbeiten könnten.

In Helbings Welt würden die Mitglieder der Gesellschaft die Informationen über die Global Participatory Platform selbst freiwillig in die Empfangsorgane, in das Planetary Nervous System, einspeisen. Helbings Vision ist eine Utopie der Welt, in der sich alles in Feedbackkreisläufen selbst zum Besten steuert. Damit impliziert sie, dass Gesellschaft etwas ist, was entweder funktioniert oder eben nicht. Und dass alles Handeln einen Zweck hat. Dass es Mittel gibt, mit denen man Gesellschaft besser, funktionaler, vor allem effizienter gestalten kann. Und dass die effizienteste Welt zugleich die wünschenswerte ist.

Schutz des Privaten

In einer solchen Welt ist der Computer die Maschine, die die Menschen und deren Zusammenleben erfassbar, entschlüsselbar und damit berechenbar macht. „In zehn Jahren werden Computer die Leistungfähigkeit menschlicher Gehirne erreichen“, sagt Helbing. Der Mensch selbst ist unter dieser Perspektive nicht mehr als ein Knotenpunkt in einem Netz aus Datenströmen, der sich wie das Ebenbild des Computers programmieren lässt. Aber würde dieses Menschenbild dadurch nicht zweierlei ignorieren: Dass es erstens Interessenskonflikte gibt, die sich aus kapitalistischen Verhältnissen und gesellschaftlichen Hierarchien speisen? Die Banker und Investoren haben die Finanzkrise schließlich nicht nur deshalb verursacht, weil die Anweisungen von Computern fehlten.

Und zweitens, dass der Mensch anders als der Computer träumt, zweifelt, liebt? Rechenmaschinen wissen wenig von dem, was Leben von Überleben unterscheidet. Essen und Schlafen dienen der Regeneration, Sex der Fortpflanzung, das Lesen der Intelligenzsteigerung. Überhaupt dient alles irgendetwas, sonst ist es überflüssig. Denken, hat Adorno geschrieben, ist das Gegenteil von Probleme lösen. Ist es für den Wissenschaftler Helbing nicht genau andersherum? Wären Philosophie, Kunst und Musik in dieser Welt des reibungslosen Ablaufs nicht einfach überflüssig?

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