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Forschung an der Zukunftsmaschine : Die Berechnung der Welt

  • -Aktualisiert am

Mobiltelefone als Sensor

Helbing schließt die Tür zu seinem Büro. Eine breite Fensterfront öffnet den Blick auf die Stadt Zürich und die Alpen im Hintergrund. „Für ein visionäres Projekt muss man bis zum Horizont sehen und darüber hinaus denken können“, bemerkt Helbing leise. Er ist sich seiner Sache ganz sicher. Aber wie soll das, was gegen Stau hilft, auch Finanzkrisen, Naturkatastrophen und Bürgerkriege verhindern? Wie kann er das Modell des Verkehrsmanagements auf die ganze Welt übertragen? Wie soll das „FuturICT“ funktionieren?

„Es ist gar nicht kompliziert, man muss die gegenwärtige Situation nur richtig nutzen“, sagt Helbing. Er beginnt, mit Begriffen um sich zu werfen, die überhaupt nicht in diesen Altbau im Villenviertel passen: „Das FuturICT besteht aus drei Säulen, dem Planetary Nervous System, dem Living Earth Simulator und der Global Participatory Platform.“ Das planetarische Nervensystem soll bereits existierendes und neues Wissen zusammenbringen, zum Beispiel demographische Daten, Informationen über Finanzströme und Wirtschaftsentwicklungen oder epidemiologische Statistiken. Schon heute gibt es weltweit fast so viele Mobilfunkanschlüsse wie Menschen. Für Helbing ist jedes dieser Telefone ein kleiner Sender, der unentwegt Auskunft über die Verfassung des Besitzers gibt.

Über Blogs, Facebook, Tweets, SMS, Telefongespräche und Fernsehquoten veröffentlichen Menschen längst Bewegungs- und Kontaktdaten, aber auch Informationen über ihre Gemütslage und Absichten. Mit Supercomputern soll das Planetary Nervous System diese Daten zusammenführen, einordnen und auswerten - die Daten sind dabei anonymisiert, um den Einzelfall geht es Helbing nicht. Die Computer melden dann etwa: „Das Vertrauen in die neue Regierung hat in der italienischen Bevölkerung um 44 Prozent abgenommen.“ Oder: „Die gegenwärtigen Entwicklungen auf dem Immobilienmarkt weisen auf eine gefährliche Blase hin.“ Oder auch: „Die Gefahr der Ausbreitung eines Magen-Darm-Infekts in der Grundschule Hamburg-Eimsbüttel ist in den nächsten zwei Wochen um 50 Prozent erhöht.“ So lässt sich die dynamische Gesellschaft in Echtzeit verstehen - und dementsprechend berechenbar machen. So steht es in den Anträgen zum „FuturICT“, und so erzählt es Dirk Helbing.

Rechnendes Orakel

Der Living Earth Simulator, der lebendige Weltsimulator, so geht der Plan weiter, wird permanent mit den Daten des Planetary Nervous System gefüttert. Er ist eine Art Onlinekarte wie Google Maps - dabei jedoch dreidimensional und dynamisch. „Sie müssen sich das wie ein Imax vorstellen“, erklärt Helbing, „und durch Eingriffe in diese räumlichen Visualisierungen können Sie Zukunftsszenarien durchspielen.“ Im Fall des Staus ist das noch leicht vorstellbar: Auf der Leinwand des Imax erkennen wir dank der Berechnung der Computer, dass es zu Stau kommt. Also verlangsamen oder beschleunigen die Forscher das Auto in der Simulation so, dass alle flüssig weiterfahren können.

Das lasse sich laut Helbing auch auf die Politik übertragen: Mit einer Simulation, die ein Problemszenario im Zeitraffer durchspielt, können Lösungen gefunden werden. So könnte der Living Earth Simulator zum Beispiel erkennen: „Wenn Hamburger Schulen für zwei Tage geschlossen werden, wird der Magen-Darm-Infekt zu 90 Prozent eingedämmt.“ Oder: „Wenn der Lohn im öffentlichen Dienst in Italien um 5 Prozent gehoben wird, können Streiks verhindert werden.“

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