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Forschung an der Zukunftsmaschine : Die Berechnung der Welt

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Der dritte Teil von Helbings Modell ist die Global Participatory Platform, eine weltweite Beteiligungsplattform. Helbing schwebt ein offenes Forum vor, in dem Privatpersonen, Unternehmen und Organisationen selbst Informationen abrufen und Handlungsmöglichkeiten durchspielen können. „So demokratisieren wir die Daten“, erklärt Helbing. „Unter den gegebenen Bedingungen wird die Initiative einzelner Menschen abgewürgt, obwohl sie sich stärker engagieren wollen. Stuttgart 21, Occupy und Wikipedia zeigen, dass viele Bürger gern einen größeren Anteil an der Gestaltung unserer Welt haben würden.“ In Helbings Vision sind alle Menschen „Produser“, also Produzenten und Nutzer gleichermaßen, so wie sie es zum Beispiel schon auf Facebook sind. So soll eine „Bürgerwissenschaft“ entstehen: Hobbyforscher würden das Modell kontinuierlich verfeinern oder die Erhebung von fehlenden Daten in Eigenregie vorantreiben.

Ein Jahrzehnt Entwicklungsarbeit

Softwareentwickler könnten eigene Werkzeuge entwickeln. Bürger könnten die Ergebnisse des Modells diskutieren, NGOs Informationen über Handlungsstrategien einholen. Jeder könnte via Internet Fragen an das rechnende Orakel richten.

Noch ist Helbings Projekt eine Vision, die viele Fragen offenlässt. Die Entscheidung, ob Helbing die halbe Milliarde von der EU bekommt, soll noch im Januar fallen. Für das „FuturICT“ ist eine Entwicklungszeit von zehn Jahren eingeplant. Bis dahin müssen Indikatoren ausgewählt und Algorithmen entwickelt werden. Das sind keine einfachen Fragen, weil sie die Ergebnisse und damit unter Umständen auch politische Entscheidungen beeinflussen würden.

Effizientes Kollektiv

Angeleitet durch das „FuturICT“, aber dennoch selbstbestimmt sollen die Menschen sein - Helbing sieht sein Modell als Synthese zweier antagonistischer Organisationsmodelle: „Die einen sind für Regulierung, die anderen befürworten freie Märkte ohne Einmischung von oben. Die Lösung ist Selbstorganisation nach geeigneten Spielregeln.“

Aber wer entscheidet, was geeignet ist? „Die Gesellschaft selbst“, antwortet Helbing. Schließlich würde sein Modell mehr Demokratie ermöglichen, fügt er hinzu. Dass Kollektive wie „die Gesellschaft“ falsch liegen können, weiß er aber selbst - da verweist er gar auf den Holocaust. „Ich glaube an die Weisheit der vielen, an Schwarmintelligenz“, erklärt er, „aber die kann ins Gegenteil kippen, wenn die Bedingungen nicht gut sind. Dann kann es zu unerwünschten Prozessen sozialer Ansteckung kommen, etwa Herdenverhalten.“ Das sogenannte Dritte Reich sei so ein Beispiel.

Dazu komme es, weil Menschen den Überblick verlieren. „Um die Zusammenhänge verständlich zu machen, muss man ein Bewusstsein für die Feedback- und Kaskadeneffekte schaffen.“ Dank „FuturICT“ würden globale Prozesse wie zum Beispiel Verwertungsketten oder das Zusammenspiel verschiedener Finanztransaktionen transparenter für jeden Einzelnen werden. Aber dass unsere Gehirne für den Überblick nicht gemacht sind, hat Helbing schon mit dem Stau-Beispiel bewiesen. Deshalb müssten Computer die „guten Bedingungen“ aufzeigen. Die Computer müssen den Menschen helfen bei der freiwilligen Selbst- und Kollektivkontrolle. „Wenn die Entscheidungsprozesse richtig aufgesetzt sind, können die Fähigkeiten der Einzelnen so zusammengebracht werden, dass Schwarmintelligenz funktioniert und etwas entsteht, das intelligenter ist als jeder Einzelne.“ So, dass alles reibungslos verläuft. „Es geht darum, die Menschen im Mittel zufriedener zu machen.“

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